Hier beginnt der Hauptinhalt dieser Seite

Verbesserung der Rindergesundheit Milchkuhhaltung

Euter- und Klauengesundheit, gesunde Kälberaufzucht, Biosicherheit und Prävention von Tierseuchen sind wichtige Parameter der Rindergesundheit. Im folgenden Beitrag werden Beispiele für Forschungsprojekte aus der aktuellen Forschungslandschaft aus diesen Bereichen vorgestellt.

In der aktuellen Forschungslandschaft zur Rindergesundheit wird viel Wert auf den Wissenstransfer in die Praxis gelegt.
Bild: Angelika Sontheimer

Die Milchkuhhaltung ist der wichtigste Betriebszweig der deutschen Landwirtschaft. Darüber hinaus ist Deutschland größter Milcherzeuger der EU. Mit einem vorläufig geschätzten Produktionswert von 20,3 Milliarden Euro  im Jahr 2025 liegt die Milchkuhhaltung noch vor der Schweinemast  mit 7,7 Milliarden Euro und trägt damit etwa 26 Prozent zum gesamten landwirtschaftlichen Produktionswert bei.

In der Vergangenheit wurde in der Rinderzucht großer Wert auf die Milchleistung gelegt. Immer höhere Milchleistung bei sich langsamer verändernden Rahmenbedingungen verursachten gesundheitliche Probleme für die Milchkühe wie Euter-, Klauen- und Fruchtbarkeitsprobleme. Diese führen zum frühzeitigen Abgang der Tiere. 

Kühe der Rasse Schwarzbunte Holsteinn erreichen im Mittel eine Nutzungsdauer von 38,9 Monaten. Dabei liegt aus wirtschaftlicher Sicht die optimale Nutzungsdauer von Milchkühen bei vier bis sechs Laktationen. Das entspricht einer Nutzungsdauer von 48 bis 72 Monaten. Erfolgsfaktoren für gesunde Rinder sind die Erkennung, Behandlung und Prävention von Einzeltierkrankheiten bis hin zu Tierseuchen, die die Ernährung und Gesundheit der Menschen betreffen können. 

Wo liegen die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen?

Im Fokus der Forschung rund um die Rindergesundheit stehen seit vielen Jahren die Kriterien Milchleistung, Eutergesundheit, Fruchtbarkeit und Klauengesundheit. Jedes Abkalben stellt ein Gesundheitsrisiko für die Kuh dar und hat Einfluss auf die Fruchtbarkeit. Die Haltung auf befestigten Stallflächen birgt das Risiko für Klauenerkrankungen. Im Rahmen der Nachhaltigkeitsbewertung rückt die Umweltverträglichkeit der Milchviehhaltung in den Fokus. Je länger eine Milchkuh im Einsatz bleibt, desto besser kann der ökologische Fußabdruck sein. 

Die Aufzucht von gesunden Kälbern als Grundlage für einen gelungenen Start in die Milcherzeugung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Defizite in der Entwicklung in den ersten Lebenswochen können nach aktuellen Erkenntnissen nicht kompensiert werden. Biosicherheit und Prävention von Tierseuchen sind weitere Felder in der Forschung, deren Aktualität durch die Ausbrüche von Maul- und Klauenseuche, Blauzungenkrankheit oder Lumpy Skin Disease unterstrichen wird. 

Die aktuellen Forschungsaktivitäten zu Rindergesundheit sind vielfältig. Sie umfassen eine gesunde Kälberaufzucht, die Kälbergesundheit, den Wissenstransfer rund um den komplexen Organismus der Milchkuh und die Prävention von Tierseuchen. Zudem wird seit Jahrzehnten daran geforscht, die Eutergesundheit zu verbessern. 

Gesunde Kälberaufzucht

Verschiedene Forschungsprojekte haben das Ziel, die gesunde Kälberaufzucht zu fördern. Dabei wird mit ganz unterschiedlichen Ansätzen an tierindividueller Förderung sowie an der Verbesserung der technischen Möglichkeiten zur Überwachung der Tiergesundheit geforscht.

Tierindividuelle Förderung der Kälbergesundheit durch Nutzung spezifischer Kolostrumadditive und phytogener Substanzen (CalPhy) - Teilprojekt B

Gesamtziel des Projektes CalPhy ist es, das Auftreten von behandlungsbedürftigen Erkrankungen und damit die Verluste in der Kälberhaltung zu verringern. Durch den Einsatz von spezifischen Futtermittelergänzungen wollen die Projektnehmenden die Versorgung der Kälber verbessern. Für besonders empfindliche Tiere soll innerhalb der Tiergruppen ein teil-individualisiertes Fütterungskonzept für die Praxis entwickelt werden. 

Leichte und geschwächte Neugeborene nehmen oft nicht genug Kolostrum auf. Diese Kälber benötigen zusätzlichen Schutz, damit die Gefahr eines Abfalls des kolostralen Immunschutzes nicht die Infektionsanfälligkeit erhöht. Futtermittelzusatzstoffe können gezielt zur Stärkung von Kälbern und damit Förderung ihrer Gesundheit eingesetzt werden. Insbesondere phytogene Zusatzstoffe haben in gut geführten Betrieben das Potential, die Notwendigkeit für antibiotische Behandlungen weiter zu reduzieren.

Entwicklung technischer Voraussetzungen zum Absetzen von Milchkälbern nach artgerechter Milchfütterung - Teilprojekt A (OptiWean)

Kalb am Tränkeeimer.
Bild: Dorothe Heidemann

Im Projekt OptiWean wird ein computergestütztes Tränkeverfahren zum Absetzen der Kälber nach ad libitum-Milchfütterung entwickelt. Das Absetzverfahren kommt der natürlichen, allmählichen Trennung von der Mutter sehr nahe. Es wird durch Untersuchungen zur Anpassung der Vormagenverdauung an die Festfutteraufnahme und zur Entwicklung der Kälber nach dem Absetzen begleitet. 

Mit Hilfe von Tränke- und Fütterungsautomaten wird ein prozessgesteuertes Verfahren entwickelt, das den schonenden Übergang von der ad libitum Milchfütterung hin zur Festfutteraufnahme sicherstellt, ohne dass es zu einem Einbruch in der Nährstoffversorgung oder zu einem Abbau von Körpersubstanz während des Absetzens kommt. Gleichzeitig ermöglicht ein derartiges Verfahren den Kälbern, sich naturnah selbst abzusetzen. 

Die Tiere werden über den Zeitraum des Absetzens hinaus bezüglich des Wachstums, der Entwicklung und der Gesundheit weiter beobachtet. Zudem wird die computergestützte Tränketechnik auf Praxistauglichkeit getestet. Darüber hinaus werden die Daten zur Futteraufnahme, zum Tränkeverhalten und zur Entwicklung der Kälber dazu verwendet, eine Warn-App zu entwickeln, die dem Landwirt frühzeitig eine Fehlentwicklung oder ein Krankheitsgeschehen anzeigt. Ziel des Projektes ist die Entwicklung eines tiergerechten Absetzens von der Milchtränke und die Unterstützung der Tierhaltenden bei der Überwachung der Tiergesundheit und der optimalen Entwicklung der Tiere.

Kälbergesundheit

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Kälbergesundheit. Wie kann diese verbessert werden und welche Methoden stehen dabei im Vordergrund?

Innovative Verfahren zur Verbesserung der Kälbergesundheit und Lebenseffektivität – Entwicklung eines Managementtools und Erarbeitung des neuen Zuchtmerkmals "Kälbervitalität" für die genomische Selektion bei der Rasse Holstein Friesian (KalbVital)

Die erfolgreiche Kälberaufzucht ist eine entscheidende Grundlage für die Remontierung von hochleistenden, langlebigen Milchkühen. Die PraeRi-Studie (2020) dokumentierte die Tiergesundheit auf deutschen Milchviehbetrieben und führte zu erschreckenden Ergebnissen: Die durchschnittliche Mortalitätsrate der weiblichen Kälber lag bis zum Ende des 3. Lebensmonats bei 5,4 Prozent. Prävalenzen für eine Erkrankung schwankten in Abhängigkeit vom Alter des Kalbes und der Krankheit zwischen fünf und 30 Prozent. Zahlreiche neuere Studien zeigen, dass eine schlechte Entwicklung der Kälber in den ersten Lebenswochen drastische Konsequenzen für die langfristige Entwicklung der Tiere und ihre spätere Leistung als Milchkühe hat. 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine genetische Disposition für die Kälbervitalität vorliegt. Bislang wird mit dem etablierten Merkmal RZKälberfit in der Zucht der Holstein Friesians lediglich der genetische Einfluss der Überlebensfähigkeit eines Kalbes bis zum 15. Lebensmonat erfasst. Auf vielen Milchviehbetrieben gibt es keine ausreichende Dokumentation zur Gesundheit und Vitalität der Kälber, sodass ein einfaches Managementtool zur Klassifizierung der Kälber hinsichtlich ihrer Vitalität für die spätere Entscheidung der Remontierung sehr hilfreich wäre. Das Ziel des Projektes KalbVital ist es, die Kälbervitalität anhand einfacher Parameter für die Landwirtin und den Landwirt dokumentierbar zu machen und das Kalb diesbezüglich mit einem Ampelsystem zu klassifizieren. Gleichzeitig werden Untersuchungen von genetischen Einflussfaktoren zur Kälbervitalität sowie die Entwicklung einer Datenbasis für eine genomische Zuchtwertschätzung vorgenommen.

Innovativer Data-Science-basierter Ansatz zur Gesundheitsüberwachung bei Kalb und Jungrind über die gezielte Verknüpfung praxisrelevanter digitaler Daten und die Etablierung neuartiger Benchmarking-Parameter B (InnoKalb)

Ziel des Vorhabens ist die Erweiterung der bereits bestehenden und in der Praxis verbreiteten Apps der Landeskontrollverbände Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Geplant ist, dass eine auf daten-technische Neuentwicklungen aufbauende FokusMobil oder LKV-Rind-App entwickelt wird, die neue Ansätze zur Dokumentation und zur Überwachung der Gesundheit bei Kälbern und Jungrindern bietet. Damit sollen auch die korrelierenden weiteren biologischen Leistungen als spätere Milchkuh oder Masttier nutzbar gemacht werden. Außerdem könnte dadurch das Bewusstsein der Milchviehhaltenden für ihre Jungtiere langfristig gestärkt werden. 

Anhand der gezielten Zusammenführung von manuell, automatisch und halbautomatisch erfassten Daten bei den Kälbern sowie historischen Daten bezüglich Milchleistung, Zucht und Tiergesundheit sollen neuartige Analyseansätze und Benchmarkingparameter im InnoKalb-Tool zur Entscheidungsunterstützung im Kälbermanagement beitragen. Eine verbesserte Kommunikation zwischen den jeweiligen tierhaltenden Betrieben im Sinne des Tierwohls und der Tiergesundheit sowie zur Schaffung von Ansätzen für Kooperationsmodelle ist ebenfalls Ziel des Projektes InnoKalb. Die Projektarbeiten sind in neun Arbeitspakete unterteilt und sollen in einer Projektlaufzeit von drei Jahren umgesetzt werden.

Wissenstransfer

Dem Wissentransfer kommt im Bereich der Rindergesundheit ebenfalls eine große Bedeutung zu. Mit unterschiedlichen Forschungsansätzen sollen Kompetenzen gebündelt und Maßnahmen entwickelt werden, um relevante Informationen für eine zukunftsfähige Rinderhaltung an Milchviehhaltende weiterzugeben.

Innovationsnetzwerk Rind - zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland unter Berücksichtigung von Tierwohl, Umweltwirkungen und gesellschaftlicher Akzeptanz (InnoRind)

Im Verbundvorhaben InnoRind sollen die vorhandenen Kompetenzen im Bereich der Nutztierhaltung gebündelt werden. Der Aufbau eines Netzwerks zur Rinderhaltung schuf die Grundlage für weitere zielgerichtete Forschungsansätze und nutzte die Expertise der Projektbeteiligten, um innovative Ansätze für eine zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland zu entwickeln. Insgesamt wurden und werden seit 2021 zwölf Teilprojekte zum Teil bis 2026 gefördert. Zum einen soll das Tierwohl verbessert und zum anderen die negativen Umweltwirkungen der Rinderhaltung verringert werden. Gleichzeitig sollen dabei auch die arbeitswirtschaftliche Situation sowie die Wirtschaftlichkeit der landwirtschaftlichen Betriebe und die Wünsche der Verbrauchenden in die zu entwickelnden Konzepte einbezogen werden. 

Das Netzwerk zielt auf eine umfassende Betrachtung der Rinderhaltung ab. Schwerpunktthemen des geplanten Innovationsnetzwerks sind unter anderem die kuhgebundene Kälberaufzucht, alternative Mast- und Vermarktungsverfahren zur Adressierung der Absatzproblematik männlicher Milchviehkälber sowie die Transitperiode und die Bilanzierung von Umweltwirkungen im Milchviehstall. In der ersten Förderphase wurde der Status quo der Rinderhaltung analysiert und in Bezug auf die oben genannten Nachhaltigkeitskriterien kritisch hinterfragt sowie vorhandenes Innovationspotential identifiziert. Die zweite Förderphase nahm Projekte zu innovativen Stallbau- und Haltungsmaßnahmen auf kooperierenden Versuchsbetrieben in den Fokus. Auf konzeptioneller Ebene wurden präventiv orientierte Haltungs- und Managementkonzepte erarbeitet. 

Problemorientierter, zielgruppengerechter Wissenstransfer zu den Themen Optimierung der Nutzungsdauer von Milchkühen und Senkung der Kälbersterblichkeit (MiKuWi)

Unmittelbares Ziel des Innovationsvorhabens MiKuWi ist es, ein ganzheitliches und auf den jeweiligen Betrieb individuell adaptierbares Konzept zum Wissenstransfer bezüglich der Optimierung der Nutzungsdauer von Milchkühen und Senkung der Kälbersterblichkeit zu erarbeiten und in ausgewählten Praxisbetrieben zu testen. Die erzielten Ergebnisse sollen dazu dienen, zukünftig den Wissenstransfer in milcherzeugenden Betrieben insgesamt effektiver zu gestalten und anschlussfähigere Kommunikation zu ermöglichen.

Die Nutzungsdauer von Milchkühen und das Ausmaß der Kälbersterblichkeit in Milchviehbetrieben können als Indikatoren für die Tiergesundheit und das Tierwohl herangezogen werden. Vielfältige Faktoren beeinflussen jedoch die Nutzungsdauer sowie die Kälbersterblichkeit, was umso mehr die Komplexität des Tiergesundheitsmanagement in einem Milch produzierenden Betrieb verdeutlicht. Somit ist heutzutage eine hohe Fachkompetenz auf Seite der Herdenmanagerinnen und Herdenmanager Grundvoraussetzung für eine gute Tiergesundheit. Dabei gilt es, insbesondere die direkt mit der Betreuung der Tiere befassten Mitarbeitenden einzubeziehen. Oftmals werden wirksame Maßnahmen für mehr Tiergesundheit in der täglichen Praxis nicht umgesetzt, obwohl deren Wirksamkeit grundsätzlich bekannt ist. Als Begründung hierfür wird häufig auf einen Mangel an zeitlichen, personellen und / oder finanziellen Ressourcen verwiesen. 

Tiersignale beim Rind wahrnehmen (Fitforcows)

Im Rahmen des Projekts „Fitforcows – ein digitales Ausbildungstool zur Verbesserung des Tierschutzes bei Rindern“ wurde ein frei verfügbares E-Learning-Konzept und eine dazugehörige kostenfreie App für Lernende in der landwirtschaftlichen Ausbildung, Weiterbildung oder im Studium entwickelt  B&B Agrar. Das Ausbildungstool soll dazu dienen, das Bewusstsein für Tiersignale beim Rind zu schärfen und anhand einer veränderten Wahrnehmung der betreuenden Personen den Tierschutz in deutschen Milchvieherden nachhaltig zu verbessern.Das Projekt ist Teil der MuD Tierschutz im Bundesprogramm NTH.

Die App FitForCows ist für die praktische Anwendung im Betrieb entwickelt worden.
Bild: FitForCows

Mit Fotogalerien, Videos, Animationen, Grafiken, Zahlentabellen sowie weiterführenden Links wird fundiertes Fachwissen über Tiersignale beim Rind vermittelt. Angepasst an unterschiedliche Zielgruppen können mithilfe des E-Learnings Themenschwerpunkte wie Technopathien, Klauengesundheit, Fruchtbarkeit, Eutergesundheit oder Hitzestress auf Basis der einzelnen Tiersignale erarbeitet und über Lernzielkontrollen überprüft werden. 

Die dazugehörende App stellt eine kompakte Variante des E-Learnings dar und ermöglicht eine direkte Anwendung im Stall. Aktuell werden weitere Themengebiete wie Kälbergesundheit, Kälberhaltung und -tränke, Jungviehhaltung und -fütterung, Jungtiergesundheit, Mastbullen und Mutterkuhgesundheit sowie Fütterung ergänzend ausgearbeitet und stehen demnächst im E-Learning und der App zur Verfügung. Lehrende können ebenfalls auf die Inhalte zugreifen und ihren Unterricht damit anreichern. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf übernimmt federführend Ergänzungsarbeiten und wurde bis zum 31. August 2025 durch den Projektpartner, die Unabhängige Erzeugergemeinschaft (UEG) Hohenlohe-Franken w.V., unterstützt.

Netzwerk Fokus Tierwohl

Um Tierhaltende in Deutschland nachhaltig zu stärken und sie dabei zu unterstützen, Tier- und Umweltschutz, Qualität bei der Produktion sowie Marktorientierung zu priorisieren, wurde das bundesweite Netzwerk Fokus Tierwohl gegründet. Das Verbundprojekt hat das Ziel, den Wissenstransfer in die Praxis zu verbessern, um zum Beispiel rinderhaltende Betriebe in Deutschland zukunftsfähig zu machen und eine Wissens-Vernetzung innerhalb der Branche zu fördern.

Über eine Vielzahl von Veranstaltungen in ganz Deutschland soll Tierhaltenden das gebündelte, aufbereitete und zusammengetragene Wissen zur tierwohlgerechten Haltung zum Beispiel von Rindern vermittelt werden. Die Bündelung von wissenschaftlichen Daten, neuesten Erkenntnissen aus der angewandten Forschung, der Praxis, der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz oder anderen aktuellen Projekten erfolgt in tierartenspezifischen Geschäftsstellen. Diese sammeln und bereiten in enger Koordination mit den Verbundpartnern die aktuellen Daten auf und stellen sie den Projektpartnern in den Bundesländern für den Wissenstransfer zur Verfügung. Das Netzwerk Fokus Tierwohl ist eingebettet in das Bundesprogramm Nutztierhaltung

Verlängerung der Laktationsdauer und Zwischenkalbezeit – ein Game-Changer? (VerLak)

Milchkuh im Trockenstall.
Bild: Dorothe Heidemann

Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt lag auf der der Verbesserung der Eutergesundheit. Im Projekt VerLak wurde der Ansatz verfolgt, die Laktationszeit zu verlängern und viertelselektives Trockenstellen zu erreichen. Das Projekt "Verlängerung der Laktationsperiode und selektives Trockenstellen zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes bei Milchkühen" (VerLak) ist ein Teil der Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz (MuDT) im Bundesprogramm Nutztierhaltung. Übergeordnetes Ziel war die Minimierung des Einsatzes antibakteriell wirksamer Arzneimittel bei der Mastitisbehandlung sowie beim Trockenstellen von Milchkühen. 

Im Vordergrund stand die innovative Frage: Ist die Praxis, dass eine Milchkuh jedes Jahr ein Kalb bekommen muss, noch zeitgemäß? Längere Schonungsphasen für die Kuh durch bewusste tierindividuelle Verlängerung der Laktationsdauer und damit der Zwischenkalbezeit (ZKZ) durch eine spätere Besamung waren bei einer Datenanalyse der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei (LFA MV) durch positive Leistungsergebnisse aufgefallen. Die längeren ZKZ waren jedoch nicht geplant, sondern retrospektiv erfasst. Im Projekt VerLak sollte diese Verlängerung bewusst erfolgen und entsprechend dokumentiert und evaluiert werden. 

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Mit dem „TBS-Rechner“ (Tierindividueller Besamungsstart) erstellten die Beteiligten ein Werkzeug zur tierindividuellen Festlegung des Besamungszeitpunktes. Die Färsen scheinen im Erstbesamungserfolg tendenziell zu profitieren, wenn sie früh besamt wurden. Die Altkühe profitieren dagegen von einer späteren Besamung. Die korrigierte Milchleistung stieg in der Tendenz an. Die Verlängerung der Laktation um (durchschnittlich) 45 Tage führte zu einer tendenziellen Verringerung der Anzahl von antibiotischen Trockenstellern, aber nicht zu einer signifikanten Senkung der Anzahl an eingesetzten antibiotischen Dosen pro Tag. Hier besteht zukünftig noch weiterer Forschungsbedarf genauso wie bei der Frage nach der Persistenz der Milchleistung und einem Zuchtwert Persistenz, der von der landwirtschaftlichen Praxis gefordert wird. 

Die Präsentationen der Ergebnisse auf der Abschlussveranstaltung können hier eingesehen werden: Landesforschungsanstalt MV

CeratoVir und CeratoVirPro: Mehr wissen über Gnitzen als Überträger von Viren

Im Projekt CeratoVir und CeratoVirPro werden Gnitzen als Überträger von Viren, die die Gesundheit landwirtschaftlicher Nutztiere in Deutschland beeinflussen, erforscht. Dies geschieht unter anderem durch ein Monitoring in allen Regionen Deutschlands. Auf der Webseite Gnitzenmonitoring können Funde und Beobachtungen gemeldet werden. Die breite Öffentlichkeit kann sich so an der Forschung beteiligen.

Gerade durch das aktuelle Seuchengeschehen wie beispielsweise Blauzungenkrankheit (Bluetongue Disease) mit den Serotypen BTV 3 und neuerdings auch BTV 8 oder auch für die Schmallenberg-Krankheit ist es für die rinderhaltenden Betriebe wichtig, mehr über das Vorkommen der Vektoren und die Übertragungswege zu wissen. Dadurch lassen sich Krankheitsausbrüche und Leistungsminderungen minimieren. Durch die Blauzungenkrankheit kam es 2024 zu zahlreichen Verlusten durch Todesfälle, Verkalbungen und verminderte Fruchtbarkeit in Milchkuhherden. Die Krankheitsfolgen reichten bis ins Jahr 2025 hinein.

Die Erfassung der Aktivität der verschiedenen Gnitzen oder „Nicht-Aktivität“ als vektorfreie oder zumindest vektorarme Zeit ist für die Tierhalterinnen und Tierhalter von großer Bedeutung, da sie den Handel mit Rindern und anderen Wiederkäuern beeinflusst. Das Monitoring erfolgt seit dem Jahr 2022 und die Erkenntnisse werden laufend weitergeführt.

Was gibt es bei den EIP dazu?

Die Projekte der Europäischen Innovations-Partnerschaften befassen sich ebenfalls mit Aspekten der Rindergesundheit. Zum einen mit der Dermatitis digitalis (DD) und zum anderen mit gesunder Kälberaufzucht. Auch der Umgang mit Infektionskrankheiten wird im Verbund mit europäischen Partnern untersucht. 

Das in Bayern angesiedelte EIP-Projekt Online-Plattform zur Gefahrenanalyse und konsequenten Bekämpfung der Mortellaro bei Rindern (Beginn 01/2024 bis 12/2026) entwickelt betriebsindividuelle Maßnahmenkataloge zur Eindämmung von Dermatitis digitalis, der Mortellaro, einer ernsten Erkrankung der Klauen. Durch HACCP-Gefahrenanalysen (Hazard Analysis Critical Control Points) können kritische Kontrollpunkte in den Haltungsbedingungen, der Hygiene und den Behandlungsmaßnahmen identifiziert werden. Als Entscheidungshilfe für die landwirtschaftliche Praxis sollte eine Online-Plattform mit Fragebögen aufgestellt werden, die eine Entscheidungshilfe zur Bekämpfung von Dermatitis digitalis bietet.

Im bayerischen EIP-Projekt KuJa geht es um die Kontrolle der Gesundheit von Kälbern und Jungrindern. Tierhaltende sind verpflichtet, regelmäßig Gesundheit und Wohl der Tiere auf dem Betrieb zu kontrollieren. Das ist für die Tierhaltenden sehr aufwändig. Ziel des Projektes ist die Entwicklung eines Labormusters einer sprachgesteuerten Handy-App für Kälber- und Jungrinder. Den Tierhaltenden wird damit eine intuitive Erfassung der wichtigsten Merkmale für Gesundheit und Wohlbefinden erleichtert. Diese soll Schwachstellen in Haltung und Management durch eine expertengestützten Analyse aufdecken und der Verlaufskontrolle dienen. Nachfolgende Handlungsempfehlungen bilden eine wichtige Grundlage, um gemeinsam mit betreuenden Tierärztinnen und Tierärtzen sowie Stallbau- und Fütterungsberatenden weiterführende Maßnahmen zur Prävention von Erkrankungen und zur Steigerung des Tierwohls zu erarbeiten

Einen weiteren Ansatz verfolgt das europäische Verbundprojekt PREPAR-TID. Dabei werden innovative Werkzeuge und Strategien für ein besseres Management von Tiergesundheitsrisiken, insbesondere für grenzüberschreitende Infektionskrankheiten, entwickelt. Im Vordergrund stehen drei Typen von  Infektionserregern: eine andauernde vernachlässigte Epidemie, eine andauernde neu auftretende Epidemie und eine aktuelle Eliminierungsstrategie. Ziel ist die Entwicklung notwendiger In-vitro-Diagnostika zur Vorbereitung auf das Auftreten der verschiedener Infektionserreger. PREPARE-TID ist ein multidisziplinäres Forschungskonsortium aus sechzehn europäischen und vier internationalen Forschungseinrichtungen sowie kleinen und mittleren Unternehmen. 

Fazit

Die Forschung im Bereich Milchkuhgesundheit bleibt ein Spannungsfeld. Die Abgangshäufigkeiten und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Verluste sind sehr hoch. Weitere Forschung und die zügige Umsetzung neuer Erkenntnisse sind notwendig. Dabei wird die Aus- und Fortbildung der für die Tiere verantwortlichen Personen eine wichtige Rolle spielen. 

Management und Know-how im Betrieb bedürfen weiterhin der Verbesserung, um die Gesundheitsrisiken durch ständig steigende Milchleistung auffangen zu können. In einigen Bereichen wie ZKZ und Kälberaufzucht hat ein Umdenken stattgefunden und wird durch die verschiedenen Forschungsprojekte vorangetrieben. 

Weitere Informationen

Letzte Aktualisierung 24.02.2026


Weitere Forschungsübersichten

Weitere Informationsangebote