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Dr. Ania Lukasiewicz forscht an der Universität Wageningen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Regulierung neuer genomischer Techniken (NGT) in der Pflanzenzüchtung.
Während ihrer Promotion an der Universität Gent, die sie in Zusammenarbeit mit dem Flanders Institute for Biotechnology (VIB) und dem Flanders Research Institute for Agriculture, Fisheries and Food (ILVO) durchführte, untersuchte sie das Potenzial für Phytophthora-Resistenz bei Kartoffeln. Dafür schaltete sie mithilfe von CRISPR/Cas9 gezielt bestimmte Gene aus.
Im Rahmen ihrer Promotion absolvierte sie außerdem ein Bluebook-Praktikum bei der Europäischen Kommission, bei dem sie sich mit der Politik und der Regulierung im Bezug auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in der Europäischen Union befasste.
Ania Lukasiewicz - Wageningen University & Research (WUR)
NGT-1-Sorten sollen in der EU künftig konventionell gezüchteten Sorten gleichgesetzt werden. Damit würden unter anderem Auflagen für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen entfallen. In der hier vorliegenden Studie wurde analysiert, welche potentiellen Vermischungswege und -risiken bei parallelem Anbau bestehen können. Dies wurde aus dem Vergleich von ökologischen und konventionellen Systemen abgeleitet.
praxis-agrar: Ihr Bericht beruht auf einer Bewertung möglicher Wege unbeabsichtigter Beimischung von NGT-Pflanzen. Was war ihre Intention und welchen Fragen wollten sie nachgehen?
Ania Lukasiewicz: Die Studie wurde als Desk-Study angelegt und sollte als Grundlage für Gespräche zwischen Akteuren aus dem konventionellen und dem ökologischen Landwirtschaftssektor dienen.
Im Mittelpunkt standen zwei Fragen:
Welche Wege unbeabsichtigter Beimischung sind zwischen konventionellen und ökologischen Kulturen möglich und möglicherweise auch zwischen NGT-Kulturen und ökologischen Kulturen?
Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um solche Beimischungen zu verhindern?
Dabei war es wichtig, mögliche Beimischungswege in jedem Schritt der Produktionskette zu identifizieren und qualitativ einzuordnen. Darüber hinaus haben wir eine erste Bewertung möglicher Koexistenzmaßnahmen für NGT-2-Kulturen vorgenommen.
Wir untersuchten zehn Feldkulturen, bei denen Beimischungen möglich sein können und analysierten die Wahrscheinlichkeit solcher Beimischungen. Dies wurde für die verschiedenen Glieder der Produktion evaluiert also Pflanzenzüchtung, Saatgutvermehrung, Anbau, Fruchtfolge und Nachernte.
Wir kamen zu dem Ergebnis, dass die derzeitigen Maßnahmen zur Verhinderung von Beimischungen zwischen Systemen ausreichen. Zusätzliche Maßnahmen könnten jedoch sinnvoll sein, da die Folgen einer Beimischung von NGT-1-Kulturen im ökologischen Sektor erheblich sein können.
praxis-agrar: Eine der zentralen Sorgen im ökologischen Sektor ist die Möglichkeit einer unbeabsichtigten Vermischung mit NGT-Kulturen. Wo könnte eine solche Beimischung auftreten?
Ania Lukasiewicz: Beimischungen können bei jedem Schritt passieren. Überraschenderweise besteht nach der Ernte, wenn das Produkt die Verbraucherinnen und Verbraucher erreicht, das höchste Risiko einer Vermischung. Beispielsweise kann es dazu im Supermarkt durch falsche Platzierung durch Personal oder den Kunden und Kundinnen kommen. Die Wahrscheinlichkeit steigt sogar noch weiter bei unverpackten Produkten in Supermärkten, die sowohl konventionelle als auch ökologische Produkte anbieten.
praxis-agrar: Mit Blick auf die berücksichtigten Kulturen: Bei welchen scheint es die größten Herausforderungen für die Koexistenz zu geben?
Ania Lukasiewicz: Insbesondere bei Kulturen, die auf dem Feld blühen. Dies wären zum Beispiel Mais, Hafer, Äpfel, Ackerbohnen/Dicke Bohnen und bei später Ernte Blumenkohl. Des Weiteren bei Kulturen, bei denen Ausfallpflanzen auftreten können. Da wären Kartoffeln, Zwiebeln und (Zucker-)Rüben zu nennen. Alle diese Kulturen, mit Ausnahme von Hafer, sind zudem Fremdbefruchter. Wenn beide Varianten derselben Kulturart in räumlicher Nähe angebaut werden und gleichzeitig blühen, kann Pollen von der NGT-Pflanze auf eine konventionelle Pflanze übertragen werden.
Biologische Eigenschaften, die zu einem erhöhten Risiko für Beimischungen führen können:
Fremdbefruchtung
Blüte auf dem Feld
Wildarten in der Anbauregion
Anbau in großem Maßstab
praxis-agrar: Was sind aus ihrer Sicht die größten Missverständnisse in der öffentlichen Debatte über NGTs?
Ania Lukasiewicz: Die größten Missverständnisse beziehen sich meiner Ansicht nach nicht auf NGT, sondern auf GVO. Die Debatte über GVO ist stark polarisiert, und die Positionen verändern sich nur wenig.
Teilweise werden in der Diskussion über NGT dieselben Argumente verwendet wie in der GVO-Debatte, obwohl das wissenschaftlich nicht immer gerechtfertigt ist.
GVO sind für den Verzehr durch Mensch und Tier nicht grundsätzlich als unsicher einzustufen, und es gibt GVO, bei denen der Pestizideinsatz tatsächlich sinkt. Das negative Bild von GVO geht vor allem auf herbizidtolerante Eigenschaften bestimmter Kulturen zurück. Solche Herbizidtoleranzen können jedoch auch mit konventionellen Züchtungsmethoden erzeugt werden und sind nicht auf GVO beschränkt.
Werden NGT (NGT-1) als Teil der konventionellen Landwirtschaft verstanden, entstehen keine zusätzlichen Herausforderungen für die Koexistenz. Schwieriger wird es jedoch, wenn NGT genauso behandelt werden wie GVO. Dann gelten die bisherigen Auflagen für den Anbau solcher Sorten.
praxis-agrar: Ein großer Teil Ihrer Analyse stützt sich auf Erfahrungen aus der Koexistenz zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft. Welche Lehren lassen sich ziehen?
Ania Lukasiewicz: Der Bericht zeigt, dass die derzeitigen Maßnahmen zur Trennung von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft ausreichen eine Vermischung der Ernteprodukte zu verhindern. Nach der aktuellen Praxis in den Niederlanden können Landwirtinnen und Landwirte zudem Produkte aus ökologischem Anbau auch als konventionell vermarkten, wenn es zu einer unbeabsichtigten Beimischung gekommen ist. Für Bio-Betriebe bedeutet das allerdings geringere Erlöse.
Dasselbe würde bei einer unbeabsichtigten Beimischung mit NGT-1-Pflanzen gelten, nicht jedoch bei NGT-2-Kulturen. Folglich müssten Produkte aus ökologischem Anbau nur dann vernichtet werden, wenn sie unbeabsichtigt mit NGT-2-Kulturen vermischt wurden nicht aber bei NGT-1-Pflanzen.
NGT-1-Pflanzen wurden mithilfe neuer genomischer Techniken entwickelt und die genetischen Veränderungen hätten auch auf natürliche Weise oder durch konventionelle Züchtung hätten entstehen können. Sie gelten daher als gleichwertig mit konventionell gezüchteten Pflanzen.
NGT-2-Pflanzen wurden ebenfalls mithilfe neuer genomischer Techniken entwickelt, aber deren genetische Veränderungen erfüllen nicht die Kriterien für NGT-1-Pflanzen. Sie unterliegen daher weiterhin dem GVO-Regulierungsrahmen der EU.
praxis-agrar: Welche bestehenden Maßnahmen helfen bereits jetzt dabei, unbeabsichtigte Vermischungen zwischen verschiedenen Produktionssystemen zu verringern?
Ania Lukasiewicz: Es gibt bereits mehrere Maßnahmen, um Beimischungen zwischen konventioneller und ökologischer Produktion zu verhindern. Dazu gehören getrennte Verarbeitungsketten sowie eine räumliche und zeitliche Trennung des Anbaus während der Vegetationsperiode. Dieselbe Kultur wird in der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft nie direkt nebeneinander angebaut. Auch die Kennzeichnung von NGT-1-Saatgut und Vermehrungsmaterial, wie sie in der neuen Regelung vorgesehen ist, wird dazu beitragen, Beimischungen zu verhindern. NGT-2-Produkte werden zudem auch im Supermarkt gesondert gekennzeichnet.
Maßnahmen zur Verhinderung von Beimischungen:
Sorgfältige Reinigung von Maschinen
Isolationsabstände
Regionale Koordination
praxis-agrar: Hat ihre Bewertung Bereiche identifiziert, in denen zusätzliche Maßnahmen gerechtfertigt sein könnten, wenn NGT-Kulturen in größerem Maßstab eingeführt werden?
Ania Lukasiewicz: Zusätzliche Maßnahmen sind möglich, wenn der ökologische Sektor dies wünscht. Derzeit reichen die bestehenden Maßnahmen für die Koexistenz von NGT-2-Kulturen (GVO) sowie die Maßnahmen zur Verhinderung von Beimischungen von NGT-1- und NGT-2-Produkten jedoch aus.
praxis-agrar: Ein großer Teil der Diskussion konzentriert sich auf Risiken. Welche potenziellen Chancen sehen Sie in NGTs aus wissenschaftlicher und landwirtschaftlicher Perspektive?
Ania Lukasiewicz: Ich bin überzeugt, dass NGT als zusätzliches Instrument zur Entwicklung neuer Sorten dienen kann. Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft durch veränderte Klimabedingungen steht, ist das auch dringend notwendig. Es wäre bedauerlich, diese Technologie in der Pflanzenzüchtung nicht zu nutzen.
praxis-agrar: Welche Pflanzeneigenschaften werden in Zukunft besonders relevant sein?
Ania Lukasiewicz: Krankheitsresistenz ist eine Eigenschaft, die sich durch die Einführung mehrerer Resistenzgene für eine stabile Resistenz relativ schnell in eine Kultur integrieren lässt. Komplexe Eigenschaften wie Klimaresilienz sind schwieriger zu erreichen, da dafür häufig mehrere Gene verändert werden müssen, ohne die Entwicklungsprozesse der Pflanze zu beeinträchtigen. In diesem Bereich wird jedoch intensiv geforscht, sodass auch hier Möglichkeiten bestehen. Derzeit gibt es außerhalb der EU bereits NGT-Produkte auf dem Markt, deren veränderte Eigenschaften für Verbraucherinnen und Verbraucher interessant sind, etwa eine längere Haltbarkeit oder ein höherer Nährwert.
praxis-agrar: Wenn Sie direkt zu einem skeptischen Landwirt oder einer skeptischen Landwirtin sprechen könnten: Welche Botschaft sollte er oder sie aus dieser Studie mitnehmen?
Ania Lukasiewicz: Die Wahrscheinlichkeit einer unbeabsichtigten Beimischung steigt mit NGT-Kulturen nicht. Sie entspricht der von konventionellen Kulturen und lässt sich daher recht gut steuern und verhindern.
Letzte Änderung dieser Seite am 12.07.2026