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Im vierten Teil der Interviewreihe „Neun Frauen, neun Wege: Perspektiven im deutschen Gartenbau“ steht Lena Nüberlin im Fokus. Die 34-jährige Obstbaumeisterin führt gemeinsam mit ihrem Bruder Florian den Obstbau Nüberlin in Lindau am Bodensee – und das bereits in der 27. Generation. Zwischen Tradition und moderner Betriebsführung kultivieren sie Äpfel, Birnen, Erdbeeren und Kirschen und betreiben neben der Produktion auch einen eigenen Hofladen.
Im Interview spricht Lena Nüberlin über ihren beruflichen Werdegang, ihre Erfahrungen in einer Führungsrolle und ihre Perspektiven als Frau im Gartenbau. Dabei gibt sie persönliche Einblicke in die Herausforderungen und Chancen, die mit der Verantwortung für einen traditionsreichen Betrieb einhergehen.
praxis-agrar.de: Was hat Ihr Interesse an der Gartenbaubranche geweckt?
Obstbau und unser Betrieb wurden mir in die Wiege gelegt, auch wenn ich mir als Jugendliche kaum vorstellen konnte, mal so viel und hart zu arbeiten wie es meine Eltern vorlebten. Schon mit 15 Jahren musste ich mir überlegen, welchen Beruf ich erlernen möchte. Ich machte viele Praktika im sozialen Bereich und in typischen Bürojobs. Das gefiel mir alles nicht. Damals gab es für mich also erstmal keine bessere Alternative als Gärtnerin mit Fachrichtung Obstbau. Heute weiß ich: Es war nicht nur die bessere Alternative, sondern die beste Wahl überhaupt!
praxis-agrar.de: Welche Herausforderungen haben Sie als Frau in dieser Branche erlebt?
Natürlich gibt es Herausforderungen, bei denen sich Männer leichter tun. Ich denke nicht, dass Frauen grundsätzlich schwächer sind, aber sind wir doch mal ehrlich: Männer haben manchmal einfach mehr Kraft und tun sich leichter bei schweren körperlichen Arbeiten, wie sie auch bei uns im Obstbau anfallen. Hier sehe ich es nicht als meine Aufgabe stärker zu werden, sondern eher die Arbeitsabläufe zu erleichtern und zu verbessern.
Es scheint auch immer noch ein eingebranntes gesellschaftliches Bild zu sein, dass der Chef ein Mann sein muss. In unserem Laden beginnt es oft schon mit der Begrüßung „Ist DER Chef zu sprechen?”. Wobei ich mich daran nicht aufhänge, denn das meint sicher niemand böse. Mit einem freundlichen „Ja, wie kann ich Ihnen helfen?” oder mit einem augenzwinkernden „Der steht vor Ihnen” ist das gleich geklärt.
Viel mehr Herausforderung sehe ich darin, dass meine Worte und Anweisungen gleich viel Gewicht haben und nicht mit „Ist die aber hart“ abgestempelt werden. In unserem Betrieb sind ich und mein Bruder nun mal diejenigen, die Entscheidungen treffen, aber auch diejenigen, die Verantwortung für alles tragen. Die hohe Obstqualität, die wir im Laden verkaufen, kommt nicht nur von Luft und Liebe allein – sondern vor allem von guter Pflege, klaren Worten, Anweisungen und Struktur. Meiner Erfahrung nach wird noch oft mit zweierlei Maß gemessen. Wenn ein Mann anweist, ist das selbstverständlich, dass er den Ton angibt. Wenn ich als Frau den Ton angebe und auch mal klar anspreche, dass etwas unpraktisch, zu langsam oder nicht ordentlich abläuft, dann wird eher mal empfindlich reagiert. Wie schaffen wir es nur, diese Einstellung zu ändern?
Vielleicht noch eine Kleinigkeit: Ich höre oft, wie großartig Männer und Familienväter ihre Arbeit machen und wirtschaften. Bei der Betrachtung vermisse ich, dass es oftmals eine Frau gibt, die ihm dafür den Rücken freihält und stärkt. Sei es die Mitarbeit im Hintergrund im Betrieb oder das stille Kümmern um die Kinder oder den Haushalt. Das hat alles sehr viel Anerkennung verdient.
praxis-agrar.de: Wie haben Sie Ihre Erfahrung als Frau im Gartenbau genutzt, um andere Frauen zu unterstützen?
Schwierige Frage… Ich denke bewusst genutzt habe ich meine Erfahrung noch nicht, aber ich scheue mich auch nicht vor Öffentlichkeitsarbeit. Fernsehauftritte, Zeitungsinterviews oder Interviews wie dieses hier – all das macht vielen Mädchen und Frauen hoffentlich mehr Mut.
praxis-agrar.de: Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine Karriere im Gartenbau anstreben?
Ich bin der Meinung, dass ein Klimaaktivist eher das Klima unterstützt, indem er bewusster lebt oder auch mal Müll sammeln geht, als sich auf die Straße zu kleben. Auch fühle ich mich nicht angegriffen, wenn in meiner Gegenwart nicht gegendert wird. Es muss zu mir niemand auf den Betrieb kommen und nach dem Chef oder der Chefin fragen. Ich glaube nicht, dass durch Belehrung und Trotz mehr Anerkennung erfolgt. Es sind vielmehr die Dinge, die ich umsetze und die Transparenz, die ich an den Tag lege, mit denen ich Anerkennung erhalte. Also mein Rat: Lasst Taten sprechen und zeigt, was ihr könnt. Stärke liegt nicht im Bizeps oder darin, sich anderen in den Weg zu stellen und die eigene Meinung aufzudrücken, um gesehen zu werden. Sondern darin, wie man die Dinge angeht, wer man sein will und was man damit bewirken möchte. Auch um Hilfe zu bitten, kann Stärke ausdrücken. Lasst euch einfach nicht unterbuttern.
praxis-agrar.de: Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Rolle der Frauen im Gartenbau in den letzten Jahren verändert?
Ich habe das Gefühl, dass Frauen nicht mehr so viel außen vor gelassen werden. Sie werden mehr akzeptiert, gesehen und miteinbezogen.
praxis-agrar.de: Welchen Einfluss hat die Mechanisierung/Digitalisierung auf Ihre Arbeit?
Einen positiven und einen negativen Einfluss. Wir pflanzen beispielsweise unsere Bäume mittlerweile mit GPS. Das ist sehr wirtschaftlich, denn wir müssen nicht mehr so viel “ausstecken”, also Reihen markieren. Auch werden die Baumreihen definitiv gerade. Das ist sehr positiv.
Negativ ist, dass Digitalisierung auch einhergeht mit noch mehr Aufzeichnungspflichten. Mehr Aufzeichnungen bedeuten mehr Arbeit und gefühlt weniger Vertrauen in einen der ehrlichsten Berufe. Dabei geht es nicht darum Dinge verheimlichen zu können, sondern um die Umsetzung, die mich als gelernte Obstbaumeisterin so viele Stunden an den Bürostuhl fesselt. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob eine Ausbildung zur Bürofachkraft nicht sinnvoller gewesen wäre. Nicht, weil ich meinen Beruf nicht liebe. Aber mit einer solchen Ausbildung würden mir die Digitalisierung und die Arbeit im Büro wahrscheinlich leichter von der Hand gehen. Ich wäre schneller damit fertig und hätte so mehr Zeit für den Beruf, den ich liebe.
praxis-agrar.de: Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft des Gartenbaus in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit?
Keine leichte Frage. Ich finde es schwierig etwas zu fordern und gleichzeitig Hilfe zu erwarten. Natürlich ist jede Person, jede Familie und jeder Betrieb anders zu bewerten. Bekommt eine Frau auf dem Betrieb keinen Respekt, weil die Männer, die sie nicht respektieren, alteingefahren sind oder weil sie sich vielleicht auch darauf ausruht das “schwächere Geschlecht” zu sein? Ich finde es hat sich in letzter Zeit schon sehr viel getan und die Arbeit liegt auf beiden Geschlechterseiten – mehr Respekt und Anerkennung den Frauen gegenüber, aber auch mehr Selbstvertrauen der Frauen in sich selbst.
praxis-agrar.de: Herzlichen Dank für das Interview, Frau Nüberlin!
Letzte Aktualisierung 06. Juli 2026