Wir verwenden Cookies, um Ihnen die optimale Nutzung unserer Webseite zu ermöglichen. Es werden für den Betrieb der Seite nur notwendige Cookies gesetzt. Details in unserer Datenschutzerklärung.
Hier beginnt der Hauptinhalt dieser Seite
Das Hirtentum ist eine der ältesten Formen der Tierhaltung und hat auch in Deutschland eine lange Tradition. Vor ca. 5000 Jahren fand in Mitteleuropa der Übergang vom Jagen zum Hirten statt, was gleichzeitig den Beginn der Bauernkultur markierte. Der Hirten und Hirtinnen führen bzw. wandern mit ihren Herden und sind dabei für die Gesundheit und Sicherheit der Tiere verantwortlich.
Über Jahrtausende hinweg entwickelten Hirtinnen und Hirten verschiedene Formen der Weidewirtschaft, die sich an den natürlichen Gegebenheiten orientieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte Transhumanz – die saisonale Wanderung von Herden zwischen in verschiedenen Klimazonen oder Höhenstufen liegenden Weidegebieten. Durch die „Wanderweidewirtschaft“ werden nährstoffarme Flächen gepflegt, die Artenvielfalt gefördert und die Verbuschung von alpinen Hängen verhindert.
Auch heute noch ist das Hirtentum in Europa präsent. Die traditionelle Transhumanz ist von der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) in mehreren europäischen Ländern als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Denn sie besitzt nicht nur wirtschaftliche und ökologische, sondern auch kulturelle Bedeutung. Dabei wurden zwei Arten der Transhumanz anerkannt: die horizontale Transhumanz in flachen Regionen und die vertikale Transhumanz, die typisch für Bergregionen ist.
Die Wanderweidewirtschaft umfasst traditionelles Wissen, Bräuche und Techniken, die über Generationen weitergegeben wurden. Diese enge Verbindung von Mensch, Tier und Landschaft macht das Hirtentum zu einem bedeutenden Teil des kulturellen Erbes. In Deutschland findet vor allem im südlichen Bundesgebiet die Wander- und Hüteschäferei statt, die ebenfalls von der UNESCO als Immaterielle Kulturerbe anerkannt wurde.
Durch die Jahrhundertlange Beweidung sind wertvolle Kulturlandschaften entstanden, die ohne Weidetiere verschwinden würden. Das Hirtentum leistet daher einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz. Extensive Beweidung hält Landschaften offen, verhindert Verbuschung und schafft Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Dadurch entstehen artenreiche Ökosysteme, die für die Biodiversität von großer Bedeutung sind.
Zudem ist die Weidetierhaltung eng mit der Landschaftspflege verbunden. Ein großer Teil der Einnahmen von Schäfereien stammt heute nicht mehr aus der Produktion von Fleisch oder Wolle, sondern aus der Pflege von Naturschutzflächen. Auch als Teil der Küstenschutzmaßnahmen, zum Beispiel auf Deichen an der Nordseeküste oder Binnendeichen, spielen Wanderschäfereien eine wichtige Rolle.
Trotz seiner Bedeutung steht das Hirtentum in Deutschland vor großen Herausforderungen. Die extensive Weidetierhaltung ist allein durch die Produktion von Fleisch und Wolle nicht tragfähig. Sie wird oft über und mit zusätzlichen Prämien für Landschaftspflege finanziert.
Die schwierige wirtschaftliche Lage und die harte körperliche Arbeit sind Gründe dafür, dass die Zahl der Wanderschäfereibetriebe in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen hat. Laut der Bundesregierung sind im Jahr 1999 noch 303, im Jahr 2016 aber nur noch 97 Betriebe gezählt worden. Wobei hier darauf hingewiesen werden sollte, dass es keine allgemein gültige Definition von Wanderschäfereien gibt.
Um dem Rücklauf entgegenzuwirken, haben sich 2025 verschiedene Organisationen und Initiativen aus Weidetierhaltung, Naturschutz und Landwirtschaft zum Bündnis für Weidelandschaften und Hirtentum zusammengeschlossen. Sie fordern eine stärkere politische Unterstützung für die Weidetierhaltung und betonen, dass Behirtende eine zentrale Rolle für Naturschutz, Klimaschutz und den Erhalt von Kulturlandschaften spielen.
Auch auf internationaler Ebene wird die Bedeutung des Hirtentums zunehmend anerkannt: So wurde das Jahr 2026 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt, um auf die Leistungen und Herausforderungen dieser traditionellen Wirtschaftsweise aufmerksam zu machen.
Bei der Behirtung werden Weidetiere kontinuierlich durch einen Menschen begleitet und betreut. Diese direkte Aufsicht kann eine schnelle Reaktion auf Gefahren und den aktiven Schutz der Tiere ermöglichen. In der Regel arbeitet der Hirte dabei auch mit Hüte- und/ oder Herdenschutzhunden zusammen. Die Behirtung als Herdenschutzmaßnahme hat in Deutschland (bisher) keine Bedeutung. Die gängige Herdenschutzmaßnahme ist hierzulande der Elektrozaun.
Anders ist die Situation in Frankreich. Mithilfe von EU-Geldern werden bis zu 80 % der Schäfergehälter (Höchstbetrag von 2.500 € pro Monat) in Gebieten mit besonders hohem Raubtieraufkommen finanziert. Dies betrifft vor allem die Départements des Alpenbogens und des Zentralmassivs. Denn in den französischen Gebirgsregionen sind sowohl Weidewirtschaft als auch Wölfe besonders verbreitet. Dort streifen die Schafe unter der Führung eines Hirten frei über große Gebiete, was sie dementsprechend angreifbarer macht. Daher setzt Frankreich stark auf finanzierte menschliche (Hirten) und tierische (Hunde) Präsenz als Herdenschutzstrategie.
In Deutschland ist das Hüten von Schafen direkt Teil der Schäferausbildung. Hierzulande ist die offizielle Bezeichnung des Ausbildungsberufes Tierwirt/-in mit Fachrichtung Schäferei. Es handelt sich um eine dreijährige duale Ausbildung auf Praxisbetrieben und blockweisem Unterreicht in der Berufsschule. Die zentralen Berufsschulen für Schäfer in Deutschland befinden sich in Triesdorf (Bayern) und Halle (Sachsen-Anhalt). Mehr Informationen dazu gibt es auf der Website der Bundesagentur für Arbeit und bei der berufsständischen Vertretung Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände e. V. (VDL).
In Frankreich ist der Beruf des Schäfers stark professionalisiert. Die Ausbildung erfolgt oft in Kombination mit der Käseherstellung und umfasst mehrere Stufen. In Italien wurden in den vergangenen Jahren aufgrund der Abwanderung aus den Bergdörfern und der Bedeutung der Landschaftspflege zahlreiche neue Schäferschulen für Hirtenlehrgänge gegründet. In Österreich und der Schweiz ist der Schäfer dagegen kein eigenständiger, klassischer Lehrberuf wie in Deutschland. Die Ausbildung erfolgt stattdessen über spezialisierte Lehrgänge und Praktika.
Letzte Aktualisierung: 30.06.2026
Viermal im Jahr aktuelle Infos zu Weidetierhaltung, Herdenschutz und Wolf.
Noch Fragen, Anregungen, Kritik?