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Tier

Schweine mit Ringelschwanz halten

Wer Schweine mit intaktem Schwanz halten will, muss auf viele Parameter in der Haltung achten.

Schwein mit Ringelschwanz

In der ökologischen Schweinehaltung ist das Kupieren der Schwänze nicht gestattet. Auch in diesen Betrieben ist Schwanzbeißen ein Thema. Quelle: Dominic Menzler, Böln

Das Schwanzkupieren bei Ferkeln zur Vermeidung von späterem Schwanzbeißen bei den Mastschweinen wird aktuell viel diskutiert. In einem umfangreichen Praxisversuch hat sich Prof. Dr. Steffen Hoy von der Universität Gießen mit dem Thema Schwanzbeißen beschäftigt. In dem Versuch bekamen die Tiere in konventioneller Haltung je zur Hälfte mit unkupierten und kupierten Schwänzen, Heu-, Stroh- oder Hopfendoldenpellets als Zulage zum Futter oder aber Heu. Damit sollte ein höherer Sättigungsgrad erreicht werden.

Die Versuchsergebnisse zeigten, dass die Zulage von Heu- und Strohpellets in konventioneller Haltung kaum einen Einfluss auf das Schwanzbeiß-Geschehen hat. Auch die Gruppengröße bis 14 Tiere hatte keinen Effekt. Der Wissenschaftler hat zudem herausgefunden, dass es nicht den Täter und die Opfer im Schwanzbeiß-Geschehen gibt. Es ist ein interaktives Geschehen, in dem auch die Opfer zu Tätern werden und die Rangfolge innerhalb der Gruppe ebenfalls keinen Einfluss zu haben scheint. Hoy kommt zu dem Schluss, dass die Ursache für Schwanzbeißen in einer hohen Beschäftigungsmotivation der kognitiv anspruchsvollen Tiere, die in der Stallhaltung "unterfordert" sind, liegt. Interaktionen mit den Buchtenpartnern sind nach seiner Einschätzung interessanter als die Beschäftigung mit "unbelebten" Gegenständen.

Viele Ursachen kommen infrage

Wer Schweine mit intakten Schwänzen halten möchte, muss einiges beachten, damit diese auch so bleiben. Der unverletzte Ringelschwanz gilt als ein Wohlfühlindikator der Schweine. Wird er nicht angeknabbert, stimmen alle Haltungsfaktoren. Doch leider kann man im Umkehrschluss beim Auftreten von Schwanzbeißen nicht sofort und unmittelbar eine bestimmte Ursache ausfindig machen, wie Praxis und Forschung zeigen. So kann es sein, dass Schwanzbeißen lange Zeit kein gravierendes Problem im Stall darstellt, dann aber in einem Durchgang sehr massiv auftritt. Eine "Garantie" oder reproduzierbare Lösung, die das gegenseitige Anknabbern des Schwanzes verhindert, gibt es nicht. Doch es gibt viele Ansätze für Landwirte, die zukünftig auf das Kupieren der Ferkelschwänze verzichten wollen.

Schwanzbeißen ist ein multifaktorielles Geschehen: Als Auslöser kommen Belegdichte, Stallklima, Fütterung, mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten und daraus folgende Langeweile-Ersatzhandlungen infrage. Betriebe, die Schweine mit intakten Schwänzen halten möchten, müssen daher ihr Haltungsverfahren kritisch unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls Veränderungen vornehmen.

Auf der EuroTier 2018 war das Interesse der Fachwelt zum Thema Tierwohl groß. Die Besucherinnen und Besucher informierten sich über neue Stallkonzepte im "Stall der Zukunft". Experten hatten 20 Planungsbeispiele für eine zukunftsfähige Schweinhaltung erarbeitet, die Tierwohl, Fütterung, Immissionsschutz und Ökonomie gemeinsam betrachten. Dabei gehörte auch die "Ringelschwanz-Tauglichkeit" zu den Kriterien. Eine Ausrichtung der Ställe am Verhalten der Schweine bedeutet unter anderem deutlich mehr Platz, unterschiedliche Funktionsbereiche und eine abwechslungsreiche Fütterung und Beschäftigung, denn mangelnde Ressourcen bei der Fütterung, im Wasserangebot und den Liegeplätzen führen zu Stress. All diese Anforderungen bedeuten aber auch eine Verteuerung der Schweinehaltung, die sich letzten Endes im Produktpreis niederschlagen muss.


BZL-Broschüre "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein - Mastschweine"

Wie können Haltungssysteme für Mastschweine zukünftig gestaltet werden, damit sie tierfreundlich, umweltgerecht und wettbewerbsfähig sind? Die BZL-Broschüre stellt Lösungsansätze vor, die von einer bundesweit zusammengesetzten Expertengruppe erarbeitet wurden.

Zur Broschüre


Bewegung, Beschäftigung und Beobachtung

Nicht kupierte Schweine brauchen viel Bewegungsfreiheit sowie Beschäftigungs- und Rückzugmöglichkeiten. Außerdem ist eine intensive Begleitung und Tierbeobachtung in der Aufzucht und Mast wichtig. Aus den Erfahrungen der Länder Niedersachsen (Ringelschwanzprämie) und Nordrhein-Westfalen (NRW-Erklärung Verzicht auf das routinemäßige Kürzen des Schwanzes bei Schweinen) sowie dem Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz (MuD) - Tierschutz-Projekt des BMEL - haben sich einige Maßnahmen herauskristallisiert, die die Risikofaktoren für das Auftreten von Schwanzbeißen minimieren helfen:

Ablenkung schon bei den Kleinsten

Einer der ersten einschneidenden Stressoren im Leben eines Saugferkels ist das Absetzen von der Sau und die damit einhergehende Umstellung auf festes Futter sowie die Neugruppierung. Ein nicht zu frühes Absetzen, aber dafür ein frühzeitiger Zutritt der Ferkel in die Nachbarbucht zum Kennenlernen und Vermischen zweier Würfe ist eine Möglichkeit, für eine bessere Sozialisierung der Ferkel zu sorgen. Achtung: Spätere ständige Umgruppierungen in der Mast sind dagegen unbedingt zu vermeiden. Es hat sich bewährt, schon zum Absetzen und zu Beginn der Aufzucht Wühlerde oder Urgesteinsmehl einzusetzen. Sie vermindert den Absetzstress, außerdem bindet die Huminsäure Toxine  und verbessert damit die Darmgesundheit. Dabei ist Hygiene das oberste Gebot. Die Ferkel sollen frühzeitig an Nippeltränken gewöhnt werden.

Aus Verhaltenssicht sind allerdings offene Tränken (in der richtigen Höhe an die Größe der Tiere angepasst!) besser. Werden diese eingesetzt, müssen sie mehrmals täglich kontrolliert und gereinigt werden, damit sich kein schädlicher Biofilm bildet.

Schwanzbeißen in Zusammenhang mit der Futteraufnahme

Schweine im Stall mit Futterraufe

Strohraufen für Schweine dienen in erster Linie als Beschäftigung, sie fördern aber auch die Verdauung und Darmgesundheit der Tiere. Quelle: landpixel.eu

Die Art der Fütterung kann Einfluss auf das Schwanzbeiß-Geschehen haben: Bei Flüssigfutter ist auf einen möglichst hohen Trockenmasse-Gehalt zu achten. Dass ein zu feiner Vermahlungsgrad des Futters zu Magengeschwüren führen kann, ist seit langem bekannt. Bei Trockenfutter vermindert ein höherer Rohfaseranteil mit viel Struktur, zum Beispiel durch den Einsatz von Roggen, das Risiko für Schwanzbeißen. Ein tägliches/stetiges Angebot von Raufutter ermöglicht das Sättigungsgefühl bei restriktiver Fütterung und bringt ebenfalls Ballaststoffe für die Darmgesundheit.

Schwanzverletzungen entstehen oft im Umfeld der Futteraufnahme, wenn Futterplätze und damit Ressourcen knapp sind. Eine möglichst zeitgleiche Futteraufnahme minimiert das Auftreten von Schwanzbeißen bei der Fütterung. Auf ein enges Tier-Fressplatzverhältnis, am besten 1:1, ist zu achten, auch die ad libitum-Fütterung vermindert das Schwanzbeißen. Auf die Mykotoxinbelastung ist ebenfalls zu achten, ggf. Toxinbinder einsetzen.

Wasser, das Lebensmittel Nummer 1

Die Bedeutung des Wassers als erstes Lebensmittel wird oft unterschätzt. Eine regelmäßiger Tränke-Check mit Durchflusskontrolle und Untersuchung der Wasserqualität  sind weitere Bestandsmanagement-Maßnahmen zur Vermeidung von Schwanzbeißen. Mastschweine können bei hohem Zunahme-Niveau über 800 g an heißen Tagen deutlich über 7l/Tier  und Tag Wasser benötigen. Dass die Tiere diese Wassermenge in ausreichender Qualität und Zeit aufnehmen können, muss auch bei hohen Außen- und Stalltemperaturen gewährleistet sein.

Beschäftigungsmaterial auch mal wechseln

Mastschweine inspizieren Beschäftigungsmaterial

Ketten mit Holzblöcken oder Beißstangen sind eine Möglichkeit, den Schweinen veränderbares Material zur Beschäftigung zu bieten. Quelle: landpixel.eu

Als fressbares Beschäftigungsmaterial können je nach Alter der Tiere Stroh und Strohhäcksel, (Luzerne)heu oder qualitativ gute Heulage, Maissilage oder getrockneter Schnittmais eingesetzt werden. Für kleinere Ferkel werden Haferflocken mit Gesteinsmehl oder Wühlerde vermischt empfohlen. Die Futterkomponenten müssen nach der Verdaulichkeit und Struktur dem Alter der Tiere entsprechend ausgewählt werden. Silage etwa darf erst bei Mastschweinen oder Sauen eingesetzt werden. Aus der Beratung ist auch der positive Einfluss einer zusätzlichen Salzgabe per Mineralleckstein bekannt. Bei der zusätzlichen Gabe können sich die Tiere mit einem erhöhten Bedarf individuell versorgen. In diesem Zusammenhang muss wieder die Wichtigkeit der Wasserversorgung ad libitum betont werden.

Eine geeignete Beschäftigung bieten auch geflochtene Baumwoll- oder Sisalseile, Pellet-Spender, Ketten mit veränderbarem, gesundheitlich unbedenklichem Material, z. B. Weichholz-Stöcken daran. Eine Abwechslung beim Spielzeug ermöglicht das arttypische Erkundungsverhalten des Schweines mit wühlen und kauen.

Einfluss des Stallklimas

Oberste Prämisse beim Stallklima ist die Schadgasbelastung zu minimieren. Ammoniak-Sensoren zeigen die unmittelbare Schadgas-Belastung an. Mit einem Wärmetauscher können z. B. höhere Luftraten umgesetzt werden, ohne dass Zug entsteht. Auch die Unterflur-Absaugung ist eine schadgasvermindernde Lüftungsmöglichkeit. Keine Zugluft und Wärmebelastung, denen die Tiere nicht ausweichen können! Zuluftkühlung oder Unterflurzuluft können hier Abhilfe schaffen. Das Lüftungssystem muss zum jeweiligen Stallkonzept passen, es gibt nicht die eine Lösung für alle Ställe. Ziel ist es, die Temperatur dem Thermoregulationsverhalten der Schweine bestmöglich anzupassen. Helfen können dabei unterschiedliche Klima- und Funktionsbereiche, Schattenplätze, verschiedene Klimazonen zum Ausweichen sowie Außenklimareize. Eine Schweinedusche  oder die Hochdruck-Wasservernebelung sorgt für Abkühlung an heißen Tagen.

Strukturierung der Haltungsumwelt

Die Strukturierung der Haltungsumwelt in verschiedene Funktionsbereiche trägt zur Beschäftigung und zum Wohlbefinden der Schweine bei. Die Strukturierung ermöglicht die räumliche Trennung der unterschiedlichen Verhaltensweisen Fressen, Trinken, Ruhen, Erkunden und Koten. Wichtig ist vor allem die Trennung des Ruhe- und Aktivitätsbereichs, was unter anderem mit Hell- und Dunkelzonen erreicht wird. Ein gutes Mikroklima kann beispielsweise mit einem Ferkelbett oder einer Ferkelkiste geschaffen werden. Das Liegeverhalten der Tiere lässt Rückschlüsse auf der Stallklima zu: Liegen die Tiere "im Haufen übereinander", ist es zu kalt, liegen sie dagegen locker und entspannt nebeneinander, dann sind Temperatur und Luftführung in Ordnung.

Tierbeobachtung und Tierkontrolle

Ein Stall ohne Schwanzbeißen benötigt eine mehrmalige tägliche Tierkontrolle, genügend freie Arbeitskapazität und genügend freie Stallplätze. Das Auge der Tierbetreuerin/des Tierbetreuers sollte im Hinblick auf das Verhalten der Tiere geschult werden: Ein nach oben gestellter Ringelschwanz ist positiv, ein hängender oder eingezogener Schwanz deutet auf Unwohlsein hin. Zu einem guten Tiergesundheits-Monitoring im Rahmen des Herdenmanagements gehört auch die Freiheit von sämtlichen Erkrankungen.

Schwanzbeißen kündigt sich an

Erfahrene Berater und Landwirte wissen: Schwanzbeißen kommt meist nicht über Nacht, sondern kündigt sich an. Auch wenn der blutige Schwanz das sichtbarste Zeichen ist, so steht er doch am Ende einer Kette. Die Tierbetreuer sollten darauf geschult werden, erste Anzeichen für Langeweile, Beschäftigungsmangel oder unzureichende Versorgung mit Nährstoffen zu erkennen, wenn die Schweine ihre Buchtengenossen "bewühlen" oder an den Ringelschwänzen lutschen und saugen. Unruhige oder auffällig aktive Tiere sollten markiert und genau beobachtet werden. Das kann auf Zugluft, ungenügende Ruhe- und Futteraufnahmemöglichkeiten oder Beschäftigungsmangel/reizarme Umgebung deuten.

Als Ersatz-Erkundungsverhalten ist beispielsweise "Belly-Nosing" als relativ grobes Massieren von Bauch und Flanken der Buchtenkollegen bekannt. Auch Aggressionen um die Rangordnung auszubilden oder um mangelnde Ressourcen (Futter, siehe oben!) können Auslöser für Schwanzbeißen sein. Diskutiert wird auch der Einfluss der Zucht. So soll der Einsatz von Duroc mehr Robustheit in die Nachkommen bringen.


BZL-YouTube-Kanal: Erste-Hilfe-Tipps gegen Schwanzbeißen


Warnzeichen beachten und gegensteuern

Ein blanker Schwanz, bei dem die Haare weggelutscht sind, ist ein Warnzeichen, das nicht übersehen werden darf. Auch wenn es zunächst gewöhnungsbedürftig ist: eine regelmäßige extra Tierbonitur nach einer Checkliste außerhalb der normalen Routine-Durchgänge bringt System in die Tierkontrolle und hilft bei der Früherkennung. Treten die ersten Anzeichen von Schwanzbeißen auf, muss sofort gegengesteuert werden. Ein "Notfallkoffer" mit neuem, bisher unbekanntem Spielzeug, bringt erste Hilfe, doch dann sollte die Ursachenforschung beginnen. Oft sind es weibliche, magere Tiere, die aufgrund von Nährstoffmangel ihre Buchtengenossen bewühlen.

Unter Praktikern wird diskutiert, ob besser die "Täter" oder die "Opfer" aus der Gruppe entfernt werden. Wer genügend Platz für Separations- und Krankenbuchten hat, ist gut daran beraten, beide zu entnehmen, denn Blut hat geradezu eine Lockwirkung für die anderen Tiere. Das verletzte Tier sollte mit einem Wundspray mit vergrämenden Bitterstoffen versorgt werden, Holzteer darf bei lebensmittelliefernden Tieren nicht angewendet werden!

Werden alle diese Maßnahmen berücksichtig, bestehen gute Chancen, dass keine Schwänze verletzt werden. Um das Schwanzbeißen bei Tieren mit intaktem Ringelschwanz auf den Praxisbetrieben dauerhaft zu vermeiden, ist weitere begleitende Forschung notwendig.

Schwanzbeißen beim Schwein

Schwanzbeißen bei Schweinen ist eine weltweit bekannte Verhaltensstörung, die sowohl in konventionellen als auch alternativen Haltungsverfahren auftreten kann.

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