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Tier

Injektionsnarkose verursacht hohe Kosten

Wirtschaftlichkeit der Injektionsnarkose

Die Injektionsnarkose verteuert die Kastration der männlichen Ferkel deutlich. Das hat Auswirkungen auf den Gewinn der ferkelerzeugenden Betriebe.

Eine Alternative zum betäubungslosen Kastrieren ist die Entfernung der Hoden unter Vollnarkose mit den Wirkstoffen Ketamin und Azaperon. Eine Studie des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft hat die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen für die Alternativen zur betäubungslosen Kastration ermittelt. Die in diesem Artikel dargestellten Ergebnisse beruhen auf dieser Studie. Die Injektionsnarkose mit Ketamin und Azaperon erwies sich in der Studie als die teuerste Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration und hatte deutliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der Sauen haltenden Betriebe.

So funktioniert die Kastration unter Injektionsnarkose

Das Narkosemittel, eine Mischung aus Ketamin und Azaperon, wird den männlichen Ferkeln gewichtsabhängig injiziert, zusätzlich bekommen sie ein Schmerzmittel gegen den postoperativen Schmerz. Da es sich um ein Narkoseverfahren handelt, muss eine Tierärztin oder ein Tierarzt die Narkose bei den Ferkeln setzen und diese auch überwachen. Die Kastration selbst kann vom Ferkelerzeuger oder der Ferkelerzeugerin durchgeführt werden.

Die Grundlagen der Berechnungen

Zunächst wurde eine Referenzsituation definiert. Sie basiert auf den Daten von neun typischen schweinehaltenden Betrieben aus den wichtigsten Regionen Deutschlands. Diese Betriebe wenden die derzeit übliche betäubungslose Kastration männlicher Ferkel mit postoperativer Schmerzbehandlung an und spiegeln den Stand der guten landwirtschaftlichen Praxis wider. Die Betriebe unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bestandsgrößen und ihrer Produktionsrichtungen (spezialisierte Ferkelproduktion bzw. Schweinemast) voneinander. Die Eigenschaften dieses Querschnitts der deutschen Sauenhalter sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Sie beziehen sich auf das Kalenderjahr 2017 und stammen aus dem Netzwerk agri benchmark Pig.

Tabelle 1 Kennzahlen der Referenzbetriebe der Sauenhaltung

Mehrkosten für Tierarzt, Medikamente und Material

Bei dem Verfahren der Injektionsnarkose fallen durch den Tierarztvorbehalt die Kosten für den Veterinär bzw. die Veterinärin deutlich ins Gewicht. Der Tierarzt wird nach seinem zeitlichen Aufwand bezahlt. Dieser kann sehr hoch sein, da die Nachschlafphase der Ferkel bis zu vier Stunden dauern kann. In dieser Zeit können die Ferkel nicht zur Muttersau und müssen beobachtet werden. Nach den gesetzlichen Vorgaben muss der Tierarzt die Ferkel in der Zeit bis zum Aufwachen aus der Narkose überwachen. Zusätzlich entstehen Kosten für das Narkosemittel sowie für Spritzen und -kanülen zum Setzen der Injektion. Die Ergebnisse des Thünen-Instituts basieren auf der Verwendung von Einwegspritzen und –kanülen. Diese verursachen relativ hohe Kosten (1,5 € je männlichem Ferkel), sind aber nicht unbedingt notwendig, da bei intramuskulären Injektionen auf Mehrfachspritzen verwendet werden können.

Bei der Kastration mit Injektionsnarkose entstehen zusätzlichen Kosten für Tierarzt, Medizin und veterinäres Zubehör, die je nach Betrieb aufgrund unterschiedlich hoher Anfahrtskosten des Veterinärs je Ferkel zwischen 4,68 Euro bis 6,26 Euro je Ferkel variieren (darin enhaltene Anfahrtskosten von 0,13 bis 1,71 Euro je Ferkel). Der zusätzliche Zeitaufwand für den Landwirt wird in der Studie mit 12 Sekunden je männlichem Ferkel angegeben. Zudem sind die Ferkelverluste aufgrund der langen Nachschlafzeit nach der Narkose in den Betrieben mit Injektionsnarkose etwas höher. Wenn alle Kostenpositionen zusammengerechnet werden, belaufen sich die zusätzlichen Kosten des Verfahrens gegenüber der betäubungslosen Kastration auf 5,04 Euro bis 6,70 Euro je männliches Ferkel (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2 Prozessänderungen und Mehrkosten der Injektionsnarkose im Vergleich zu den Referenzbetrieben

Mehrkosten der Injektionsnarkose schlagen auf den Gewinn durch

Die Wissenschaftler des Thünen-Instituts haben in ihrer Studie, die auf einer Vollkostenrechnung basiert, errechnet, dass die höheren Kosten durch die Injektionsnarkose bei gleichbleibendem Erlösniveau zu einer verschlechterten Rentabilität der Betriebe führen. Zwischen den Betrieben bestehen zwar erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Kosten- und Erlösniveaus, was unter anderem an der Ausstattung mit Familienarbeitskräften und unterschiedlichen Futterkosten liegt. Da es sich bei den Mehrkosten für das Verfahren um Direktkosten handelt, wirken sie bei allen Betrieben gleich: Sie erhöhen die Ausgaben, ohne dass auf der Erlösseite mehr dazu kommt. Die Auswirkungen sind umso größer, je größer der Betrieb ist und je mehr Ferkel kastriert werden müssen. Die höheren Kosten haben einen deutlichen Einfluss auf den Gewinn der Betriebe. Bei dem kleinsten Betrieb mit 170 Sauen reduziert sich der Gewinn um 7,1 Prozent, bei dem größten Betrieb mit 2490 Sauen verringert sich der Gewinn sogar um 35,4 Prozent. Sowohl die Injektionsnarkose auch die Inhalationsnarkose schnitten in der Studie des Thünen-Instituts schlechter ab, als die Jungebermast mit und ohne Immunokastration. Die Injektionsnarkose führte zu der größten Reduktion des Gewinns der Ferkelerzeugerbetriebe (siehe Tabelle 3: Gewinn und Gewinnänderung in der Sauenhaltung).

Tabelle 3 Gewinn und Gewinnänderungen in der Sauenhaltung in Euro und Prozent

Ähnliche Ergebnisse beim MuD-Projekt PraxiKaPIK/A

Dass die Injektionsnarkose ein teures Verfahren ist, zeigte sich auch im Modell- und Demonstrationsvorhaben PraxiKaPIK/A. In dem Projekt "Praxiserprobung der chirurgischen Kastration von Ferkeln unter Betäubung mittels Procain, Isofluran und Ketamin/Azaperon sowie postoperativer Schmerzausschaltung" wurden die einzelnen Kastrationsverfahren auf sechs Praxisbetrieben mit unterschiedlicher Betriebs- und Beleggruppengröße (klein, mittel, groß) erprobt und bewertet. An dem Projekt waren neben der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen die Universität Bonn und das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft beteiligt. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich der Zeitaufwand bei allen Kastrationsverfahren unter Narkose gegenüber der betäubungslosen Kastration etwa verdoppelt. Hinsichtlich der Kosten schnitt das Verfahren der Injektionsnarkose auch hier am schlechtesten ab. Die Mehrkosten variierten auf den Praxisbetrieben zwischen 5,35 Euro je männlichem Ferkel bei dem großen Betrieb mit einer Beleggruppengröße mit rund 75 Sauen und zu 12,81 Euro je männlichem Ferkel auf einem kleineren Betrieb mit einer Beleggruppengröße von bis zu 22 Sauen. Bei den mittleren Betrieben mit bis zu 30 Sauen in einer Beleggruppe beliefen sich die Mehrkosten je männliches Ferkel auf 6,57 Euro bis 7,23 Euro

Letzte Aktualisierung 08.06.2020

Quelle:

Verhaagh, M. und Deblitz, C. (2019): Thünen Working Paper 110. Wirtschaftlichkeit der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration – Aktualisierung und Erweiterung der betriebswirtschaftlichen Berechnungen (PDF)

Seiten-Titel: Basisartikel Injektionsnarkose

Seiten-Beschreibung:

Die Kastration unter Injektionsnarkose ist eine der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration.

Seiten-Titel: Betriebsreportage Injektionsnarkose

Seiten-Beschreibung:

„Ein Schnitt, ein Schrei, schon ist es vorbei“, lautete früher ein etwas flapsiger Ausspruch der so genannten „Sauschneider“, die über die Lande zogen und auf den Höfen die Ferkel kastrierten - natürlich ohne Betäubung. Familie Herrmann geht bereits einen anderen Weg: Sie setzen auf die Injektionsnarkose.

Seiten-Titel: Informationsveranstaltungen und Sachkundelehrgänge

Seiten-Beschreibung:

Im Rahmen von Informationsveranstaltungen können Landwirte/-innen sich über die vier Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration informieren. Auch die Sachkundelehrgänge zur Isoflurannarkose laufen an.