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Tier

Schweinemastställe der Zukunft: Mehr Platz und Wohlbefinden für´s Schwein

Schweine auf Stroh im Stall

Quelle: Rudolf Wiedemann

Die Schweinehaltung in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wirtschaftlich sehr erfolgreichen Sektor entwickelt. Doch Ökonomie und Rentabilität sind nicht alles: Große Teile der Gesellschaft fordern heute von der Landwirtschaft zunehmend mehr Tier- und Umweltschutz in der Nutztierhaltung. Ein weiter so wie bisher wird es also nicht geben.

Die landwirtschaftlichen Nutztierhalterinnen und -halter stehen daher vor der Herausforderung, ihre Haltungssysteme – und damit ihre Ställe – zu verändern. Und zwar so, dass sie auf der einen Seite tierfreundlich, umweltgerecht und klimaschonend sind, auf der anderen Seite jedoch wettbewerbsfähig bleiben. Wie solche Stallsysteme in der Schweinemast in Zukunft aussehen könnten, damit hat sich eine Arbeitsgruppe von Fachleuten aus den Bereichen Haltung, Stallbau, Fütterung und Emissionsschutz zwei Jahre lang beschäftigt. Die Ergebnisse haben die Expertinnen und Experten in der BZL-Broschüre "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein – Mastschweine" zusammengefasst.


Cover der Broschüre "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein - Mastschweine"

BZL-Broschüre "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein - Mastschweine"

Wie können Haltungssysteme für Mastschweine zukünftig gestaltet werden, damit sie tierfreundlich, umweltgerecht und wettbewerbsfähig sind?

Zur Broschüre


Das natürliche Verhalten der Schweine berücksichtigen

Ein zukunftsfähiger Stall, so ist sich das Expertenteam der Arbeitsgruppe einig, muss die Tiergesundheit fördern und Verhaltensstörungen verhindern, damit Eingriffe am Tier wie zum Beispiel das Schwanzkupieren oder das Abschleifen der Zähne gar nicht erst nötig werden. Die Basis dafür ist mehr Platz: Den Tieren also genügend Raum geben, damit sie einem artgemäßen Verhalten beim Fressen, Bewegen und Ruhen nachgehen können. Wichtig ist zudem, dass die Tiere einen gewissen Mindestabstand zu Artgenossen in der Bucht einhalten können. Laut der Expertengruppe liegt das optimale Platzangebot bei 1,3 Quadratmetern pro Mastschwein (bis zu einem Lebendgewicht von 120 Kilogramm).

Auch eine Strukturierung der Buchten in einen Ruhe-, einen Aktivitäts- und Fressbereich sowie einen Kotbereich wirkt sich unterstützend auf das natürliche Verhalten der Tiere aus. Zusätzlich kann das Wohlbefinden durch den Einsatz von (verzehrbarem) organischem Beschäftigungsmaterial und Stroheinstreu auf der Liegefläche gesteigert werden. Äußerst attraktiv für die Schweine ist außerdem eine Auslauffläche im Freien, die den Tieren, ergänzend zu den Flächen im Stallinneren, eine optische und akustische Abwechslung bietet.

Wie viel mehr kostet so ein Stall?

Für die meisten der genannten Veränderungen sind umfangreiche Umbauten, besser jedoch Neubauten notwendig. Denn die Buchten müssen strukturiert und mit entsprechender Technik für Wasser und Fütterung versehen werden. Wer die Tiere außerdem mit organischen Beschäftigungsmaterial und eingestreuten Liegeflächen versorgen möchte, muss für Einbringung und Dosierung in neue Technik investieren. Außerdem sind neue Entmistungssysteme erforderlich. Denn das vermehrte Angebot von organischem Material zur Einstreu und Beschäftigung führt schnell zu Schwimmdecken, mit denen herkömmlichen Güllesysteme nicht mehr fertig werden. Um die erhöhten organischen Bestandteile der Gülle effektiv aus dem Stall entfernen zu können, sind Schieberentmistungssysteme nötig.

Doch nicht nur der zusätzliche Platzbedarf und die baulich-technischen Veränderungen verursachen Kosten. Kalkulatorisch ins Gewicht fällt vor allem auch der zusätzliche Arbeitszeitbedarf für die Stroheinbringung und die Tierkontrolle.

Schweine auf Stroh im Stall

Vor allem die geringe Besatzdichte und der Einsatz von Stroh als Einstreu verursachen Mehrkosten. Quelle: Rudolf Wiedmann

Die Arbeitsgruppe hat umfassende Berechnungen angestellt, mit wie viel Mehrkosten Schweinemastbetriebe rechnen müssen, wenn sie zukünftig Schweine in einem neuen, tierfreundlicheren Stall halten möchten. In die Kalkulation eingeflossen sind dabei Kosten für die baulichen Veränderungen sowie den laufenden Unterhalt. Ausgegangen sind die Experten von einem Platzangebot von 1,3 Quadratmetern je Tier mit entsprechender Strukturierung der Buchten und Angebot von Beschäftigungsmaterial. Auch Maßnahmen zur Sicherstellung des Auslaufs sind in der Kalkulation mitberücksichtigt.

Für ein solches Stallkonzept ergeben sich demnach Mehrkosten in Höhe von 18,10 Euro pro Mastschwein, bzw. 19 Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht. Entscheidet sich der Mastbetrieb zusätzlich noch für eingestreute Liegeflächen steigen die Mehrkosten auf 23,61 Euro pro Mastschwein, bzw. 25 Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht. Rechnet man schließlich noch die Kosten hinzu, die durch den erhöhten Arbeitsaufwand für die Tierkontrolle von unkupierten Schweinen anfallen würden, steigen die Mehrkosten je Mastschwein auf 40 Euro bzw. 42 Cent je Kilogramm Schlachtgewicht. Hinzurechnen müsste man theoretisch auch noch die potenziell höheren Ferkelpreise, die anfallen, wenn man Ferkel von Erzeugern bezieht, die ihren Tieren ebenfalls verbesserte Haltungsbedingungen bieten.

Möglichkeiten zur Deckung der Mehrkosten

Die entstehenden Mehrkosten können in der Regel nicht über den normalen Vermarktungsweg abgedeckt werden. Um die Mehrkosten auszugleichen, sind auf jeden Fall Änderungen in der Vermarktung notwendig. Betriebe, die einen tierfreundlicheren Stall planen, sollten das daher von Anfang an mitberücksichtigen.

Eine Möglichkeit, einen höheren Fleischerlös zu erzielen, ist die Direktvermarktung. Eine andere der Einstieg in ein Tierwohlprogramm, über das die Produkte entsprechend gekennzeichnet und im Einzelhandel zu höheren Preisen verkauft werden können. Mit den oben beschriebenen baulich-technischen Veränderungen erfüllt man in der Regel die Anforderungen, die bekannte Markenfleischprogramme wie NEULAND oder die Premiumstufen des Tierschutzbundes und Vier Pfoten an die Tierhaltung stellen. Wer sich darüber hinaus nicht scheut, auch noch den Pflanzen- und Futterbau komplett umzukrempeln, kann auch über die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft höhere Erzeugerpreise erzielen.

Einmalige Unterstützung für den Stallumbau oder Neubau gibt es über staatliche Förderprogramme. Im Rahmen des Agrarinvestitionsförderprogramms des BMEL gibt es zum Beispiel eine Premiumförderung für Stallbauvorhaben mit hohen Tierschutzkriterien. Zusätzlich unterstützt der Bund über das Programm "Förderung besonders nachhaltiger und tiergerechter Haltungsverfahren" besonders tiergerechte Haltungsverfahren mit Einstreu und/oder Auslauf.

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Schweine im Stall mit Auslauf im Freien

Mastschweineställe mit eingestreutem Auslauf sind tiergerecht, aufgrund des höheren Emissionspotenzials aber schwierig zu genehmigen. Quelle: Rudolf Wiedmann

Tiergerechte Ställe mit freier Lüftung und Auslauf weisen höhere Emissionen auf und sind daher meist schwieriger zu genehmigen als geschlossene zwangsbelüftete Ställe. Wer einen solchen Stall plant, muss also größere Abstände zur Wohnbebauung oder stickstoffempfindlichen Ökosystemen einhalten als diejenigen, die einen konventionellen Stall bauen wollen. Minderungsmaßnahmen, wie sie bei zwangsgelüfteten Schweineställen beispielsweise in Form der Abluftreinigung angeboten werden, sind bisher nicht verfügbar oder noch nicht ausreichend hinsichtlich der Emissionsminderung untersucht. Insbesondere an Standorten mit einer hohen Vorbelastung durch andere Betriebe sind besonders tiergerechte Ställe – wenn überhaupt – in der Regel nur bei Reduktion der Vorbelastung, das heißt zumeist Abbau des Tierbestandes in vorhandenen Ställen, genehmigungsfähig.

Fazit

Die von der Arbeitsgruppe erstellen Stallbaukonzepte sind entstanden in dem Bewusstsein, dass nicht alle Anforderungen von Ökonomie, Tierwohl und Ressourcenschutz gleichzeitig erfüllbar sind und somit vermutlich auch nur umsetzbar sind, wenn Kompromisse eingegangen werden. Sie sollen vor allem als Grundlage dienen, für die notwendigen weiterführenden Diskussionen aller beteiligten Gruppen über zukunftsfähige Haltungssysteme in der Schweinehaltung.

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