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praxis-agar.de spricht heute mit Christiane Kalbe, Inhaberin von Friedhofsgärtnerei und Blumen Kalbe. Mit zwölf Mitarbeitenden vereint ihr Betrieb gleich mehrere Standbeine: Friedhofsgartenbau, Garten- und Landschaftsbau sowie ein Blumenfachgeschäft. Damit verbindet sie traditionelle gärtnerische Handwerkskunst mit modernen Dienstleistungen und schafft Räume des Erinnerns, der Begegnung und Naturverbundenheit. Das belegen auch die vielen bienen- und insektenfreundlichen Grabstätten und die Teilnahme ihres Betriebs an Projekten wie „Staudenpflanzungen für Grabstätten“ sowie „FiniTo“ (Fachinformation für Gartenbaubetriebe zur Umstellung auf torffreie und torfreduzierte Kultursubstrate).
Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit engagiert sich Christiane Kalbe auch ehrenamtlich im Vorstand des Fachverbands Friedhofsgärtner im Wirtschaftsverband Gartenbau Nord und bringt dort ihre Perspektiven aktiv in die Weiterentwicklung der Branche ein. Im Gespräch mit praxis-agrar.de erzählt die 50-Jährige von ihrem persönlichen Weg in den Gartenbau, ihren Erfahrungen mit Müttern als Mitarbeitende und davon, warum berufliche Qualifikationen mehr zählen als Geschlechterdebatten.
praxis-agrar.de: Was hat Ihr Interesse an der Gartenbaubranche geweckt?
Mein Interesse an der Gartenbaubranche ist familiär bedingt. Meine Eltern hatten bereits den Betrieb und zuvor schon meine Großeltern. Nach dem Abitur war mir zunächst nicht klar, was ich machen möchte. Es standen noch Lehramt für Sonderschule und Medizin (Pathologie) neben Gartenbau auf der Liste. Nachdem ich überall einen Studienplatz hatte, habe ich mich nach Praktika und Gesprächen für den Gartenbau entschieden. Nicht, weil der Studiengang unbedingt attraktiver war, aber die anderen Studiengänge hatten zu viele Nachteile. Im Nachhinein gesehen war vielleicht auch das Unterbewusstsein am Werk: Das Arbeiten mit und in der Natur und etwas mit den Händen machen zu können – das hat mir schon immer viel Freude bereitet.
praxis-agrar.de: Welche Herausforderungen haben Sie als Frau in dieser Branche erlebt?
Also als erstes möchte ich hier Loriot zitieren: “Da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier als Frau?”
Im Studium waren wir zu 80 Prozent Frauen und auch bei den Praktika waren immer beide Geschlechter vertreten. Die führenden Positionen waren allerdings meist von Männern besetzt. Aber die Frage ist, liegt das nicht auch an den Frauen?
Zu Beginn meines Berufslebens waren es vor allem Männer, die Betriebe geleitet haben und die man auf Fortbildungen und Verbandsveranstaltungen getroffen hat. Da war es als junge Frau manchmal schwer sich durchzusetzen in einer “Männergesellschaf”. Aber ich denke, das ist nicht gartenbauspezifisch, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung.
praxis-agrar.de: Wie haben Sie Ihre Erfahrung als Frau im Gartenbau genutzt, um andere Frauen zu unterstützen?
Bei den wenigen Frauen im Friedhofsgartenbau habe ich den Austausch zu den Frauen dort gesucht. Bei mir im Betrieb haben Frauen immer die gleichen Chancen wie Männer. Gerade bei Müttern habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese oftmals flexibler sind. Ich kann mich beispielsweise an einen personellen Engpass im Betrieb erinnern. Da war eine Mitarbeiterin wegen des Kindes noch zu Hause, weil das Kind noch nicht im Kindergarten betreut wurde. Ich habe bei ihr angefragt, ob sie stundenweise arbeiten kann und sie hat das organisiert. Die Mütter bekommen es auch hin, wenn ihr Kind krank ist, dass sie nicht zwingend zu Hause bleiben müssen. Man muss dazu sagen, dass sie aber meist nicht Vollzeit arbeiten, weil die Care-Arbeit fast immer an ihnen hängen bleibt. Aber da müssen auch Arbeitgebende umdenken und auch Männern die Möglichkeiten einräumen, damit diese im Familienleben ihren Beitrag leisten können. Das bedeutet auch, dass Männer solche Aufgaben dann auch übernehmen und die Frauen die Aufgaben auch an die Männer abgeben.
praxis-agrar.de: Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine Karriere im Gartenbau anstreben?
Man sollte auch im Gartenbau Frau bleiben, mit den Stärken, die Frauen einbringen. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich haben Frauen oftmals andere Qualitäten. Ich finde sie können besser auf Menschen eingehen, sind empathischer und kommunikativer – einfach grundsätzlich besser im zwischenmenschlichen Austausch und das sollten Frauen nutzen. Was ich Frauen eher nicht rate: Körperliche Arbeiten wie Hebungen, Rodungen, Schnitt oder das Rasenmähen auf männliche Kollegen abschieben. Wer gleichbehandelt werden möchte, muss auch gleiche Arbeit leisten.
praxis-agrar.de: Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Rolle der Frauen im Gartenbau in den letzten Jahren verändert?
Frauen werden als selbstverständlicher angesehen, da es mehr Frauen gibt. Außerdem haben sich das Frauenbild sowie die Rollenverteilung allgemein verändert. Frauen werden eher respektiert – auch in Führungspositionen. Was es natürlich weiterhin gibt, sind geschlechtsspezifische Bemerkungen über Frauen, die man bei einem Mann nie machen würde. Das sollten alle Frauen ansprechen, wenn über andere Frauen so gesprochen wird.
praxis-agrar.de: Welchen Einfluss hat die Mechanisierung/ Digitalisierung auf Ihre Arbeit?
Ich hoffe auf noch mehr Digitalisierung, da uns immer mehr Arbeitskräfte fehlen und wir für bestimmte Arbeiten wie beispielsweise das Schneiden von Bodendeckern, Rasenmähen und Gießen digitale und mechanische Unterstützung benötigen, um unsere Abläufe und Dienstleistungsangebote aufrecht erhalten zu können.
praxis-agrar.de: Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft des Gartenbaus in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit?
Mir geht es eigentlich gegen den Strich, beruflich zwischen Geschlechtern zu unterscheiden. Für mich sind wir alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft, oder, oder…
Wenn das jeder verinnerlicht hätte und auch so handeln würde, wäre nicht nur das Problem der Geschlechtergerechtigkeit gelöst. Jeder sollte beruflich nach seinen Qualifikationen und seiner Arbeit bewertet werden. Aber ebenso sollten sich auch Frauen selbstverständlich einbringen. Denn nur wenn dies mehr Frauen machen, kann sich auf Grund der anderen Denkweisen und Bedürfnisse auch langfristig etwas für Frauen ändern.
praxis-agrar.de: Herzlichen Dank für das Interview, Frau Kalbe!
Letzte Aktualisierung 06. Juli 2026