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„Jedem gerecht zu werden und dabei selber nicht auf der Strecke zu bleiben, ist schwer.“ Iris Wolf

Friedhofsgärtnerin Iris Wolf kam auf Umwegen in den Gartenbau. Ihr Berufs- und Lebensweg zeigt, dass Frauen ein Quereinstieg in gärtnerische Betriebe möglich ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Doppelbelastungen gerade für Frauen weiterhin Thema sind und teilt ihre Lösungsansätze.

Im heutigen Interview lernen wir Iris Wolf kennen. Die 58-jährige Betriebsinhaberin von H. Wolf Garten- und Landschaftsbau, Grabgestaltung und Grabpflege führt ihren Betrieb gemeinsam mit drei Mitarbeitenden. Eine besondere Stärke ihres Unternehmens liegt in der Gestaltung und Pflege von zwölf eigenen Memoriam-Gärten und zahlreichen Grabstätten in der Dauergrabpflege. Das Interview beleuchtet nicht nur ihren beruflichen Werdegang und die Besonderheiten ihres Betriebs, sondern gibt auch private Einblicke. So entsteht ein Gesamtbild davon, wie ihr privates Leben ihren Beruf prägt – und umgekehrt.

Iris Wolf gelang zunächst der Quereinstieg in die Gartenbaubranche - mit 38 Jahren absolvierte sie die Ausbildung zur Friedhofsgärtnerin.
Bild: H. Wolf Garten- und Landschaftsbau, Grabgestaltung und Grabpflege

praxis-agrar.de: Was hat Ihr Interesse an der Gartenbaubranche geweckt?
Durch meine Heirat in den Betrieb hinein habe ich die Vielfalt des Berufes kennengelernt. Bis dahin habe ich in einem Reisebüro als Reiseverkehrsfrau gearbeitet. Die Herausforderung im Garten- und Landschaftsbau erschien mir damals etwas zu groß. Daher habe ich mich mehr mit dem Friedhof und der Grabpflege beschäftigt. Mit 38 Jahren entschloss ich mich – im eigenen Betrieb – eine Ausbildung zur Friedhofsgärtnerin zu beginnen. 2007 legte ich erfolgreich die Prüfung ab. Von Anfang an interessierten mich besonders die Grabneuanlagen und die Planungen dazu, die langfristigen Pflegearbeiten, also Gießen, Schneiden, Düngen und die umfänglichen Pflanzenkenntnisse. Auch das Wissen über den Boden und die Bodenpflege gehören dazu. Im Laufe der Zeit habe ich mich dann auch an kleinere Projekte im Garten- und Landschaftsbau herangewagt. Es ist spannend und macht Freude zu sehen, wie sich in den Städten und Privatgärten diese Projekte entwickeln, ebenso die Planung und Betreuung der Memoriam-Gärten und gärtnerbetreuten Grabanlagen auf dem Friedhof in Grünberg und Friedhöfen in der Umgebung.

praxis-agrar.de: Welche Herausforderungen haben Sie als Frau in dieser Branche erlebt?
Als Mutter in einer Familie mit zwei Kindern und Ehemann (Zierpflanzengärtnermeister) war es nicht immer einfach. Mittlerweile sind meine Kinder erwachsen, aber mein Sohn ist alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Als Oma bin ich stark in die Erziehung eingebunden, was mir große Freude macht, aber auch weiterhin die Herausforderung mit sich bringt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Jedem gerecht zu werden und dabei selber nicht auf der Strecke zu bleiben, ist schwer. Das betrifft vor allem Zeiten, in denen nicht alles rund läuft und der Anspruch da ist, trotzdem freundlich und sachlich zu Mitarbeitenden, Kundschaft und Geschäftspartnern zu sein. Als Ausgleich habe ich zwei Pferde, die zwar auch bespaßt werden wollen, aber gleichzeitig gibt mir das Hobby viel Energie zurück.

Ich denke schon, dass Männer es hier immer noch einfacher haben, vor allem wenn Familie ins Spiel kommt. Aus meiner Beobachtung und Erfahrung heraus übernehmen Frauen immer noch mehr Verantwortung für Haushalt und die Versorgung der Kinder. Mit dem Job bedeutet das eine enorme Doppelbelastung.

Rein beruflich gesehen ist es weiterhin herausfordernd auf Baustellen als Frau anerkannt zu werden. Vor Gesprächen beschäftige ich mich deswegen besonders gut mit der Baustelle und den Gegebenheiten vor Ort, entwickle Ideen und kann dadurch oft mit Fakten glänzen. Das hilft sehr, genauso wie der persönliche und freundliche Kontakt zu allen Gewerken, die mit am Tisch sitzen. 

praxis-agrar.de: Wie haben Sie Ihre Erfahrung als Frau im Gartenbau genutzt, um andere Frauen zu unterstützen?
In meiner Lehrzeit – ich war ja immerhin schon 38 Jahre alt – gab es hauptsächlich nur Auszubildende, die jünger waren als ich. Wenn sie mit mir über Schwierigkeiten mit Kollegen oder Kolleginnen oder gar Betriebsleitung sprechen wollten, konnte ich ganz gut vermitteln - auch weil ich damals parallel zur Ausbildung schon Chefin war und dadurch diese Sichtweise auch kannte. Gerne habe ich beim Schreiben der Berichtshefte unterstützt. Zusammen haben wir Grabhügel und Bepflanzungen angelegt und gelernt. 2007 war das Jahr der Bundesgartenschau in Gera und Ronneburg und ich durfte mit zwei weiteren Azubinen dort ein Ausstellungsgrab anlegen, wofür wir mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurden (Anmerkung der Redaktion: Mit der Bepflanzung von Ausstellungsgräbern auf Landes- und Bundesgartenschauen liefern sich die Friedhofsgärtner gleichzeitig spannende gärtnerische Wettbewerbe. Nach einem festen Punktespiegel werden Medaillen und Ehrenpreise vergeben).

Aktuell werde ich oft zu Treffen der Landfrauen eingeladen und halte Vorträge zu unseren Memoriam-Gärten. Zum Austausch gehören auch die sensiblen Themen „Sterben“ und „Die letzte Ruhestätte“. Besonders kommen mir hier meine Kontakte zur Pfarrei und dem Bestattungswesen zugute.

praxis-agrar.de: Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine Karriere im Gartenbau anstreben?
Eine gute Tages- oder Wochenplanung hilft dabei, Familie, Kinder, Hobbys, Freizeit und Job unter einen Hut zu bekommen. Auch Hilfe von außen anzunehmen ist wichtig und kann entlastend sein. Dazu gehören Unterstützung beim Putzen, Tageseltern, Bürohelfer, Saisonarbeitskräfte. Investiert auch Zeit in Fortbildungen: Bei Wochenendkursen beispielsweise kommt man mal raus aus allem und trifft Gleichgesinnte.

Im Umgang mit männlichen Kollegen hilft es als Kumpeltyp aufzutreten – dann hat man es einfacher, finde ich. Letztendlich geht es am besten, alles gemeinschaftlich auf Augenhöhe zu besprechen und bei den Projekten gut und richtig zusammenzuarbeiten.

Iris Wolf ist täglich auf Friedhöfen und auf Baustellen unterwegs.
Bild: H. Wolf Garten- und Landschaftsbau, Grabgestaltung und Grabpflege

praxis-agrar.de: Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Rolle der Frauen im Gartenbau in den letzten Jahren verändert?
Ich denke, dass Frauen früher rein niedere Aufgaben im Gartenbau verrichtet haben, wie Pflanzen pikieren, topfen, gießen, Obst- und Gemüsepflanzen anbauen und ernten.

Durch Studium, Fortbildung und generell eine gute Ausbildung bedienen Frauen genauso gut Düngecomputer, Bewässerungssysteme, halten Schulungen oder sind verantwortungsvolle Chefinnen in eigenen Betrieben. Die Akzeptanz männlicher Kollegen gegenüber Frauen hat sich sehr verbessert, empfinde ich. Meine Gärtnerkollegin Frau Ohlenschläger-Conradi und ich freuen uns sehr darüber, dass die überwiegend männliche Kollegschaft uns zu Sprecherinnen des Arbeitskreises Pflanze, Umwelt und Technik wählten.

praxis-agrar.de: Welchen Einfluss hat die Mechanisierung/Digitalisierung auf Ihre Arbeit?
Heutzutage bedeuten Maschinen eine enorme Arbeitsentlastung. Statt umgraben mit Spaten, bewässern mit Gießkanne, sägen mit Handsägen und manuellen Heckenscheren gibt es dafür heute Fräsen, Gießroboter oder Fahrzeuge mit Wassertanks, automatisierte Anlagen oder motorisierte Werkzeuge. Dafür bleibt mehr Zeit für andere Arbeiten. IPads oder Handys gestalten Beratungsleistungen vor Ort, beispielsweise auf Friedhöfen, viel einfacher.

Digitalisierung macht auch interne Abläufe effizienter: Abgesehen von Computern und Arbeitsprogrammen, die handschriftliche Notizen überflüssig machen, gibt es digitale Lagerkontrollen und Kunden- und Rechnungsprogramme. Im Betrieb ist auch die digitale Zeiterfassung nicht mehr wegzudenken.

praxis-agrar.de: Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft des Gartenbaus in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit?
Ich denke, dass wir im Gartenbau bereits sehr weit fortgeschritten sind: Wir haben einige Frauen in Führungspositionen. Das betrifft nicht nur einzelne Betriebe, sondern auch die Verbandsspitze mit Eva Kähler-Theuerkauf als Präsidentin und Karoline Heiser als Vizepräsidentin im Zentralverband Gartenbau e. V. Beide setzen sich sehr gut für die Bedürfnisse der gesamten Branche ein. Auch in den friedhofsgärtnerischen Einrichtungen, Dauergrabpflegeorganisationen und Treuhandstellen gibt es mittlerweile viel mehr weibliches Personal und Ehrenamt, was mich sehr freut.

praxis-agrar.de: Herzlichen Dank für das Interview, Frau Wolf!


Letzte Aktualisierung 06. Juli 2026