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Tier

Basisartikel: Jungebermast mit Immunokastration

Jungebermast mit Immunokastration

Die Immunokastration ist neben der Jungebermast eine weitere Alternative zur chirurgischen Ferkelkastration.

Bei einem Schlachtgewicht von 110 bis 120 kg sind die Mastschweine etwa sechs bis sieben Monate alt. Die Eber sind in diesem Alter meist schon geschlechtsreif. Mit dem Eintreten der Geschlechtsreife produzieren sie Hormone und Sexuallockstoffe, die im Fettgewebe eingelagert werden. Beim Erhitzen des Fleisches tritt dann der für viele Verbraucher unangenehme urin- und schweißartige Ebergeruch auf. Er wird hauptsächlich von den beiden Substanzen Androstenon und Skatol verursacht. Das Pheromon Androstenon ist ein Metabolit des Sexualhormons Testosteron. Seine Bildung wird durch den im Gehirn produzierten Botenstoff GnRF (Gonadotropin Releasing Factor) stimuliert. Skatol entsteht durch bakteriellen Abbau der Aminosäure Tryptophan im Darm. Es riecht fäkalartig und kommt bei beiden Geschlechtern vor, bei Ebern allerdings in wesentlich höherer Konzentration als bei weiblichen Tieren. Die bei Ebern im Durchschnitt höhere Skatolkonzentration erklärt sich dadurch, dass Androstenon das Leberenzym hemmt, welches maßgeblich für den Skatolabbau verantwortlich ist. Um Ebergeruch im Fleisch zu verhindern, wurde in Deutschland bisher ein großer Teil der männlichen Ferkel in der ersten Lebenswoche chirurgisch, ohne Schmerzausschaltung kastriert. Eine Alternative hierzu ist die Immunokastration der Eber.

Immunokastration verhindert Geschlechtsgeruch

Die Immunokastration wurde in Australien entwickelt und dort 1998 als Impfung gegen den Ebergeruch zugelassen. Heute ist die Impfung in mehr als 60 Ländern zulässig, in der EU besteht die Impfzulassung seit 2009. Die Immunokastration ist ein Verfahren, das die Bildung von Geschlechtshormonen und damit den Ebergeruch zeitlich begrenzt unterdrückt. Die Immunokastration entspricht einer Impfung mit „Totimpfstoff“, das heißt, es werden biologisch nicht aktive Antigene injiziert. Der Wirkstoff ist ein synthetisches Analogon des GnRF, welches dem körpereigenen GnRF sehr ähnlich ist. Dieses Analogon ist so verändert, dass es im Körper keine hormonelle Wirkung hat, es provoziert jedoch eine Immunantwort. Der Körper bildet als Reaktion auf die Impfung Antikörper gegen das GnRF-Analogon. Die Antikörper binden und neutralisieren auch das körpereigene GnRF, sodass die Geschlechtsdrüsen nicht mehr stimuliert werden und die Bildung von Androstenon und Testosteron unterdrückt wird. Schließlich nimmt auch die Skatolkonzentration ab.

Reversibler Vorgang

Der Hormonstatus nach einer zweimaligen Impfung entspricht dem nach einer chirurgischen Entfernung der Hoden (Kastration). Die Immunokastration ist jedoch im Gegensatz zu dieser umkehrbar: Nach etwa 10 Wochen lässt die Antikörperbildung nach, das körpereigene GnRF wird nicht mehr gebunden und entfaltet wieder seine Wirkung. Um eine sichere Unterdrückung der Geschlechtshormone zu erzielen, sind zwei Anwendungen im Verlauf der Mast notwendig. Die erste Injektion wird ein bis zwei Wochen nach Einstallung in die Mast verabreicht, die Ferkel sind dann etwa 12 bis 14 Wochen alt. Infolge der ersten Impfung werden zunächst nur wenig Antikörper produziert, es sind keine Auswirkungen auf das Verhalten und den Körperbau der Tiere sichtbar. Die zweite Injektion muss mindestens vier Wochen nach der ersten und vier bis sechs Wochen vor dem geplanten Schlachttermin erfolgen. Jetzt produzieren die Lymphozyten durch den Boostereffekt eine große Menge Antikörper. Dadurch wird die Bildung der Geschlechtshormone Testosteron und Androstenon unterdrückt. Das Verhalten der Schweine ändert sich, sie werden ruhiger, sind weniger aggressiv und schlafen mehr. Die Hodengröße verringert sich deutlich sichtbar. Spätestens zehn Wochen nach der zweiten Impfung müssen die Tiere geschlachtet werden, sonst wäre eine dritte Impfung notwendig, um die hormonelle Kastration aufrecht zu erhalten.

Broschüre: Broschüre: Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration
Dokumenttyp: PDF Dokumentgröße: 2 MB

Broschüre Beschreibung:

Schweinehaltende Betriebe müssen ab dem 1. Januar 2021 eine der vier zur Verfügung stehenden Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration anwenden. Die 40-seitige Broschüre informiert über Vor- und Nachteile der Alternativmethoden, erläutert die betrieblichen Voraussetzungen und bewertet sie ökonomisch.

Lebensmittelsicherheit ist gegeben

Das Fleisch von immunokastrierten Tieren kann aus wissenschaftlicher Sicht ohne Bedenken gegessen werden. Das zur Immunokastration eingesetzte Präparat hat eine Wartezeit von null Tagen, die geimpften Tiere könnten theoretisch sofort nach der Impfung geschlachtet werden und das Fleisch wäre für den sofortigen menschlichen Verzehr geeignet. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat die gesundheitliche Unbedenklichkeit bestätigt, auch andere Behörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) haben Gutachten hierzu erstellt. Die Anwender müssen bei der Impfung der Tiere davor geschützt werden sich versehentlich selber zu impfen, da der Wirkstoff bei einer Injektion beim Menschen dieselbe Reaktion wie bei Schweinen hervorruft und die GnRF-Wirkung unterdrückt. Deswegen wird bei der Immunokastration von Ebern ein Sicherheitsapplikator verwendet.

Tabelle: Vor- und Nachteile der Immunokastration

 
Vorteile Nachteile
kein chirurgischer Eingriff nötig, keine Kastrationswunde zusätzlicher Arbeitsaufwand und Kosten für den Mäster
von Tierschutzorganisationen und Tierärzteschaft als besonders tierschonend angesehen flächendeckende Vermarktung derzeit noch schwierig, immunokastrierte Tiere werden oft nach Ebermaske abgerechnet
Schlachtkörper haben gleiche Verarbeitungsmöglichkeiten wie Kastraten, Fettqualität besser als bei Ebern Schlachtereien haben zurzeit gleichen Aufwand wie für Eber: Geruchskontrolle erfolgt, Hoden müssen entfernt und entsorgt werden, ca. ein Proznt geringere Ausschlachtung
geringere Aggressivität als bei Ebern Fleischexporteure müssen Akzeptanz bei Abnehmern abklären
höhere Tierleistung, vor allem bessere Futterverwertung bis zur zweiten Impfung  

Höhere Leistung, angepasste Futterkurven notwendig

In der Ferkelaufzucht erfolgt eine Zeitersparnis durch die entfallende Kastration, in der Mast ist hingegen ein erhöhter Arbeitsaufwand für das Impfen erforderlich. Die Kosten für die zweimalige Injektion betragen 3,59 Euro je männlichem Tier. Die getrenntgeschlechtliche Mast ermöglicht eine buchtenweise Impfung und geschlechtsspezifische Fütterung. Die männlichen Tiere sind zunächst noch intakte Eber, dadurch weisen die Tiere höhere Tageszunahmen auf und es kommt zu einer Erhöhung der Durchgänge. Die höhere Leistung der Tiere und die bessere Futterverwertung kompensieren die Impfkosten. Werden die immunokastrierten Tiere jedoch nach der Ebermaske abgerechnet, verlieren die Landwirtinnen und Landwirte Geld im Vergleich zur normalen Schlachtnotierung für Börge und weibliche Tiere. Bis zur zweiten Injektion nehmen die geimpften Tiere ähnlich viel Futter auf und wachsen wie Eber, doch nach der zweiten Injektion verändert sich der Stoffwechsel und sie neigen bei „Eberfütterung“ zu einem starken Fettansatz. Deswegen muss die Rationsgestaltung für immunokastrierte Schweine angepasst werden.

Poster: Jungebermast mit Immunokastration

Das Poster gibt einen Überblick über die wichtigsten Schritte zur erfolgreichen Umsetzung der Jungebermast mit Immunokastration.

Zum Poster

Gute Alternative aus Sicht der Wissenschaft, Fragen von Seiten der Verarbeiter

Während viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Immunokastration als gute Alternative zur chirurgischen Kastration und Jungebermast sehen, äußern sich einige Schlachtunternehmen eher kritisch. Als Grund führen die Schlachtunternehmen unter anderem Schwierigkeiten beim Export des Fleisches, aufgrund von Vorbehalten gegenüber Fleisch von immunokastrierten Tieren im Ausland, an. Auch müsse das Fleisch von immunkastrierten Tieren wie Eberfleisch per Riechprobe untersucht werden, um „Impfversager“ zu identifizieren. Um die Vermarktung des Fleisches sicherzustellen, sind Absprachen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Erzeugerkette notwendig. Nur wenn die Schlachthöfe immunokastrierte Schweine zu einem angemessenen Preis abnehmen, kann sich das Verfahren auch in der Praxis durchsetzen.

Kurzübersicht Fakten zur Immunokastration

  • Vor über 30 Jahren in Australien entwickelt und dort seit 1998 als Impfung gegen den Ebergeruch zugelassen.
  • Gegenwärtig in mehr als 60 Ländern zugelassen, in der EU besteht die Impfzulassung seit 2009.
  • In Deutschland ist im Moment nur ein Präparat zugelassen, Nachfolgepräparate werden erwartet.
  • Immunologisches Verfahren ähnlich einer Impfung mit Antikörperbildung, die die Bildung körpereigener Hormone unterdrückt, die sonst den Ebergeruch verursachen.
  •  Fleisch geimpfter Tiere hat keine Wartezeit, kann ohne Bedenken verzehrt werden.

Seiten-Titel: Wirtschaftlichkeit der Immunokastration

Seiten-Beschreibung:

Die Immunokastration ist tierschonend und wirtschaftlich. Höhere Leistungen und bessere Futterverwertung kompensieren die zusätzlichen Kosten der Impfungen.

Seiten-Titel: Einsatz der Immunokastration international

Seiten-Beschreibung:

Die Verbreitung der Immunokastration zur Unterdrückung des Geschlechtsgeruchs bei Ebern hat eine hohe Schwankungsbreite in Europa. Dabei spielen Traditionen ebenso eine Rolle wie Vorbehalte von Seiten der fleischverarbeitenden Industrie. Vorreiter in Sachen Impfung gegen Ebergeruch in Europa ist Belgien.

Seiten-Titel: Betriebsreportage Immunokastration

Seiten-Beschreibung:

Ein kleiner Pieks und schon ist es vorbei mit der Männlichkeit und dem unangenehmen Geruch. Doch ganz so einfach ist sie nicht, die Impfmethode mit dem Mittel Improvac. Aber Landwirt Christian Hain (37) schätzt die Vorteile dieser tierschonenden Methode.