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Betrieb

Landwirtschaft ohne elterlichen Hof: Geht das?

Landwirtschaft ohne elterlichen Hof: Geht das?

Viele junge und gut ausgebildete Menschen haben keinen größeren Wunsch, als einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Schwierig wird es, wenn die Eltern keinen Hof besitzen, den sie an diese Personen vererben können. Das kann auch der Fall sein, wenn Geschwister bereits den Vortritt erhalten haben. Oder der Hof bietet einfach nicht die Voraussetzungen dafür, auch nach ggf. möglichen Entwicklungsschritten ein langfristig tragfähiges Einkommen für alle Beteiligen zu erwirtschaften. Aber warum nicht einfach einen anderen Hof suchen, der bessere Aussichten bietet, das Interesse an der Landwirtschaft und das eigene Potenzial und Engagement bestmöglich einzusetzen?

Auf dem Weg, außerfamiliär einen passenden Hof zu finden, sind zahlreiche Herausforderungen zu meistern. In einem ersten Schritt gilt es, sich über die eigenen Wünsche, Ziele und Erwartungen Klarheit zu verschaffen und die vorhandenen Qualifikationen, insbesondere in Bezug auf die persönlichen unternehmerischen Fähigkeiten zu prüfen. Diese Bestandsaufnahme gibt Orientierung und formt richtungsweisend die weiteren Prozessschritte.

Je klarer die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu Anfang formuliert werden, desto verständlicher können sie kommuniziert werden. Und es wächst die Chance für einen zielführenden Austausch zwischen allen Beteiligten, in dem sich darauf abbauend konkrete Regelungen und Absprachen entwickeln.

Wie der Weg zum eigenen Hof aussehen kann, werden im Folgenden Iris Fahlbusch und Bernhard Gründken (Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen) im Auftrag des Verbandes der Landwirtschaftskammern an einem fiktiven Beispiel zeigen.

Die Ausgangslage

Kai Schmitz hat sich schon als Kind für die Landwirtschaft interessiert. Und das, obwohl seine Eltern keinen Hof bewirtschafteten. Aber ihm machte es großen Spaß, auf dem vielseitig ausgerichteten Betrieb des Onkels mitzuhelfen. Trotzdem fielen die Eltern aus allen Wolken, als Kai die Ausbildung zum Landwirt machen wollte. Irgendwie würde sich sein Traum vom eigenen Betrieb schon umsetzen lassen.

Heute, einige Jahre später und nach erfolgreichem Fachhochschulabschluss steht er vor der Frage, wie es weitergehen könnte. Ihm stünden alle Wege offen. Größere Betriebe sind ständig auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern, z. B. als Herdenmanager. Aber auch im vor- und nachgelagerten Bereich findet er viele Stellenanzeigen in der Fachpresse.

Trotz allem möchte Kai Schmitz weiter seinen Wunsch, selbst einen Betrieb zu führen, umsetzen. Im Laufe seines beruflichen Werdegangs hat er bereits einige Persönlichkeitsseminare besucht. Daraus abgeleitet, würde er sich wesentliche Unternehmereigenschaften bescheinigen. Auch seine Partnerin, die er im Studium kennengelernt hat, unterstützt ihn hinsichtlich seiner Vorstellungen. Sie ist derzeit im Vertrieb einer Futtermittelfirma tätig.

Erfolgversprechende Rahmenbedingungen und Reflexionen für die außerfamiliäre Hofübergabe:

  • Unternehmerische Bestandsaufnahme: Wie existenzfähig ist der Betrieb? Welches unternehmerische Profil hat er? Wie hat sich der eigene unternehmerische Werdegang entwickelt?
  • Bestandsaufnahme zu eigenen Wünschen, Werten, Motiven und Interessen: Warum möchte ich diesen Schritt gehen? Worauf kommt es für mich dabei an?
  • Bestandsaufnahme zu landwirtschaftlichen und unternehmerischen Fähigkeiten: Welche persönlichen Stärken habe ich? Welche unternehmerischen Kompetenzen und Erfahrungen bringe ich mit?
  • Klärung mit der Partnerin/dem Partner und evtl. vorhandenen Kindern sowie ggf. weiteren beteiligten Personen: Welchen Blick haben sie auf das Vorhaben?
  • Gestalten des Zusammenarbeitens- und -lebens: Woran würde jede Partei erkennen, dass ein gutes Miteinander im Betrieb und im gemeinsamen Zusammenleben auf der Hofstelle besteht? Welche Bereiche sind abzugrenzen und welche Gemeinsamkeiten können bereits zu Beginn vereinbart werden?
  • Entwickeln einer gemeinsamen Gesprächs- und Verhandlungskultur: Welche Erfahrungen bringt jede Partei mit? Wer ist bei Gesprächen dabei? Wie viel Zeit soll diesen Gesprächen gewidmet werden? Welche Vor- und Nachbereitungen sind notwendig und wer übernimmt die Verantwortung dafür?

Auf die Suche gehen und Klarheit gewinnen

Kai Schmitz wird aktiv und sucht auf unterschiedlichen Wegen nach einem für ihn passenden Betrieb. Er fragt im Freundes- und Bekanntenkreis nach, spricht mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Beratungsorganisationen und sogar aus dem Tierarztbereich. Außerdem gibt er Annoncen in der Fachpresse auf. Im Internet durchforstet er verschiedene Hofbörsen und schließlich meldet sich bei der NRW-Initiative zur außerfamiliären Hofnachfolge. Den zugesandten Fragebogen kann er hinsichtlich seiner persönlichen Daten schnell beantworten. Aber bei den Fragen nach seinen Wünschen, Zielen und Erwartungen kommt er doch ins Grübeln.

Will er wirklich die Verantwortung für einen Betrieb mit häufig starkem finanziellen Druck sowie hoher Arbeitsbelastung übernehmen? Könnte er den Start in die Selbständigkeit auch finanziell stemmen? Eigenkapital hat er bisher nicht aufbauen können. Traut er es sich zu, der zunehmenden gesellschaftlichen Kritik an der Landwirtschaft zu begegnen? Und wie würde sich das Zusammenleben mit einer bisherigen Bauernhoffamilie entwickeln? Und wird ihm genügend Freiraum zur Weiterentwicklung des Betriebes eingeräumt?

In einem persönlichen Gespräch, welches nach Zurücksenden des Fragebogens mit den Expertinnen und Experten der Vertrauensstelle der NRW-Initiative der außerfamiliären Hofnachfolge führt, wird es wesentlich konkreter. Verschiedene Rahmenbedingungen werden abgeklopft und Optionen vorgestellt. Es wird danach gefragt, ob er einen Betriebszweig bevorzugt, z. B. die Milchviehhaltung oder die Schweinemast. Ob er einen Betrieb im Haupterwerb oder Nebenerwerb anstrebt. Ob es ein konventionell geführter oder ein Biobetrieb sein soll.

Hier erfährt man auch, ob es entsprechende Familien bzw. Betriebe gibt, die eine Nachfolgerin/einen Nachfolger suchen. Manche können sich im Rahmen der Übergabe eine verbilligte Pacht vorstellen, andere wollen ihr Lebenswerk komplett in außerfamiliäre Hände legen.

Nach intensivem Nachdenken und vielen Gesprächen mit seiner Partnerin und anderen ihm nahestehenden Personen steht für ihn fest, dass er gerne im Haupterwerb wirtschaften möchte. Voraussetzung für ihn ist, dass der zukünftige Betrieb es ihm und später seiner Familie ermöglicht, ein für alle ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften. In seinen Lehrjahren war er übrigens sowohl auf einem Milchvieh-, wie auch auf einem Schweinebetrieb. Die Milchviehhaltung würde ihm aber mehr Spaß machen.

Sorgen formulieren und Begleitung nutzen

Viele, eher sorgenvolle Gedanken macht Kai Schmitz sich darüber, wie ein zukünftiges Zusammenleben mit den Abgebenden möglichst konfliktfrei gestaltet werden kann. Hier fehlt es ihm und vielleicht auch der Eigentümer-Familie an Erfahrung. Wie können das wohnliche Miteinander und der gemeinsame Kontakt auf dem Hof so organisiert werden, damit sich auf Dauer ein solides Vertrauensverhältnis entwickeln kann - eines von dem beide Seiten profitieren. Im trubeligen Betriebs- und Familienalltag gilt es schließlich zahlreichen Belastungen standzuhalten und unterschiedliche Sichtweisen zielführend auszutauschen. Das ist schließlich auch in gewachsenen Familienstrukturen oft schon eine enorme Herausforderung, wie er aus zahlreichen Gesprächen weiß.

Die Angst kann man ihm ein wenig nehmen. Für beide Parteien gibt es im Rahmen der NRW-Initiative Angebote zur Begleitung der außerfamiliären Hofnachfolge. Dort werden nicht nur betriebswirtschaftliche, juristische und steuerliche Aspekte aufgegriffen, sondern auch Hilfestellungen angeboten, wie man auf der menschlichen Ebene zusammenfindet

Die Chemie muss sowieso von Anfang an unter den Beteiligten stimmen und die Bereitschaft zu einem intensiven und ehrlichen Austausch gegeben sein. Schließlich ist auch die außerfamiliäre Hofübergabe ein sehr komplexer und zugleich emotionaler Prozess. Dabei durchschreiten beide Seiten – die übergebende Seite und die übernehmende Seite - Schritt für Schritt diesen Prozess. Verhandeln, Strategien entwickeln und Stück für Stück verbindliche Regelungen zu den vorhandenen Vorstellungen treffen: So lassen sich nach und nach mögliche Stolpersteine aus dem Weg räumen und von allen Beteiligten positiv eingeordnete und tragfähige Ergebnisse erzielen.

Welcher Betrieb ist der richtige?

Aus den Profilen möglicher Abgebenden und den Wünschen, Zielen und Erwartungen von Kai Schmitz hat sich ein Betrieb mit großer Übereinstimmung gefunden. Eine gezielte Zusammenführung wäre möglich. Ein gut geführter Milchviehbetrieb, der auch augenscheinlich eine langfristige Existenzgrundlage bietet, sucht einen Nachfolger.

Aber Kai Schmitz erfährt von der Vertrauensstelle, dass der Betrieb rund 120 km entfernt von seinem Wohnort in einer Grünlandregion liegt. Der Wunsch, einen eigenen Betrieb zu haben, steht zwar ganz klar an erster Stelle. Aber den Freundeskreis und die Heimat zu verlassen, das wollte er eigentlich nicht.

Kai Schmitz und seine Freundin wohnen zurzeit im Außenbereich nahe eines Mittelzentrums zur Miete. Die Partnerin kann im Rahmen ihrer Tätigkeit die Firmenkunden über die nahe gelegene Autobahn schnell erreichen. Kai Schmitz arbeitet aktuell ganz in der Nähe auf einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb als Angestellter. Ihm wird mehr und mehr klar, dass es fast unmöglich sein wird, im nahen Umkreis um seinen derzeitigen Lebensmittelpunkt einen ähnlichen Betrieb mit „passender“ Familie wie den in der Grünlandregion Ausgewählten zu finden.

Hin- und hergerissen möchte er doch den Kontakt mit den Nachfolgesuchenden aufnehmen. Dort kann er sich zunächst als Angestellter mit den betrieblichen und im Privaten mit den familiären Gegebenheiten vertraut machen. Die Wochenendbeziehung zu seiner Freundin hat sich eingependelt. Wenn es mit der bisherigen Bauernhoffamilie weiter so gut klappt und die beiden Parteien über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren intensiver zueinander finden, könnten weitere Schritte hinsichtlich einer Umsetzung der außerfamiliären Hofnachfolge angegangen werden.

Sowohl das Zwischenmenschliche als auch die Zahlen müssen stimmen

Zwischenzeitlich hat Kai Schmitz auch Einsicht in die Jahresabschlüsse gewinnen können. Die Existenzfähigkeit des Betriebes bestätigt sich. Der Betriebsleiter hat schon signalisiert, dass er gerne Verantwortung abgeben möchte. In Gesprächen mit den vertrauten „Begleitern“ werden verschiedene Modelle, wie einer Unternehmensbeteiligung oder einer Teilpachtung, diskutiert.

Auch seine Freundin könnte nach Rücksprache mit ihrem Arbeitsgeber ihr Tätigkeitsfeld in die neue Region verlagern. Sie unterstützt den eingeschlagenen Weg ohne Wenn und Aber. Alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, dass der Prozess der außerfamiliären Hofnachfolge hier gerade erst angestoßen wurde. Viele Schritte sind noch zu gehen. Aber Kai Schmitz ist seinem Ziel der aktiven Landwirtschaft ein großes Stück nähergekommen.

Letzte Aktualisierung: 16.02.2022

Seiten-Titel: Ungeklärte Hofnachfolge

Seiten-Beschreibung:

Dem Wunschgedanken, den Hof an die nächste Generation zu übergeben, stehen oft zahlreiche Gründe entgegen, warum eine Hofnachfolge nicht immer praktikabel ist. 

Seiten-Titel: Infografik Hofnachfolge

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Ein Großteil der Einzelunternehmen mit Betriebsleitenden über 55 Jahren haben keine oder nur eine ungewisse Nachfolge.