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Tier

Schwanzbeißen beim Schwein

Schwanzbeißen bei Schweinen ist eine weltweit bekannte Verhaltensstörung, die sowohl in konventionellen als auch alternativen Haltungsverfahren auftreten kann.

Kringelschwanz vom Schwein

Quelle: BLE

In der Schweinehaltung in Deutschland oder Europa wird bei der überwiegenden Zahl der Schweine deshalb die Schwanzspitze innerhalb der ersten Lebenstage kupiert, um damit vorbeugend das Schwanzbeißen zu verhindern.

Gesetzlich ist das Kupieren der Schwanzspitze von Schweinen jedoch sowohl auf europäischer Ebene als auch national nur im Ausnahmefall zulässig, wenn durch andere Maßnahmen Schwanzbeißen nicht verhindert werden kann.

Das Wohlergehen der landwirtschaftlichen Nutztiere wird für viele Verbraucherinnen und Verbraucher immer wichtiger. Aber auch viele Tierhalterinnen und Tierhalter wollen ihre Tiere besser halten. Ein schrittweiser Verzicht auf das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen in der landwirtschaftlichen Praxis ist damit grundsätzlich wünschenswert.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unterstützt diese Entwicklung unter anderem mit den Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz. Ziel des Projekts ist der effektive Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis zur Verbesserung des Tierschutzes in der Nutztierhaltung. In diesem Zusammenhang soll unter anderem auch das Risiko von Schwanzbeißen durch verschiedenste (Tierschutz-) Maßnahmen reduziert werden. Teilnehmende Landwirtinnen und Landwirte werden intensiv beraten und vermitteln die erfolgversprechendsten Maßnahmen gegen das Schwanzbeißen ihren Fachkolleginnen und -kollegen über Vorträge und Veranstaltungen weiter. So werden neuste Erkenntnisse und innovative Entwicklungen zum Minimieren des Risikos von Schwanzbeißen schnell in die Praxis transferiert.

Ursachen

Schwanzbeißen ist eine multifaktoriell hervorgerufene Verhaltensstörung, die in der Regel aus einer Überforderung der Tiere durch verschiedene Stressfaktoren resultiert. Diese Stressfaktoren können sehr unterschiedlich sein und sich gegenseitig verstärken. Ursachen für Schwanzbeißen können sein: starke Temperaturschwankungen, schlechte Futter- oder Wasserqualität, eine ungenügende Buchtenstrukturierung, zu wenig Beschäftigung, direkte Sonneneinstrahlung in die Bucht, Zugluft, zu hohe oder zu niedrige Luftfeuchtigkeit, Infektionskrankheiten oder Parasiten und vieles mehr. Nicht zuletzt können Unterschiede in der Anfälligkeit gegenüber diesen Stressauslösern genetisch bedingt sein.

Weil Schwanzbeißen multifaktorielle Ursachen hat, gibt es kein Patentrezept, um das Risiko von Schwanzbeißen zu reduzieren. Jeder Schweine haltende Betrieb muss sich eine betriebsindividuelle Lösung erarbeiten. Am besten gemeinsam mit einem dafür geschulten Berater. Im Mittelpunkt aller Lösungsvorschläge zur Minimierung von Schwanzbeißen stehen immer die Reduktion der oben genannten möglichen Stressfaktoren und das Optimieren des Tierwohls.

Vorbeugend: Stressfaktoren reduzieren, Tierwohl optimieren

Es gibt vielfältige Möglichkeiten durch gute Haltungsbedingungen, eine optimierte Fütterung und ein gesundes Stallklima dem Schwanzbeißen bei Schweinen vorzubeugen. Zum Wohlbefinden der Schweine gehören ausreichend Platz und strukturierte Buchten, organisches Beschäftigungsmaterial und manipulierbare Beschäftigungsobjekte, eine optimale Futter- und Wasserqualität, ein hoher Hygienestandard im Stall sowie ein gutes Stallklima ohne zu viele Schadgase oder gar Zugluft.

Das A und O zur Reduzierung von Schwanzbeißen und Stress im Stall ist aber, ein "Auge für seine Tiere" zu entwickeln. Hierzu müssen Tierhalterinnen und Tierhalter ihre Tiere intensiv und täglich beobachten. Anhand des Verhaltens und der äußeren Erscheinung können dann erste Rückschlüsse auf das Wohlbefinden oder das Stressniveau der Tiere gezogen werden. Ein intakter Ringelschwanz ist die meiste Zeit geringelt und aufgestellt.

Hinweise auf akuten Stress und Schwanzbeißen

Das Liegeverhalten der Schweine kann erste Hinweise für ein nicht optimales Stallklima liefern. Haufenlage deutet auf Zugluft oder zu niedrige Temperaturen hin. Hecheln von gesunden Tieren kann ein Anzeichen für zu hohe Temperaturen im Stall sein. Durchfall, starke Größenvariationen, Husten, blasse Tiere oder Hautveränderungen können Anzeichen sein für Mängel in der Fütterung oder gesundheitliche Probleme. Das alles lässt sich alleine durch Beobachten feststellen. Geeignete Gegenmaßnahmen sollten dann schnellstens ergriffen werden.

Weitere Warnsignale für ein bevorstehendes Schwanzbeißen sind intensives Manipulieren der Umgebung oder der Buchtengenossen, stark wedelnde oder eingeklemmte Schwänze, kahle Schwänze oder kleine Verletzungen am Schwanz.

Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter müssen handeln, sobald erste Anzeichen für Stress auffallen. Je früher Stressfaktoren ausgeschaltet werden, desto wahrscheinlicher kann Schwanzbeißen verhindert werden – zum Beispiel durch Ablenken mit zusätzlichem Beschäftigungsmaterial oder Entfernen der Tätertiere aus der Bucht. Auch sollte das Opfertier schnellstmöglich in einer Extrabucht behandelt werden.

Ferkelherkunft und Management

Die Herkunft der Ferkel rückt in der Schwanzbeißproblematik immer stärker in den Fokus. Schon in der Abferkelbucht wird der Grundstein für ein gesundes, stressstabiles Mastschwein gelegt. Für Ferkelaufzüchter und Mäster ist es deshalb wichtig, die Vorgeschichte der Ferkel zu kennen, denn Krankheitseinbrüche in der Ferkelaufzucht werden in die Schweinemast verschleppt und können dort zum Ausbruch von Schwanzbeißen führen.

Es kommt ganz entscheidend auf die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter an, die genannten Maßnahmen in der richtigen Art und Weise auf ihrem Betrieb umzusetzen und daraus ein betriebsindividuelles Paket zur Risikominimierung von Schwanzbeißen zu schnüren. Auch gilt es, Stresssituationen während des Absetzens, bei Futterumstellungen, nach Umstallungen oder bei Krankheitseinbrüchen abzumildern. So sollten Neugruppierungen wenn möglich vermieden werden. Besonders bei unkupierten Tieren muss eine intensive Betreuung der Tiere erfolgen.

Schwanzbeißen kann deutlich reduziert, aber nicht ganz verhindert werden

Das Risiko von Schwanzbeißen kann durch diese Maßnahmen deutlich reduziert werden, ganz verhindern lässt sich Schwanzbeißen bis heute nicht. Das könnte daran liegen, dass weitere Stressfaktoren, die zu Schwanzbeißen führen, bisher nicht bekannt sind, oder dass Wechselwirkungen zwischen diesen Ursachen noch falsch eingeschätzt werden. Viel wichtiger dürfte allerdings sein, dass die Haltungsbedingungen für Schweine mit unkupierten Schwänzen noch weiter verbessert werden müssen, damit die oben genannten Stressfaktoren wirkungsvoll reduziert werden.

Das erfordert von Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern viel Know-how und ein gutes Auge für das Verhalten ihrer Tiere. Maßnahmen für das Tierwohl werden immer zu einer Reduktion von Stress und damit zu weniger Schwanzbeißen führen. Noch sind diese Maßnahmen bei den meisten Schweine haltenden Betrieben aber nicht ausgereizt.

Mehr Tierwohl ist nicht zum Nulltarif zu haben

Bleibt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Investitionen in das Tierwohl kosten Geld. Landwirte und Landwirtinnen müssten schätzungsweise 20 bis 30 Prozent mehr Geld für ihre Tiere erhalten, um das ausgleichen zu können. Hierfür eine Lösung zu finden, ist eine Mammutaufgabe für die nächsten Jahre. Erfolgreich bewältigen lässt sie sich nur, wenn Handel, Verbraucher und Erzeuger gleichermaßen ihren Beitrag leisten. Denn letztlich muss ein Mehr an Tierwohl von allen bezahlt werden und kann nicht alleine von den Tierhaltern gestemmt werden.