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Umwelt

Paludikultur: Landwirtschaft trifft Klimaschutz

Moorschutz, Klimaschutz und Landwirtschaft in Einklang bringen: Mit der Paludikultur könnte das scheinbar Unmögliche möglich werden.

Schilfernte bei Anklam (Mecklenburg-Vorpommern)

Schilfernte bei Anklam (Mecklenburg-Vorpommern). Quelle: Tobias Dahms, lensescape.org

Intakte Moore sind nicht nur faszinierende Lebensräume und Heimstatt vieler bedrohter Tier- und Pflanzenarten, sie sind auch ein wesentlicher Klimafaktor: Unter Wasserüberschuss und Sauerstoffmangel wird organisches Material nicht oder nur sehr langsam zersetzt. In der sich dadurch bildenden Torfschicht sind riesige Mengen an Kohlenstoff gespeichert.

Moor- und Klimaschutz vs. Landwirtschaft und Gartenbau?

Für die landwirtschaftliche Nutzung und zur Torfgewinnung wurden bis in die 1980er-Jahre jedoch 98 Prozent der Moorflächen gezielt entwässert. Damit wurden aus effektiven Kohlenstoffspeichern immense Kohlendioxidquellen, denn die einst nahezu zum Erliegen gekommenen mikrobiologischen Prozesse laufen auf trockengelegten Moorflächen sofort wieder an: Das organische Material zersetzt sich, die freigesetzten Nährstoffe werden ausgewaschen und gelangen zu großen Teilen ins Grundwasser. Der im Torf gespeicherte Kohlenstoff entweicht in Form des Klimagases Kohlendioxid in die Atmosphäre.

Wiedervernässung ehemaliger Moorflächen

Heute wird aktiv daran gearbeitet, die Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen, angetrieben insbesondere durch den Klimawandel: Mit Unterzeichnen des Pariser Klimaschutzabkommens und der Verabschiedung des nationalen "Klimaschutzplans 2050" hat sich Deutschland verpflichtet, bis zum Jahr 2050 treibhausgasneutral zu werden. Da hierzulande gut 37 Prozent aller aus der Landnutzung stammenden Emissionen von degradierten Moorflächen verursacht werden (entspricht fast fünf Prozent der deutschen Gesamtemissionen), wird deren Wiedervernässung nahezu zwingend notwendig sein.

Rund 70.000 Hektar wurden bis zum Jahr 2018 bereits wiedervernässt und dürfen nur noch torferhaltend oder torfbildend genutzt werden. Bei insgesamt 1,4 Millionen Hektar trockengelegten Moorflächen wird sich diese Entwicklung künftig jedoch deutlich beschleunigen müssen.

Chance für vermulmte Böden

Vielen landwirtschaftlichen Betrieben dürfte eine finanziell unterstützte Wiedervernässung sogar entgegenkommen, denn nach 30 bis 40 Jahren intensiver Entwässerung und Nutzung vermulmen die ehemalige Moorböden: Der verbliebene Torfköper hat sich verfestigt und nimmt kaum noch Wasser auf, Nährstoffe werden ausgewaschen und die Ertragsfähigkeit der Flächen sinkt. Neben dem geringen Ertrag an Biomasse kann beispielsweise auch der Energiegehalt der Weidegräser deutlich abnehmen. Mancher Betrieb agiert auf entsprechenden Flächen bereits heute an der Grenze der Wirtschaftlichkeit.

Die Paludikultur kann vor diesem Hintergrund ein Schlüsselelement sein, denn sie bietet der Landwirtschaft wie auch der Substratindustrie den notwendigen wirtschaftlichen Anreiz zur Wiedervernässung ihrer An- beziehungsweise Abbauflächen.

Das Greifswald Moor Centrum hat sich als Plattform und Schnittstelle für Wissenschaft, Politik und Praxis zu den Themen Moorschutz und Moornutzung etabliert. Unter www.paludikultur.de informiert es über alle Facetten dieser nachhaltigen Bewirtschaftungsweise. Unter anderem werden dort geeignete Pflanzen- und Nutztierarten im Detail vorgestellt, es finden sich viele Praxisbeispiele und Modellprojekte sowie nützliche Datenbanken und Tools für interessierte Betriebe.

Sonnentau im Torfmoos

Sonnentau wächst auf Torfmoos im Hankhauser Moor (Niedersachsen) Quelle: Balazs Baranyai, Universität Greifswald

Paludikultur – was ist das?

Der Begriff stammt vom lateinischen Wort "palus" für "Sumpf, Morast" und bezeichnet die Land- oder Forstwirtschaft auf morastigen Flächen – im aktuellen Kontext speziell auf wiedervernässten Moorböden, mit dem Ziel, den Torf zu erhalten oder sogar zu vermehren.

Ein geläufiges Beispiel ist die Kultivierung von Schilf für die traditionellen Reetdächer, die moderne Paludikultur bietet jedoch noch wesentlich mehr Möglichkeiten. In unseren Breiten kommen prinzipiell etwa 200 Pflanzenarten für den Anbau in Paludikultur in Frage. 15 bis 20 von ihnen sind ökonomisch besonders vielversprechend. Grob lassen sie sich folgenden Nutzungsgebieten zuordnen:

  • Energiepflanzen für Heizkraftwerke oder Biogasanlagen
  • Rohstofflieferanten für Baustoffe (Nutzholz oder alternative Baustoffe, z.B. für Wärmedämmung, Schalungsplatten, Putzträgermatten, Trennwände, Sichtschutzelemente)
  • Nahrungsmittelproduktion inklusive Tierhaltung
  • Futterpflanzen und/oder als Einstreu nutzbare Pflanzen
  • Torfersatzstoffe
  • Rohstoffe für Medizin oder Kosmetik

Welche Pflanzen und Nutztierarten eignen sich für die Paludikultur?

Tabelle Paludikultur

Beispiele von für die Paludikultur geeigneten und ökonomisch interessanten Pflanzen bzw. Nutztierarten (gefettet: bereits in der Praxis bewährt)

Paludikultur in der Praxis

Erste Modellprojekte haben sich bereits über die Projektphase hinaus in der Praxis bewährt und steigern das Interesse an der Paludikultur. Die Entwicklung sowohl geeigneter Kulturverfahren als auch entsprechender Ernte- und Verarbeitungstechnik schreitet entsprechend rasch voran.

Für einige Kulturen ist die Nachfrage seit Jahren deutlich höher als die verfügbare Pflanzenmasse – beispielsweise bei Sonnentau zur Arzneimittelherstellung oder bei Rohrkolben zur Herstellung von Baumaterialien. Die Haltung von Wasserbüffeln auf Nasswiesen ermöglicht es, Milch- und Fleischerzeugnisse auf artgerechte und nachhaltige Weise zu produzieren. Vielerorts lassen sich derartige Produkte, denen zudem ein Hauch von Exklusivität und Exotik anhaftet, hochpreisig vermarkten.

Energiepflanzen besitzen vor allem mittelfristig ein hohes Potenzial: Wenn sie Übergangsenergieträger wie Erdgas ablösen, werden sie deutlich höhere Preise erzielen als heute üblich. Eine wirtschaftliche Alternative zu entwässerten Böden, die immer weniger Ertrag bringen, sind sie bereits heute.

Paludikultur: Vorteile auf einen Blick

  • Die Freisetzung von Klimagasen wird durch die Wiedervernässung gestoppt.
  • Bei erneuter Torfbildung binden die wiedervernässten Flächen weiteren Kohlenstoff.
  • Die Bodensackung wird gestoppt.
  • Die Flächen können nahtlos weitergenutzt werden.
  • Durch die Wiedervernässung kann es anfangs zu hohen Nährstoffauswaschungen kommen. Starkzehrende Kulturen wie Rohrkolben können dem gezielt entgegenwirken. Auf die Starkzehrer folgen nach 10  bis 20 Jahren extensivere Arten wie Schilf, Rohrglanzgras oder Nasswiesen.
  • Fossile Brennstoffe werden durch nachwachsende, klimaneutrale Brennstoffe ersetzt.
  • Torf wird durch nachwachsende Torfersatzstoffe ersetzt.
  • Anstelle flächendeckender Monokulturen tritt ein der Artenvielfalt förderliches Mosaik unterschiedlichster Nutzungsformen. Dies ergibt sich größtenteils automatisch, da die degradierten Böden oft nicht mehr einheitlich bewirtschaftet werden können.
  • Neue Wertschöpfungsketten werden etabliert.
  • Auch touristisch sind die neuen Nutzungsformen interessant.
Torfmoosernte im Hankhauser Moor

Torfmoosernte im Hankhauser Moor. Quelle: Philipp-Schroeder, lensescape.org

Zahlreiche Fördermöglichkeiten und intensive Beratung

Fördermöglichkeiten für den Aufbau von Paludikulturflächen gibt es viele. Da sie von landwirtschaftlichen Förderangeboten über Klimaschutzprogramme bis hin zu Fördertöpfen aus dem Bereich des Natur- und Artenschutzes reichen, ist es allerdings oft nicht ganz einfach, die passenden Angebote herauszufiltern. Hilfestellung dabei sowie eine intensive Betreuung von Anfang an bieten diverse Forschungseinrichtungen, gemeinnützige Organisationen sowie die zuständigen Behörden. Betriebe mit Pioniergeist können zudem an Modellprojekten teilnehmen und wertvolle Beziehungen zu potenziellen Geschäftspartnern knüpfen.

Blick in die Zukunft

Als verbindendem Element zwischen Landwirtschaft, Landespflege und Naturschutz gebührt der Paludikultur ein rechtlicher Sonderstatus. Diese rechtlichen und politischen Grundlagen zügig herbeizuführen, daran wird in den moorreichen Bundesländern ebenso mit Nachdruck gearbeitet wie auf nationaler und auf EU-Ebene. Im Kern geht es vor allem um folgende Punkte:

  • Paludikulturpflanzen als landwirtschaftliche Erzeugnisse anzuerkennen, um entsprechende landwirtschaftliche Fördergelder abrufen zu können.
  • Demonstrations- und Pilotbetriebe müssen kurzfristig etabliert werden, um das Potenzial der Paludikultur erfahrbar zu machen.
  • Der Wohlfahrtswirkung der Paludikultur durch entsprechende Fördermöglichkeiten Rechnung zu tragen.

Mit Blick auf die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens und den nationalen "Klimaschutzplan 2050" ist damit zu rechnen, dass sich die Paludikultur dauerhaft als pflanzenbauliches Teilgebiet etablieren wird. Landwirtschaft auf entwässerten Moorböden dürfte künftig eine Ausnahme darstellen – eher früher als später.