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Tier

Wirtschaftlichkeit der Inhalationsnarkose mit Isofluran

Wirtschaftlichkeit der Inhalationsnarkose mit Isofluran

Die Inhalationsnarkose mit Isofluran führt zu deutlichen Mehrkosten je männlichem Ferkel. 

Die Ferkelkastration unter Narkose mit Isofluran ist in anderen Ländern, wie zum Beispiel in der Schweiz, bereits seit einiger Zeit eingeführt. Auch deutsche Biobetriebe und Betriebe, die Schweinefleisch für alternative Haltungslabel erzeugen, wenden das Verfahren an. Seiner breiten Anwendung waren in Deutschland jedoch lange Grenzen gesetzt: Bis November 2018 war Isofluran für Schweine nicht zugelassen und musste vor seiner Anwendung durch den Tierarzt umgewidmet werden. Darüber hinaus durfte das Mittel auch nur vom Tierarzt eingesetzt werden, was bei den landwirtschaftlichen Betrieben zu hohen Mehrkosten führte. Inzwischen hat sich die Situation geändert, denn im Herbst 2018 wurde Isofluran vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für Schweine zugelassen und kann nun ohne Umwidmung angewendet werden.

Wie ist die Isoflurannarkose wirtschaftlich zu beurteilen? Wo liegen die Knackpunkte bei diesem Verfahren? Wissenschaftler des Johann Heinrich von Thünen-Instituts analysierten in einer 2019 erschienenen Studie unter anderem die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen des Einsatzes der Isoflurannarkose bei der Kastration von Ferkeln.5

Die Berechnungsgrundlage

Im ersten Schritt wurde eine Referenzsituation (Baseline) definiert, die auf den Daten von neun typischen schweinehaltenden Betrieben basiert. Diese Betriebe wenden die derzeit übliche betäubungslose Kastration männlicher Ferkel mit postoperativer Schmerzbehandlung an und spiegeln den Stand der guten landwirtschaftlichen Praxis wider. Die Betriebe unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bestandsgrößen und ihrer Produktionsrichtungen (spezialisierte Ferkelproduktion bzw. Schweinemast) voneinander. Die Eigenschaften dieses Querschnitts der deutschen Sauenhaltung sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Sie beziehen sich auf das Kalenderjahr 2017 und stammen aus dem Netzwerk agri benchmark Pig.

Tabelle 1 Kennzahlen der Referenzbetriebe der Sauenhaltung

Auf Grundlage der Referenzsituation wurden die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Umstellung auf Jungebermast mit Immunokastration berechnet. Dabei werden die Ferkelerzeugung und Schweinemast getrennt voneinander betrachtet.

Deutliche Mehrkosten trotz Anwendung durch den Landwirt

Die Isoflurannarkose führt zu deutlichen Mehrkosten pro männlichem Ferkel, auch wenn der Landwirt die Narkose selbst vornimmt (siehe Tabelle 2). Ökonomisch nachteilig werten die Experten des Thünen Instituts vor allem die hohen Anschaffungskosten für das Narkosegerät. Diese liegen (nach Einschätzung des Bundeslandwirtschaftsministeriums) zwischen 3 000 und 10 000 Euro. Dazu kommen Kosten für die Wartung des Gerätes/der Geräte und Mehrkosten für die Medikamente (Narkose- und Schmerzmittel). Auch die Abschreibung und Wartungskosten für das Inhalationsgerät, den Verdampfer und weiteres Material, das für die Inhalation benötigt wird, sind in den Kosten zu berücksichtigen.1,5

Darüber hinaus schlägt die relativ hohe Arbeitszeit je Ferkel zu Buche: Weil die Arbeitsschritte der Narkoseeinleitung und -überwachung zum eigentlichen Kastrieren hinzukommen, benötigt der Landwirt insgesamt mehr Zeit je männliches Ferkel, zumal mit einem Narkosegerät immer nur zwei bis vier Ferkel gleichzeitig behandelt werden können.

Tabelle 2 Prozessänderungen und Mehrkosten der chirurgischen Kastration unter Inhalationsnarkose im Vergleich zur Referenzsituation

Die steigenden Kosten führen bei gleichbleibendem Erlösniveau zu einer verschlechterten Rentabilität, resümieren die Forscher des Thünen-Instituts. Die ökonomischen Auswirkungen der Isoflurannarkose verstärken sich, je größer der Betrieb ist und je mehr Ferkel kastriert werden müssen. Das kann zu massiven Einbußen beim Betriebsgewinn führen (Tabelle 3). Das Fazit der Wissenschaftler: Die Kastration unter Isoflurannarkose ist neben der Injektionsnarkose mit Ketamin und Azaperon das teuerste Verfahren unter den Alternativen der betäubungslosen Ferkelkastration.

Tabelle 3 Gewinn und Gewinnänderungen in der Sauenhaltung, Euro und Prozent

Kostenfaktor Sachkundenachweis beachten

Weil bei entweichendem Isofluran sowohl Belastungen für die Umwelt (Isofluran hat ein höheres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid) als auch gesundheitliche Schäden beim Anwender möglich sind, darf die Narkotisierung der Ferkel mit Isofluran nur von sachkundigem Personal vorgenommen werden. Dies ist ein weiterer Kostenfaktor, den Landwirte vor der Anwendung von Isofluran einplanen müssten. Denn nach "Verordnung zur Durchführung der Betäubung mit Isofluran bei der Ferkelkastration durch sachkundige Personen" muss der Sachkundenachweises im Rahmen eines Lehrgangs erworben werden. Landwirte oder Personen mit einschlägiger Berufsausbildung beziehungsweise -erfahrung müssen hierzu einen theoretischen Lehrgang und eine Praxisphase absolvieren und ihre Kenntnisse in einer praktischen und theoretischen Prüfung nachweisen. Die hierbei anfallenden Gebühren tragen die Landwirte selbst.2,3,4

Anschaffung von Narkosegeräten wird gefördert

Die Anschaffung von Narkosegeräten, die geeignet sind, Ferkel mittels Isofluran entsprechend den Vorgaben des Tierschutzgesetzes zu betäuben, wird vom Bundeslandwirtschafts-ministerium gefördert. Die Förderung beträgt 60 Prozent der beihilfefähigen Ausgaben. Die Zuwendung wird nur auf schriftlichen Antrag gewährt, der vor Anschaffung des förderfähigen Gerätes gestellt werden muss.1

Letzte Aktualisierung 04.06.2020

Quellen:

(1) Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (2019): Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration, S.28

(2) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2019): Pressemitteilung Nr. 93 vom 08.05.2019, Klöckner: Wirksame Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration - Isofluran-Verordnung im Bundeskabinett.

(3) Deutscher Bundestag (2019): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP. Drucksache 19/9348, Durchführung der Narkose mit Isofluran bei der Kastration von Ferkeln.

(4) QS Qualität und Sicherheit GmbH (2016): Situationsanalyse, Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration in Deutschland zum 01.01.2019.

(5) Verhaagh, M. und Deblitz, C. (2019): Thünen Working Paper 110. Wirtschaftlichkeit der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration – Aktualisierung und Erweiterung der betriebswirtschaftlichen Berechnungen

Seiten-Titel: Isofluran – Blick ins Ausland

Seiten-Beschreibung:

In Europa gibt es derzeit nur ein Land, das die Inhalationsnarkose mit Isofluran bei der Ferkelkastration großflächig praktiziert – die Schweiz.

Seiten-Titel: Betriebsreportage Isofluran

Seiten-Beschreibung:

Es regnet und stürmt, die Temperaturen im einstelligen Bereich - und trotzdem steht die Schweinestalltür groß offen auf dem Hof von Familie Jostmann in Schröttinghausen bei Bielefeld. Denn heute ist „Kastriertag“ - und dafür wird ein gut belüfteter Raum benötigt.

Seiten-Titel: Informationsveranstaltungen und Sachkundelehrgänge

Seiten-Beschreibung:

Im Rahmen von Informationsveranstaltungen können Landwirte/-innen sich über die vier Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration informieren. Auch die Sachkundelehrgänge zur Isoflurannarkose laufen an.