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Es scheint, dass die heute bereits spürbaren Folgen des Klimawandels für Winzerinnen und Winzer zum neuen Normalzustand geworden sind. Ein Blick auf Vorhersagen der zukünftigen Klimawandelfolgen macht jedoch deutlich, dass wir derzeit erst am Anfang einer Entwicklung stehen, deren Richtung zum Großteil bereits vorgegeben ist – sofern sich die weltweite Klimapolitik nicht grundlegend verändert.
In diesem Fachartikel liefert Dr. Helena Ponstein zunächst vertiefende Einblicke in die Klimawandelfolgen für den Weinbau bevor sie Ergebnisse aus dem Europäischen Innovationspartnerschaft-Projekt „Zukunftsweinbau Baden“ vorstellt. Dabei geht die Expertin für Nachhaltigkeitsthemen im Weinbau der zentralen Frage nach, ob pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs) nicht nur zur Anpassung an den Klimawandel, sondern gar zum Klimaschutz beitragen können.
Ein pessimistischer, aber leider nicht unrealistischer Blick auf die Klimawandelfolgen in Deutschland zeigt die Klimaprojektion des Deutschen Wetterdienstes (Abbildung 1). Auf der linken Seite ist die Oberflächentemperatur der Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1971 bis 2000 als Referenzperiode dargestellt.
Die mittlere Abbildung zeigt die durchschnittlich erwartbare Temperatur für den Zeitraum von 2031 bis 2060. Bereits hier wird durch die dunkleren Rottöne ein deutlicher Temperaturanstieg sichtbar, insbesondere im Rheingraben, der mehrere Weinbauregionen umfasst beziehungsweise tangiert.
Die rechte Abbildung zeigt die erwartete Temperaturentwicklung für den Zeitraum von 2071 bis 2100. Ohne eine schnelle und weltweite Umsetzung wissenschaftsbasierter Klimaziele geht der Deutsche Wetterdienst bis zum Ende des Jahrhunderts von einer Erhöhung der mittleren Jahrestemperatur in Deutschland um 3,1 bis 4,7 Grad Celsius aus (Deutscher Wetterdienst, 2021, S. 19).
Neben der Temperatur ist die Wasserverfügbarkeit ein entscheidender Faktor für die Landwirtschaft. Zwar wird erwartet, dass die Anzahl der Tage mit mindestens zehn Litern Niederschlag pro Quadratmeter zunimmt. Problematisch ist jedoch, dass vor allem die Winter niederschlagsreicher werden, während sich für das Sommerhalbjahr bislang keine eindeutige Entwicklung abzeichnet (Deutscher Wetterdienst, 2022).
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Die Auswirkungen des Klimawandels werden sich in den deutschen Weinbauregionen unterschiedlich stark bemerkbar machen. Entsprechend sollten Anpassungsstrategien nicht pauschal für alle Regionen entwickelt werden. Eine Aussage lässt sich jedoch verallgemeinern: Robuste Rebsorten unterstützen Weinbaubetriebe dabei, besser mit Wetterextremen umzugehen. Ebenso allgemein gilt, dass der Klimawandel den Bedarf an Pflanzenschutzmaßnahmen erhöhen kann, da längere Phasen mit hohem Infektionsrisiko für die wichtigsten Pilzkrankheiten zu erwarten sind. Vor diesem Hintergrund rücken pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs) zunehmend in den Fokus.
Das Konzept ist keineswegs neu. Die Rebsorte Regent ist seit vielen Jahren etabliert, wird heute jedoch nur noch als bedingt pilzwiderstandsfähig angesehen, da ihre Widerstandsfähigkeit im Laufe der Zeit deutlich nachgelassen hat. Deshalb wurde Regent im Projekt als eigene Kategorie betrachtet. Alle weiteren untersuchten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten wurden vereinfachend als „neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten“ zusammengefasst. Dazu gehörten unter anderem Souvignier Gris, Satin Noir, Johanniter, Muscaris, Cabernet Cortis, Carillon, Prior, Sauvignac und Cabernet Carol.
Um die zentrale Fragestellung fundiert zu beantworten, wurden im Rahmen des Teilberichts des Projekts „Mehr Nachhaltigkeit im Weinberg durch pilzwiderstandsfähige Rebsorten: eine Treibhausgasbilanz“ die Material- und Energiebilanzen des Weinbaus detailliert untersucht. Gemeinsam mit den vier Weinbaubetrieben Weingut Kiefer, Ökologisches Weingut Schmidt, Winzer Florian Höfflin und Winzerin Marion Boos erfolgte die Analyse über zwei hinsichtlich der Witterung deutlich unterschiedliche Jahre.
Im Jahr 2023 fielen insgesamt 768 Millimeter Niederschlag und das Jahr wurde als „trockenes Jahr“ eingeordnet. Im Jahr 2024 waren es hingegen 941 Millimeter und damit ein deutlich niederschlagsreicheres Jahr, einfach gesagt ein „nasses Jahr“.
Zwischen April und September fielen 2023 insgesamt 413 Millimeter Niederschlag, im Jahr 2024 dagegen 635 Millimeter – ein Plus von 54 Prozent. Dementsprechend wurden 2024 auch 77 Prozent mehr Tage mit Peronospora-Infektionsrisiko registriert als im Vorjahreszeitraum. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf den Pflanzenschutzaufwand der Betriebe. Der Vergleich beider Jahre erlaubt daher Rückschlüsse auf den Einfluss der Rebsortenwahl auf den Pflanzenschutzbedarf und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen (Abbildung 2).
Die Grundlage der Treibhausgasemissionen bilden die sogenannten Aktivitätsdaten – in diesem Fall die eingesetzten Mengen an Diesel und Pflanzenschutzmitteln. Beide hängen unmittelbar von der Anzahl der Überfahrten im Weinberg ab.
Wie Tabelle 1 zeigt, konnte die Anzahl der Überfahrten bei den neuen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten sowohl im trockenen Jahr 2023 als auch im niederschlagsreichen Jahr 2024 um mehr als 70 Prozent reduziert werden. Darin liegt zugleich ihr Beitrag zum Klimaschutz. Neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten wurden 2023 durchschnittlich 2,8-mal und 2024 durchschnittlich 3,7-mal behandelt. Traditionelle Rebsorten mussten im gleichen Zeitraum dagegen durchschnittlich zehn beziehungsweise 12,8-mal behandelt werden.
Die Verringerung des Behandlungsindex führte zu einer deutlichen Senkung des Dieselverbrauchs für die Traktoren.
Während bei traditionellen Rebsorten zwischen 23 und 28 Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs im Weinbau auf den Pflanzenschutz entfielen, lag dieser Anteil bei den neuen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten lediglich zwischen acht und neun Prozent (Abbildung 3).
Nach Abschluss des hier vorgestellten Arbeitspakets testeten die beteiligten Betriebe die Untergrenze der notwendigen Fungizidbehandlungen weiter aus und kamen mit lediglich zwei Behandlungen pro Jahr aus. Damit vergrößerte sich der Abstand zum Behandlungsindex traditioneller Rebsorten nochmals. In einem anderen Kontext berichtete ein Winzer davon, in 2025 seine PIWI-Rebsorten überhaupt nicht gespritzt zu haben – und hatte damit Erfolg.
„Ich wollte mal ausprobieren, ob das geht und bei der kleinen Fläche von ein paar Ar wäre es auch nicht tragisch gewesen“, so Thomas Seeger vom Weingut Seeger in Baden.
Auch die Einsparungen bei den Pflanzenschutzmitteln sind bemerkenswert. Im trockenen Jahr 2023 konnten 33 Kilogramm pro Hektar aktive Wirkstoffe eingespart werden, im niederschlagsreichen Jahr 2024 sogar 43 Kilogramm pro Hektar. Dies entspricht einer Reduktion der eingesetzten Pflanzenschutzmittelmengen um 66 beziehungsweise 71 Prozent.
Die deutliche Reduktion des Dieselverbrauchs und der Pflanzenschutzmittel führt unmittelbar zu geringeren Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Pflanzenschutz nur eine von mehreren Emissionsquellen im Weinbau darstellt.
Werden weitere relevante Emissionsquellen wie Unterstützungsmaterial, Anfahrten der Mitarbeitenden, Düngung sowie Kraftstoffverbräuche für sämtliche weiteren Arbeiten im Weinberg berücksichtigt (Abbildung 4), relativiert sich der Gesamteffekt etwas.
Dennoch sanken die Treibhausgasemissionen durch neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten gegenüber traditionellen Rebsorten im Weinbau um elf bis 13 Prozent. Dies entspricht einer Einsparung von 166 Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalenten pro Hektar im Jahr 2023 beziehungsweise 172 Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalenten pro Hektar im niederschlagsreichen Jahr 2024. Bezogen auf ein Kilogramm Trauben ergibt sich eine Reduktion von 16 beziehungsweise 17 Gramm Kohlendioxid-Äquivalenten.
Vereinfacht ausgedrückt lässt sich etwa ein Drittel dieser Emissionsminderung auf den geringeren Bedarf an Pflanzenschutzmitteln zurückführen. Rund zwei Drittel der Einsparung entstehen durch den reduzierten Dieselverbrauch. Die treibende Kraft hinter der Emissionsminderung ist somit vor allem der geringere Kraftstoffbedarf.
Neben Klimawandelfolgen und Klimaschutz stehen viele Weinbaubetriebe derzeit unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Steigende Lohn- und Energiekosten können häufig nicht durch höhere Verkaufspreise ausgeglichen werden.
Auch aus dieser Perspektive stellen pilzwiderstandsfähige Rebsorten eine interessante Option dar. Der geringere Bedarf an Diesel, Pflanzenschutzmitteln und Arbeitszeit wirkt sich unmittelbar auf die Produktionskosten aus. Ob sich dieser wirtschaftliche Vorteil tatsächlich realisieren lässt, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob die Weine aus den oftmals noch wenig bekannten Rebsorten von Verbraucher*innen angenommen und gekauft werden.
Damit schließt sich der Kreis zwischen Produktion und Verbrauchenden: Das Potenzial pilzwiderstandsfähiger Rebsorten kann sich langfristig nur dann entfalten, wenn Innovationen im Weinberg auch auf Akzeptanz im Markt treffen.
Letzte Aktualisierung 28. Juli 2026