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Tier

Kastenstand für Sauen – wie geht es weiter?

Wann und wie lange dürfen Zuchtsauen in einem Einzelstand fixiert werden? Diese Frage steht bei der Weiterentwicklung der Haltungssysteme für Sauen im Mittelpunkt.

Sau im Kastenstand

Gegner wie Befürworter der Kastenstandhaltung haben stichhaltige Argumente.

Seit vielen Jahren ist es gängige Praxis, Zuchtsauen im Deckzentrum zeitweise in Kastenständen zu fixieren. Nach der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) müssen die Stände so beschaffen sein, dass die Schweine gleichzeitig ungehindert liegen, aufstehen, eine natürliche Körperhaltung einnehmen sowie den Kopf und die Gliedmaßen ausstrecken können. Für Jungsauen hat sich in der Praxis ein Maß von 200 x 65 Zentimetern etabliert, für Altsauen ein Maß von 200 x 70 Zentimetern. Die Verordnung schreibt des Weiteren vor, dass die Tiere über einen Zeitraum von über vier Wochen nach dem Decken bis eine Woche vor dem Abferkeltermin in der Gruppe zu halten sind.

Grundbedürfnisse der Sau nicht berücksichtigt

Doch der Kastenstand ist vermehrt in der Diskussion. Seine Gegner kritisieren, dass die Schweine hier grundlegende Verhaltensweisen wie Sozial-, Ruhe-, Erkundungs-, Nahrungsaufnahme-, Komfort- und Ausscheidungsverhalten nicht ausleben können. Zur Argumentation wird unter anderem der Nationale Bewertungsrahmen Tierhaltungsverfahren des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) herangezogen. Danach sind Sauen in nahezu allen Verhaltensweisen stark eingeschränkt, wenn sie in Kastenständen gehalten werden; bestimmte Verhaltensweisen können sie gar nicht ausführen.

Der Nationale Bewertungsrahmen zeigt auf, dass im Kastenstand gehaltene Sauen einem erhöhten Risiko, unter anderem für Erkrankungen des Atmungs-, Verdauungs- und Bewegungsapparates und für Verhaltensstörungen wie Leerkauen und Stangenbeißen, ausgesetzt sind. Kritiker zitieren darüber hinaus häufig ein Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aus dem Jahr 2007. Es stellt dar, dass Kastenstände die Bewegungsfreiheit der Sauen stark einschränken, Stress und Frustrationen verursachen und ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen und für orale Verhaltensstörungen mit sich bringen. Das Fazit der Kritiker: Der Kastenstand dient allein der Arbeitserleichterung und dem Profit des Landwirts.

Das Magdeburger "Kastenstand-Urteil"

Spätestens seit dem so genannten Magdeburger Kastenstand-Urteil vom November 2015 und seiner Bestätigung durch das Bundesverwaltungsgericht im November 2016 steht fest: Die bisher übliche Haltung von Sauen im Deckzentrum muss neu durchdacht und gestaltet werden.

In seinem Urteil bestätigte das Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt die Auflagen des Veterinäramtes im Landkreis Jerichower Land zur Breite von Kastenständen: Nach Auffassung des Gerichts ergibt sich aus der TierSchNutztV zwingend, dass den in einem Kastenstand gehaltenen Sauen die Möglichkeit eröffnet sein muss, jederzeit in dem Kastenstand eine Liegeposition in beiden Seitenlagen einzunehmen, bei der ihre Gliedmaßen auch an dem vom Körper entferntesten Punkt nicht an Hindernisse stoßen.

Die Vorgabe der Regelung erfüllten danach nur Kastenstände, deren Breite mindestens dem Stockmaß des darin untergebrachten Schweins entspricht oder Kastenstände, welche dem Tier die Möglichkeit eröffnen, die Gliedmaßen ohne Behinderung in die beiden benachbarten leeren Kastenstände oder beidseitige (unbelegte) Lücken durchzustecken.

Die Tierhalterinnen und Tierhalter müssen auf diese Rechtsprechung reagieren und auf die Suche nach Alternativen zum klassischen Deckzentrum gehen. Im Gespräch sind unter anderem ein erweiterter Liegebereich, der Einbau von Korb- oder Schwenkbuchten sowie ein zügiges Umstallen der Tiere in Gruppenhaltung.

Verzicht auf den Kastenstand birgt Risiken

Pietrain-Eber im Deckzentum

Aufgrund der Verletzungsgefahr durch gegenseitiges Aufspringen oder Meidbewegungen werden Sauen während der Rausche und Besamung meist einzeln gehalten.

Die meisten Sauenhalterinnen und Sauenhalter können sich nur schwer vorstellen, ganz auf den Kastenstand im Deckzentrum zu verzichten. Risiken sehen sie vor allem beim Tierschutz (z.B. durch Rangordnungskämpfe unter den Tieren) und beim Arbeitsschutz (z.B. durch den Tier-Mensch-Kontakt beim Besamen der Tiere). Darüber hinaus befürchten sie einen erhöhten Arbeitszeitbedarf, unter anderem für das Besamen der Sauen und für die Trächtigkeitsuntersuchung.

Praxisversuche des Versuchs- und Bildungszentrums Landwirtschaft Haus Düsse bestätigen, dass ein Verzicht auf den Kastenstand Risiken birgt. Bei ihren Tests überprüften die Fachleute, inwieweit der Zeitraum der Fixierung der Sauen im Deckzentrum verkürzt werden kann und ob es möglich ist, Sauen ohne jegliche Fixierung in der Gruppe frei zu belegen. Das Ergebnis: Beim freien Belegen in der Gruppe sind die Arbeitsabläufe gestört. Ein zügiges Besamen der Sauen kann nicht gewährleistet werden. Darüber hinaus ist es notwendig, Jungsauen vor dem häufigen Aufspringen schwerer Altsauen zu schützen. Die aufspringenden Altsauen werden auch für das besamende Personal gefährlich. Aufgrund dieser Erfahrungen empfehlen die Experten dringend, Sauen für die Besamung im Einzelstand zu fixieren.

Andere Beispiele zeigen aber auch, dass eine Minimierung der Nutzung beziehungsweise ein Verzicht des Kastenstands umsetzbar sind. In den MuD Tierschutz gibt es Demonstrationsbetriebe, die hierzu schon Erfahrungen sammeln.

Tabelle 1: Argumente für und gegen eine Fixierung von Sauen im Kastenstand

ProContra
Stabile FruchtbarkeitsleistungenMassiv eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Sauen
Geringe UmrauscherquoteReizarme Haltungsumwelt
Vermeidung von RangkämpfenMangel an Beschäftigungsmöglichkeiten
Bessere Tiergesundheit durch weniger Verletzungen (vor allem bei Jungsauen)Erhöhtes Risiko für Erkrankungen (Atmungs-, Verdauungs- und Bewegungsapparat, Herz- und Kreislauferkrankungen)
Bessere Tierkontrollen möglichErhöhte Stressbelastung
Stabile Produktionsleistungs-KennzahlenErhöhtes Risiko für Verhaltensstörungen
Gute WirtschaftlichkeitKastenstand dient nur dem Profit des Landwirts
Geringerer ArbeitszeitbedarfIm Abferkelstall: Kontaktaufnahme zwischen Sau und Ferkeln gestört
Guter Arbeitsschutz bzw. gute Arbeitssicherheit

Quellen: Trost, Lea-Sophie; Hellmuth Urban (2017): Die Zukunft der Sauenhaltung im Deckzentrum, Fachartikel in www.proteinmarkt.de, Nationaler Bewertungsrahmen des Kuratoriums Technik und Bauen in der Landwirtschaft (KTBL), verschiedene Tierschutzorganisationen

Rechtliche Regelungen in anderen europäischen Ländern

In anderen europäischen Ländern existieren bereits rechtliche Regelungen, welche die Kastenstandhaltung im Deckzentrum auf nur wenige Tage begrenzen beziehungsweise ganz verbieten. In einigen Ländern gelten für bestehende Stallungen noch Übergangsfristen:

Tabelle 2: Rechtliche Regelungen europäischer Länder zur Kastenstandhaltung im Deckzentrum

LandDauer der Fixierung im KastenstandAnmerkungen
DänemarkFixierung maximal 3 Tage erlaubt, und zwar nur noch im Einzelfall während des Zeitraums der RauscheGültig seit 1. Januar 2015 für Neubauten und größere Umbauten
GroßbritannienFixierung nicht erlaubtGültig seit 1991. Es gab eine Übergangsfrist für Altbauten bis 1999.
NiederlandeFixierung im Kastenstand vom Absetzen der Ferkel bis 4 Tage nach der Besamung erlaubtGültig seit 1998. Es gab eine Übergangsfrist von 10 Jahren (bis 2008), die im Jahr 2003 um weitere 5 Jahre (bis 2013) verlängert wurde.
NorwegenFixierung im Kastenstand nur während der Fütterung, während des Besamungsvorgangs und während einer tierärztlichen Behandlung erlaubtGültig für alle Betriebe. Fixierung im Kastenstand auch im Abferkelbereich grundsätzlich verboten.
ÖsterreichFixierung im Kastenstand nur zur Deckzeit erlaubt, und zwar für maximal 10 TageGültig seit 1. Januar 2013 für alle Neu- und Umbauten oder für erstmals in Betrieb genommene Anlagen. Ab 2033 für alle Betriebe gültig.
SchwedenFixierung im Kastenstand nur während der Fütterung, während des Besamungsvorgangs und während einer tierärztlichen Behandlung erlaubtGültig seit 1988. Die Übergangsfrist betrug 4,5 Jahre. Fixierung im Kastenstand auch im Abferkelbereich grundsätzlich verboten.
SchweizFixierung im Kastenstand nur zur Deckzeit erlaubt, und zwar für maximal 10 Tage.Gültig seit 1997. Die Übergangsfrist für Altbauten lief bis 2007. Fixierung im Kastenstand auch im Abferkelbereich grundsätzlich verboten.

Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Deutschland favorisiert dänisches und niederländisches Modell

Sauen im Deckzentrum

In diesem Deckzentrum können sich Sauen im Kastenstand durch einen Klappmechanismus selber fixieren und schützen. Quelle: Betrieb Hohls

Im August 2017 legte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein Eckpunktepapier mit Vorschlägen zur künftigen Neugestaltung der Kastenstände in der Sauenhaltung vor. Darin wird das Ziel formuliert, die Dauer der Fixierung von Sauen im Deckzentrum deutlich zu reduzieren.

Darüber hinaus sollen sich die künftigen Kastenstandweiten an der Größe der Tiere orientieren. Die Neuerungen sollen in der Praxis nach einer (angemessenen) Übergangsfrist von 10 bis 17 Jahren umgesetzt werden.

Tabelle3: Anforderungen an künftige Kastenstände

Schulterhöhe Schwein (Zentimeter)Breite (Zentimeter)Länge (Zentimeter)
bis 7060220
71 bis 8068220
81 bis 9075220
91 bis 10085220
über 10090220

 Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Eckpunktepapier zur Neuregelung der Haltung von Sauen im Deckzentrum, August 2017

Die Agrarminister der Bundesländer beschlossen inzwischen, die TierSchNutztV in Bezug auf die Sauenhaltung und den Abferkelbereich zu ändern. Als mögliche Haltungsvariante für die Zukunft sind Gruppenhaltungen mit Selbstfang-Fress-Liegebuchten oder einer Dreiflächenbucht vorstellbar, bei der die Sauen während der Rausche oder nur stundenweise fixiert werden. Als Favoriten gelten das dänische und das niederländische Modell. Erklärtes Ziel ist zudem die Abschaffung des Kastenstandes im Abferkelbereich. In Bezug auf die Übergangsfristen konnten sich die Agrarminister der Länder noch nicht einigen.