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Tier

Ferkelkastration: Ist der vierte Weg eine Alternative?

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion steht die Kastration mit Lokalanästhesie, der so genannte "skandinavische oder vierte Weg". Doch ist die Lokalanästhesie durch die Ferkelerzeugerin oder den Ferkelerzeuger eine praktikable Lösung?

Landwirtin und landwirt mit Ferkel im Stall

Viele Ferkelerzeuger wünschen sich die Möglichkeit, männliche Ferkel unter lokaler Betäubung zu kastrieren. In Schweden und Dänemark ist das Verfahren gängige Praxis. Quelle: landpixel.de

In Deutschland ist die Kastration der männlichen Ferkel unter örtlicher Betäubung zum jetzigen Zeitpunkt (Stand Oktober 2018) nicht erlaubt. Zum einen gestattet das Tierschutzgesetz nur Verfahren, die zu einer Schmerzausschaltung führen. Dies könnte bei der örtlichen Betäubung nur eingeschränkt der Fall sein. Zum anderen sind die Betäubungsmittel Lidocain, Procain und Pronestesic bislang nicht für das Schwein beziehungsweise für diese Anwendung zugelassen, es müsste eine Zulassungserweiterung dieser Wirkstoffe geben.

Warum wird die Lokalanästhesie diskutiert?

Viele Ferkelerzeuger wünschen sich dennoch die Kastrations-Variante Lokalanästhesie. Die Landwirte und bäuerlichen Interessenverbände favorisieren diese Lösung gegenüber den anderen drei Alternativen Ebermast, Immunokastration und Kastration unter Narkose (siehe auch Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration). Sie halten alle drei Alternativen zur betäubungslosen Kastration für nicht flächendeckend umsetzbar und für alle Betriebe anwendbar.

Welche Alternativen gibt es?

Ebermast: Bisher werden nur rund 10 Prozent der männlichen Ferkel als Eber gemästet. Die Eber nutzen die Nährstoffe effizienter und haben eine bessere Futterverwertung, sind aber auch unruhiger und tragen Rangkämpfe aus, die zu Verletzungen führen können. Gerade in der Endmast ist das Verletzungsrisiko groß. Auch die Schlachtunternehmen nehmen die Eber nicht uneingeschränkt an und bezahlen sie schlechter als Börge und Sauen. Das Akzeptanzproblem liegt vor allem bei der Vermarktung des Jungeberfleisches, das eine andere Fleisch- und Fettqualität aufweist und das Risiko des Ebergeruchs beinhaltet.

Immunokastration: Bei der Impfung gegen Ebergeruch werden die Ferkel nicht kastriert, sondern zweimal mit dem Impfstoff Improvac behandelt, der die Produktion von Sexualhormonen unterdrückt und dadurch die Tiere in der Endmast ruhiger macht. Auch Geruchsabweichler kommen seltener vor. Die Kosten von rund 3,50 Euro für die Impfung werden teilweise durch die bessere Futterverwertung wieder wettgemacht. Allerdings haben die Schlachtunternehmen Sorge, dass die Verbraucher das Fleisch nicht akzeptieren, weil sie die Immunokastration mit einer Hormonbehandlung gleichsetzen.

Die Tierschutzverbände und Tierärzteschaft befürworten diese Methode ausdrücklich als besonders tierschonend, und auch erste Lebensmittelketten akzeptieren das Fleisch von immunokastrierten Tieren. Zudem wird die Impfung gegen Ebergeruch in anderen EU-Ländern wie beispielsweise Belgien erfolgreich betrieben.

Betäubte Ferkel im Stall

Fällt die Nachschlafphase zu lang aus, verpassen die Ferkel wichtige Mahlzeiten.

Kastration unter Narkose: Gesetzlich erlaubt ist die Kastration der Ferkel unter Narkose durch die Tierärztin oder den Tierarzt. Derzeit sind in Deutschland ausschließlich die Wirkstoffe Ketamin und Azaperon zugelassen, die per Injektion verabreicht werden. Allerdings kann die Injektionsnarkose mit einer Nachschlafphase von drei bis vier Stunden einhergehen, in der die Ferkel von der Sau getrennt sind und auch keine Milch aufnehmen. Das Risiko von Ferkelverlusten im Zusammenhang mit der Narkose wird von Fachleuten deutlich höher eingeschätzt als bei der betäubungslosen Kastration. Das BMEL beziffert die Kosten für die chirurgische Kastration per Injektionsnarkose auf 1,50 bis 6 Euro pro Tier.

In der Praxis erprobt wird zudem die Narkose mit dem Narkosegas Isofluran, das den Ferkeln über ein spezielles Gerät per Atemmaske verabreicht wird. Die Vorteile: Es wirkt innerhalb von 70 bis 90 Sekunden, 90 bis 120 Sekunden nach dem Eingriff ist das Ferkel wieder wach. Noch ist Isofluran nicht für die Anwendung beim Schwein zugelassen, das geschieht bisher nur mit Ausnahmegenehmigung. Doch es ist davon auszugehen, dass das Zulassungsverfahren in Kürze abgeschlossen sein wird. Außerdem schlägt so ein Gerät mit Kosten in Höhe von rund 10.000 Euro zu Buche.

Wie wird die Kastration unter Lokalanästhesie durchgeführt?

Aktuell konzentriert sich die Diskussion darauf, ob die Kastration unter Lokalanästhesie durch die Ferkelerzeugerin oder den Ferkelerzeuger eine praktikable Lösung wäre. Befürworter führen die positiven Erfahrungen mit diesem Verfahren in Skandinavien an. Dort führen die Ferkelerzeuger die Kastration unter lokaler Betäubung selber durch. Möglich sind verschiedene Varianten der Lokalanästhesie: Das Betäubungsmittel wird entweder direkt in die Hoden gespritzt oder aber in den Hodensack und in die Leiste neben die Samenstränge.

Kritiker sagen, dass dieses Vorgehen für die Ferkel sehr schmerzhaft ist und die richtige Dosierung sowie das korrekte Treffen der Injektionsstelle häufig Probleme bereiten. Zudem kann es an der Einstichstelle zu Blutungen oder zu Keimverschleppungen kommen. Ganz neu ist ein Verfahren, bei dem das Narkosemittel per Luftdruck-Injektor unter die Haut in das Nervengeflecht zwischen Hoden und After appliziert wird. Die so genannte Perineuralanästhesie soll für das Ferkel weniger schmerzhaft sein und schneller wirken.

Infrage kommen verschiedene Mittel für die örtliche Betäubung. Für die Anwendung beim Schwein zugelassen sind Procain und Pronestesic, eine neue Formulierung des Procain. Procain hat den Nachteil, dass es erst nach 35 Minuten wirkt. Die neue Formulierung wirkt schon nach 5 bis 10 Minuten und die Wirkung hält länger an. Beide Mittel sind allerdings nicht für die örtliche Betäubung zur Kastration zugelassen.

Außerdem ist noch Lidocain im Gespräch, das eine hohe Wirksamkeit haben soll, aber nicht für die Anwendung am Schwein zugelassen ist. Hier müsste zuallererst die Zulassung beantragt werden, um es beim Schwein anwenden zu dürfen.

Doch ohne die Zustimmung des Gesetzgebers dürften die Ferkelerzeuger die örtliche Betäubung auch dann nicht ohne den Tierarzt durchführen, wenn die Mittel für die Kastration beim Schwein zugelassen wären. Grundsätzlich dürfen Narkosemittel nur vom Tierarzt angewendet werden. Doch bei der Lokalanästhesie ist anders als bei einer Vollnarkose die Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit der Tiere nicht eingeschränkt. Damit hätte der Gesetzgeber die Möglichkeit, die Durchführung der Kastration unter örtlicher Betäubung durch Dritte zu gestatten. Diskutiert wird ein Schulungskonzept, das die Ferkelerzeuger durchlaufen, um die Sachkunde für die Kastration unter Lokalanästhesie zu erlangen.

Fazit

Drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration sind Stand September 2018 ab dem Jahr 2019 vom Gesetzgeber gestattet. Um die vierte Alternative lokale Anästhesie wird von Seiten vieler Ferkelerzeuger und Verbände gerungen. Denn sie halten Ebermast, Immunokastration und Kastration unter Narkose für nicht flächendeckend anwendbar, aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Zeit drängt, sich über diese Variante zu beraten und abschließend zu entscheiden, damit die Ferkelerzeuger Planungssicherheit haben. Das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt zurzeit verschiedene Vorhaben zur Ferkelkastration.