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Im Weinbau liegen umfangreiche Erkenntnisse zum zeitlichen Verlauf des Wasserbedarfs der Reben sowie zur zielgerichteten Steuerung der Bewässerung vor. Diese basieren auf langjährigen experimentellen Untersuchungen an verschiedenen Forschungseinrichtungen. Dabei konnten Zusammenhänge zwischen Bodenwasserverfügbarkeit, Witterungsverlauf und pflanzenphysiologischen Reaktionen der Rebe aufgezeigt werden. Diese Grundlagen bilden die Basis für eine bedarfsgerechte und ressourcenschonende Bewässerung im modernen Weinbau.
Vertiefende Einblicke in die Bewässerungsforschung im Weinbau liefert Dr. Daniel Heßdörfer in diesem Fachartikel. Dabei geht er besonders auf den praktischen Nutzen des Projektes „Effiziente Bewässerung im Obst- und Weinbau“ (EBOW) ein. Heßdörfer arbeitet am Institut für Weinbau und Oenologie in der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) und ist mitverantwortlich für die Projektdurchführung.
Zur Ermittlung des Wasserstatus eines Weinbergs kommen vor allem zwei Verfahren zum Einsatz:
Beide Methoden liefern belastbare Ergebnisse, sind jedoch für den Alltag im Weinbaubetrieb oft zu aufwendig. Bodenfeuchtesensoren erfordern Installation und Wartung, während die Messung des Wasserpotenzials früh am Morgen und mit fachlicher Expertise erfolgen muss.
Die Herausforderung liegt darin, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine praxisgerechte Bewässerung umzusetzen. Häufig stellen sich Winzerinnen und Winzer die Frage, ob eine frühzeitige Bewässerung notwendig ist oder noch abgewartet werden kann, ohne Wachstum und Ertrag zu gefährden. Vor diesem Hintergrund besteht ein Bedarf an einfachen, automatisierten Lösungen, die den Wasserhaushalt kontinuierlich erfassen und eine objektive Entscheidungsgrundlage liefern.
An der Hochschule Geisenheim wurde ein digitales Modell entwickelt, das auf die Bedingungen des deutschen Weinbaus zugeschnitten ist. Das sogenannte Geisenheimer Modell berücksichtigt:
Zusammen mit Daten aus Wetterstationen, digitalen Bodenkarten und Höhenmodellen ermöglicht es so eine kontinuierliche Abschätzung des Bodenwassergehalts. Daraus lassen sich Bewässerungsempfehlungen ableiten. Das Modell wird derzeit für die Regionen Rheingau und Hessische Bergstraße eingesetzt.
Die ALB-Bewässerungs-App (Anmerkung der Redaktion: Die Abkürzung ALB steht für Arbeitsgemeinschaft Landtechnik und Landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern e.V.) unterstützt bereits die Bewässerung einjähriger Kulturen im Gartenbau und in der Landwirtschaft. Sie ermöglicht automatisierte, standortspezifische Empfehlungen durch Integration von Bodenkarten, Wetterstationen und kulturspezifischen Parametern. Bislang ist die Anwendung noch nicht auf den Weinbau und andere mehrjährige Kulturen übertragen.
Um das zu ändern startete Ende 2023 das Projekt EBOW. Das Ziel des Forschungs- und Innovationsprojekt lautet: Das Geisenheimer Wasserhaushaltsmodell soll praxisgerecht für Winzerinnen und Winzer aufbereiten und über die ALB-App Anwendung im Betriebsalltag finden.
Im Jahr 2024 wurden Exaktversuche an Rebflächen der LWG Veitshöchheim durchgeführt. Diese umfassen neben der modellgestützten, digitalen Ermittlung des Wasserstatus mithilfe des Geisenheimer Wasserhaushaltsmodells auch die manuelle Bestimmung der Bodenfeuchte sowie des frühmorgendlichen Wasserpotenzials der Reben. Folgende Technik kam zum Einsatz:
Die Ergebnisse zeigten eine hohe Übereinstimmung zwischen gemessenen und modellierten Werten, auch während Trockenperioden.
Die zusätzlich erhobenen frühmorgendlichen Wasserpotenzialwerte bestätigen diese Ergebnisse, da sie die modellierte Wasserverfügbarkeit aus pflanzenphysiologischer Sicht widerspiegeln. Insgesamt belegen die Resultate die hohe Aussagekraft und Eignung des Wasserhaushaltsmodells zur praxisnahen Beschreibung des Boden-Pflanze-Wasser-Systems im Weinbau.
Abbildung 1 zeigt den Verlauf der gemessenen und modellierten Bodenwassergehalte sowie die Entwicklung der frühmorgendlichen Wasserpotenzialwerte im Jahr 2024 am Versuchsstandort „Himmelstadter Kelter“.
Ausführung zur Abbildung: Tägliche Niederschlagssummen und mittlere Tagestemperatur (A), gemessene Bodenwassergehaltswerte bis ein Meter Bodentiefe sowie das frühmorgendliche Wasserpotential (B) und modellierte Bodenwassergehaltswerte bis ein Meter Bodentiefe sowie das frühmorgendliche Wasserpotential (C).
Die Funktionsweise der Messsonde Diviner 2000 (Firma Sentek, Australien) basiert auf dem Prinzip der Frequency Domain Reflectometry (FDR). Dabei wird eine Messlanze in den Boden eingebracht und erzeugt ein hochfrequentes elektromagnetisches Feld. Ein Sensor erfasst dessen Ausbreitung in Abhängigkeit von der Bodentiefe in Schritten von zehn Zentimetern. Mit zunehmendem Wassergehalt steigt die Signalveränderung, sodass die Bodenfeuchte präzise vor Ort bestimmt werden kann.
Mit der Scholander-Druckkammer wird das frühmorgendliche Wasserpotential bei Reben bestimmt. Vor Sonnenaufgang findet praktisch keine Transpiration statt, sodass kein Sog durch Verdunstung entsteht. Dadurch entspricht das Wasserpotential in der Rebe dem des umgebenden Bodens. Für die Messung wird ein Blatt von der Rebe abgeschnitten und unmittelbar in die Druckkammer eingespannt, wobei der Blattstiel aus der Kammer herausragt. Anschließend wird der Druck in der Kammer langsam erhöht. Sobald am Schnittende des Blattstiels der erste Saft austritt, ist der aufgebrachte Druck gleich groß wie das Wasserpotential der Pflanze. Dadurch lässt sich beurteilen, wie gut die Reben mit Wasser versorgt sind und ob Bewässerungsmaßnahmen notwendig sind.
Im zweiten Versuchsjahr wurde das Modell um den Faktor Bewässerung ergänzt. Die Bodendynamik von bewässerten und nicht bewässerten Parzellen wurde simuliert und mit realen Messungen verglichen. Das Modell zeigte zuverlässig:
Abbildung 2 zeigt den zeitlichen Verlauf der gemessenen und modellierten Bodenfeuchte im Vegetationsjahr 2025. Nach einer kontinuierlichen Abnahme der Bodenfeuchte ab Mai erhielten die bewässerten Varianten im Juli vier Wassergaben. Die anschließende Niederschlagsphase führte temporär zu einer Angleichung der Bodenfeuchtewerte zwischen bewässerten und nicht bewässerten Varianten. Mit dem erneuten Rückgang der Bodenfeuchte im weiteren Verlauf des Sommers wurden Mitte August zusätzliche Bewässerungsgaben erforderlich, die wiederum zu einer Stabilisierung des Bodenwasserhaushalts in den bewässerten Parzellen führten.
Ausführung zur Abbildung: Tägliche Niederschlagssummen und mittlere Tagestemperatur (A), gemessene Bodenwassergehaltswerte bis ein Meter Bodentiefe der Variante ohne Bewässerung (B) und modellierte Bodenwassergehaltswerte bis ein Meter Bodentiefe der Varianten ohne Bewässerung und mit Bewässerung (C).
Für 2026 ist die Integration des Modells in die ALB-App geplant. Nach einer erfolgreichen Testphase soll es ab der Vegetationsperiode 2027 als praxistaugliches Werkzeug im Weinbau zur Verfügung stehen. Folgende Vorteile dürfen Winzerinnen und Winzer erwarten:
Damit können Winzerinnen und Winzer bedarfsgerecht und effizient bewässern – ein entscheidender Vorteil angesichts zunehmender Trockenperioden. Darüber hinaus ein Gewinn für den Ressourcenschutz.
Das Forschungs- und Innovationsprojekt „Effiziente Bewässerung im Obst- und Weinbau“ ist ein Verbundvorhaben. Durchführende Projektpartner sind: Arbeitsgemeinschaft Landtechnik und Landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern e. V. (ALB), Hochschule Geisenheim University (HGU), Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz (DLR) sowie der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG).
Das Projekt wird durch das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus gefördert. Weitere Informationen sind auf der Projektseite verfügbar.
Letzte Aktualisierung 15. Juni 2026