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Ende der 1980er-Jahre trat Erdmandelgras zunächst auf drei Flächen nördlich von Osnabrück auf. Bis 1992 nahm die befallene Fläche langsam auf rund 100 Hektar zu. Betroffen waren vor allem sandige und anmoorige Böden mit überwiegendem Maisanbau. Fast 30 Jahre dauerte es, bis sich die befallene Fläche auf insgesamt rund 10.000 Hektar vergrößert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch hochwertige Ackerböden betroffen, auf denen Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren oder Zuckerrüben angebaut werden. Die Ausbreitung hat sich in den vergangenen fünf Jahren stark beschleunigt. Inzwischen sind bundesweit rund 300.000 Hektar Ackerfläche von Erdmandelgras betroffen. Ein deutlicher Befallsschwerpunkt liegt in Nordwestdeutschland, insbesondere in Niedersachsen.
Die unterirdisch gebildeten Erdmandeln werden als Lebensmittel ganz, als Flocken oder gemahlen angeboten. Als Kulturpflanze wird Erdmandelgras unter anderem in Teilen Afrikas und in Spanien angebaut. Dafür kommen spezielle Sorten zum Einsatz, die größere Mandeln bilden und empfindlicher auf Herbizide reagieren als die hier auftretenden Wildformen. Der Anbau erfolgt in Dämmen, für die Ernte werden spezielle Roder eingesetzt. Zwischen den Anbaujahren wird teilweise ein Jahr ohne Kultur als Schwarzbrache eingeschoben.
Das hier als Ungras auftretende Erdmandelgras (Cyperus esculentus) ist ein Neophyt. Damit werden Pflanzenarten bezeichnet, die sich in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie vor 1492 nicht heimisch waren. Solche Arten können durch menschliche Aktivitäten absichtlich oder unabsichtlich eingeführt werden. In der Liste der Pflanzen, die weltweit im Hinblick auf den Anbau von Nahrungsmitteln die größten wirtschaftlichen Schäden verursachen, steht Cyperus esculentus auf Platz 16. Die große Schwester, das Knollige Zypergras (Cyperus rotundus), steht auf Platz 1.
Cyperus esculentus besitzt einen dreikantigen Stängel. Die glänzend hellgrünen Blätter sind im Querschnitt deutlich V-förmig. Die Pflanze ist unbehaart und bildet keine Knoten. Diese Merkmale erleichtern die Unterscheidung von anderen Gräsern. Erdmandelgras bevorzugt warme und helle Bedingungen. Als C4-Pflanze kann es auch bei Temperaturen über 30 Grad Celsius assimilieren.
Ab April oder Mai beginnen die Erdmandeln auszukeimen. Je nach Varietät setzt dieser Prozess bei Bodentemperaturen ab 8 beziehungsweise 12 Grad Celsius ein. Die meisten Mandeln liegen in etwa 5 bis 15 Zentimetern Bodentiefe. Große Mandeln können jedoch auch aus mehr als 40 Zentimetern Tiefe einen Keimschlauch bis zur Oberfläche bilden. Nach dem Auflaufen entwickeln die Triebe eigene Wurzeln und können dadurch unabhängig von der Ausgangsmandel weiterwachsen. Eine Erdmandel kann mehr als einen Keimling hervorbringen und zwar gleichzeitig oder erneut, wenn ein erster Austrieb verloren geht. Wie häufig ein Neuaustrieb möglich ist, hängt stark von der Größe der Mandel ab.
Von Mai bis August wächst Erdmandelgras vor allem vegetativ. Neben Blättern bildet die Pflanze unterirdische Ausläufer (Rhizome), aus denen neue Triebe entstehen. Ab dem Drei-Blatt-Stadium werden zusätzlich neue Erdmandeln gebildet. Besonders intensiv erfolgt dies ab Mitte September. Junge Mandeln sind weiß und 2 bis 3 Millimeter groß. Mit zunehmendem Alter werden sie braun und können einen Durchmesser von gut einem Zentimeter erreichen; der überwiegende Teil bleibt jedoch kleiner als 7 Millimeter. Die mittlere Lebensdauer der Mandeln im Boden beträgt fünf Jahre. Ein Teil kann auch nach zehn oder mehr Jahren noch lebensfähig sein.
Erdmandeln können während der Ausreifung je nach Witterung eine ausgeprägte Dormanz, also Keimruhe, entwickeln. Dadurch keimt jeweils nur ein Teil der im Boden vorhandenen Mandeln. Unterschiedliche Ablagetiefen führen außerdem dazu, dass die Pflanzen zu verschiedenen Zeitpunkten auflaufen.
Mit den ersten Frösten sterben die oberirdischen Pflanzenteile ab. Auch Wurzeln und Rhizome sind wenig frosthart und vergehen teilweise über den Winter. Das eigentliche Überwinterungsorgan ist die Erdmandel, welche bis minus 15 Grad verträgt.
Eine Ausbreitung über Samen ist grundsätzlich möglich und wird in Regionen mit starkem Befall beobachtet. Gegenüber der Verschleppung von Erdmandeln spielt dieser Weg jedoch eine geringe Rolle mit weniger als einem Prozent.
Die stärkste Verbreitung findet über landwirtschaftliche Maschinen statt. Erdmandeln können mit anhaftender Erde an Reifen und Bodenbearbeitungsgeräten verschleppt werden. Auch bei der Gülleausbringung mit Strip-Till-Technik sowie beim Einsatz von Sägeräten, Pflanzmaschinen, Dammhäuflern, Hacken, Rodern und Verlademäusen besteht dieses Risiko. Ein Befall wird häufig im Bereich von Rübenmieten oder an Einfahrstellen von Kartoffelrodern zuerst sichtbar.
Erde unbekannter Herkunft kann Erdmandeln auf bislang unbelastete Flächen eintragen. Beispiele dafür sind Flächen, auf denen nach dem Rückbau von Strommasten entstandene Löcher mit fremder Erde verfüllt wurden. An diesen Stellen trat anschließend Erdmandelgras auf. In einem Fall war die betroffene Fläche so stark besetzt, dass sie von einer dort ansässigen Rübenfabrik nicht mehr für den Rübenanbau akzeptiert wurde. Auch Erdanschüttungen an ausgefahrenen Feldeinfahrten oder in Senken wurden als mögliche Eintragspfade identifiziert.
Es wurden mehrere Fälle beobachtet, bei denen auf Feldern entsorgte Gartenabfälle mit einem Erstbefall in Verbindung standen.
Erdmandeln werden von verschiedenen Vogelarten gefressen und möglicherweise nicht immer vollständig verdaut.
Sie werden außerdem als Angelköder angeboten und genutzt. Erdmandelgras wächst auch im Uferbereich von Gewässern. Bei Hochwasser können Erde und Pflanzenmaterial verfrachtet werden. Grabenaushub ist in mehreren Fällen ebenfalls als Eintragspfad auf Ackerflächen bekannt.
Beim Straßen- und Leitungsbau kommen große, schwer zu reinigende Maschinen zum Einsatz und es werden erhebliche Mengen Erde bewegt. Verlaufen Baumaßnahmen durch Befallsgebiete, können dadurch Erdmandeln verschleppt werden.
Auch Rest- und Wascherde, die beispielsweise beim Verpacken von Kartoffeln anfällt, kann Erdmandeln verbreiten. Wird sie nicht gezielt an den Herkunftsbetrieb zurückgegeben, kann sie einen Erstbefall verursachen.
Bei starkem Befall befand sich in mindestens einer von zehn Kartoffeln eine Erdmandel. Nach dem erneuten Pflanzen der Kartoffeln entwickelten sich daraus neue Erdmandelgraspflanzen. Auch mit Baumschulware können Erdmandeln über größere Entfernungen verbreitet werden. Erdmandelgras ist jedoch derzeit kein relevanter Schaderreger bei der Anerkennung von Pflanzgut.
Über Rüben sowie andere Knollen- und Wurzelfrüchte können Erdmandeln in Biogasanlagen gelangen. Hierzu wurden Untersuchungen in der Schweiz durchgeführt: Bei 55 Grad Celsius waren Erdmandeln nach sieben Tagen nicht mehr keimfähig, bei 37 Grad Celsius nach 21 Tagen. Ein Praxisproblem sind hydraulische Kurzschlüsse, durch die ein Teil des Materials die Anlage deutlich schneller durchläuft. Der Anteil beziffert sich je nach Anlage auf 0,5 bis 5 Prozent.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Größenordnung: Werden je Hektar 100 Tonnen Rüben mit zwei Prozent Erdanhang geerntet und enthält jedes Kilogramm Erde zehn Erdmandeln, gelangen 20.000 Mandeln in die Anlage. Bei einem Kurzschlussanteil von 0,5 bis 5 Prozent könnten 100 bis 1.000 Mandeln die Anlage in weniger als 24 Stunden verlassen. Bei einem nachgeschalteten Nachgärer wären es nach derselben Rechnung 0,5 bis 5 Mandeln.
Auch bei Kompost hängt das Risiko von der Behandlung ab. Schweizer Ergebnisse zeigen, dass Erdmandeln bei 50 Grad Celsius nach sieben Tagen nicht mehr keimfähig waren. In der Praxis erreicht jedoch nicht jeder Kompost die dafür erforderliche Temperatur über einen ausreichenden Zeitraum.
In Belgien, den Niederlanden und der Schweiz wurden in den vergangenen 20 Jahren verschiedene Ansätze zur Bekämpfung von Erdmandelgras erprobt. Hier sind Herbizide sowie mechanische und thermische Verfahren, Strom, Maleinsäure und der Einsatz von Turopolje-Schweinen zum Aufspüren und Fressen der Mandeln zu nennen. Keiner dieser Ansätze führte zu einem durchschlagenden Erfolg.
Von 2016 bis 2019 versuchten 14 Landwirtinnen und Landwirte gemeinsam mit der örtlichen Beratung, den Erdmandelgrasbesatz auf 21 Feldern zu reduzieren. Im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten wurden verstärkt Mais und Getreide in die Fruchtfolge aufgenommen.
Auf acht Feldern ging der Befall zurück, auf sieben blieb die Zahl der Erdmandeln unverändert und auf sechs stieg sie weiter an. In erfolgreichen Fällen wurde Mais spät, frühestens am 20. Mai, gelegt. Die Zeit vor der Saat nutzten die Betriebe, um aufgelaufene Erdmandelgraspflanzen mehrfach mechanisch zu beseitigen. Wintergetreide reduzierte den Besatz nach Angaben der Autoren stärker. Ein gutes Ergebnis wurde jedoch nur dort erreicht, wo die Bekämpfung nach der Ernte fortgesetzt wurde. Ohne weitere Maßnahmen nahm der Befall wieder zu.
In einem erfolgreichen Beispiel sank der Besatz im Versuchszeitraum um 87 Prozent – von 620 auf 80 Erdmandeln je Quadratmeter.
Aus dem Projekt leiten die Autoren ab, dass stark befallene Flächen wahrscheinlich nur schwer wieder vollständig von Erdmandelgras befreit werden können.
Einzelne Pflanzen sollten mit ausreichendem Sicherheitsabstand nach unten und zu den Seiten ausgegraben und vernichtet werden.
Bei starkem Befall sollte der Boden ausgekoffert und entsorgt werden. Tiefe Fahrspuren können Erdmandeln in tiefere Bodenschichten verlagern. Als Alternative zur Entsorgung kann eine Sterilisation des Bodens mit anschließender Rückführung auf die Fläche erfolgen. Wird nicht ausgekoffert und wieder aufgefüllt, sollte die betroffene Teilfläche aus der Produktion genommen werden, um eine weitere Verschleppung zu verhindern.
Für größere Befallsflächen sollte eine wiederholte mechanische Bearbeitung in Kombination mit der Aussaat einer Zwischenfrucht erfolgen. Nach der Getreideernte werden die betroffenen Teilflächen spätestens im Drei-Blatt-Stadium des Erdmandelgrases bearbeitet. Die Bearbeitungstiefe steigt schrittweise von 4 auf 8 und schließlich 12 Zentimeter. Ziel ist es, Erdmandeln zum Keimen anzuregen und aufgelaufene Pflanzen zu beseitigen. Rhizome und anhaftende Mandeln sollen möglichst an die Oberfläche gelangen. Ab dem zweiten Durchgang eignen sich leichte Grubber und Federzinkeneggen besser als Scheibeneggen. Da die Mandeln meist unbeschädigt bleiben, soll wiederholter Austrieb ihre Reserven erschöpfen. Sind hochgeförderte Rhizome vertrocknet und ist der Boden noch locker, empfiehlt sich das Walzen, um günstige Keimbedingungen für die Mandeln zu schaffen. Im Herbst wird eine Zwischenfrucht eingesät, um den nach der intensiven Bearbeitung gelockerten Boden zu stabilisieren.
Das Erdmandelgras hat sich in den vergangenen Jahren deutlich ausgebreitet. Auf stark befallenen Flächen kann der wirtschaftliche Anbau bestimmter Kulturpflanzen erheblich eingeschränkt sein. Die Sanierung solcher Flächen kann mehrere Jahre dauern und einen hohen Zeit- und Kostenaufwand verursachen. Es ist bislang kein Fall bekannt, in dem eine Fläche nach ausgedehntem Starkbefall vollständig saniert werden konnte. Umso wichtiger sind Maßnahmen, die eine Verschleppung vermeiden und einen Befall möglichst früh begrenzen:
Diese Maßnahmen können dazu beitragen, die weitere Verschleppung von Erdmandeln zu begrenzen.