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Isofluran – Blick ins Ausland

Isofluran – Blick ins Ausland

In Europa gibt es derzeit nur ein Land, das die Inhalationsnarkose mit Isofluran bei der Ferkelkastration großflächig praktiziert – die Schweiz.

Seit dem 1. Januar 2010 wird das Narkosemittel Isofluran in der Schweiz zur Betäubung von Ferkeln eingesetzt. Die Alpenrepublik ist bislang das einzige Land in Europa, das diese Methode großflächig anwendet. Die Gründe hierfür könnten in den kleingliedrigen Strukturen der Schweizer Agrarwirtschaft liegen. Knapp 75 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe bewirtschaften zwischen 10 und 50 Hektar, nur circa 14,6 Prozent der Betriebe mehr als 50 Hektar. Für die Tierhaltung sind in der Schweiz Höchstbestände vorgeschrieben. So dürfen Schweizer Landwirte beispielsweise maximal 500 Zuchtsauen auf ihrem Betrieb halten. Rund ein Drittel aller Schweinehalter hält noch immer weniger als 50 Schweine auf seinem Betrieb. Mit der so genannten Höchstbestandesverordnung will die Regierung drohende Überschüsse in der Fleisch- und Eierproduktion abwenden sowie die Entstehung bodenunabhängiger Betriebe verhindern.

Damit Schweizer Landwirte trotz dieser Einschränkung von ihrer Produktion leben können, werden sie vom Bund mit beträchtlichen Mitteln (mit Subventionen beziehungsweise mit an Auflagen gebundenen Direktzahlungen) unterstützt. Das macht sie unabhängiger vom allgemeinen Marktgeschehen. Dazu kommt, dass die Schweiz als hochpreisiges Land gilt. So lagen beispielsweise die Preise für Schweinefleisch im Winter 2019/2020 bei 4,50 Schweizer Franken (ca. 4,19 Euro) pro Kilogramm Schlachtgewicht. Im Vergleich dazu wurden deutschen Erzeugern 1,82 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht ausgezahlt. 1,2,6,7

Poster: Inhalationsnarkose mit Isofluran

Das Poster gibt einen Überblick über die wichtigsten Schritte zur erfolgreichen Umsetzung der Inhalationsnarkose mit Isofluran.

Zum Poster

Schweizer Handel akzeptiert nur Isofluran

Das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln stand in der Schweiz bereits in den 1990-er Jahren sehr in der Kritik. Der politische Druck wuchs in den frühen 2000-er Jahren so stark an, dass sich der Schweizer Bundesrat zum Handeln gezwungen sah. So entschied er bereits im Jahr 2005, die chirurgische Kastration von Ferkeln ohne Betäubung ab Januar 2009 zu verbieten, räumte jedoch zunächst eine Übergangsfrist von zwei Jahren ein. Später revidierte der Bundesrat diese Entscheidung und verbot die betäubungslose Ferkelkastration ab dem 1. Januar 2010. Als mögliche Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration galten die Impfung gegen Ebergeruch mit dem Impfstoff Improvac, die Kastration unter Isoflurannarkose sowie die Ebermast.

Über die künftige Methode waren sich die Beteiligten zunächst nicht einig. Während die Landwirte dafür plädierten, zwischen den verschiedenen Alternativen der betäubungslosen Ferkelkastration wählen zu können, akzeptierten die Handelsunternehmen - vor allem die Migros-Gruppe und die Konsumgenossenschaft Coop - nur die Narkotisierung mit Isofluran. Dies gab letztendlich den Ausschlag dafür, in der Schweiz nur die Inhalationsnarkose mit Isofluran als Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration zuzulassen.

Den Schweizer Landwirten blieb wenig Zeit, die Beschlüsse des Bundesrates umzusetzen. Folgende Elemente unterstützten die zügige und großflächige Einführung des Narkosemittels Isofluran zur Betäubung von Ferkeln 3,5:

1. Anschubfinanzierung

Die Gelder für die Narkosegeräte erhielten die Landwirte aus einem so genannten Kastrationsfonds, der von den Schlachthöfen und den Handelsgesellschaften getragen wurde. Die einmalige Anschubfinanzierung betrug 10.000 Schweizer Franken pro Landwirt. Tierhaltern, die ihre Ferkel vom Tierarzt narkotisieren ließen, wurden maximal 8.000 Schweizer Franken ausbezahlt.

2. Sachkundenachweis

Um die Inhalationsanästhesie anwenden zu dürfen, mussten sich Tierhalterinnen und Tierhalter vorher weiterbilden und einen vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) anerkannten Sachkundenachweis für den Umgang mit Isofluran erbringen. Hierzu bot der Schweizer Schweinegesundheitsdienst breitflächig Kurse an. Die Landwirte mussten zunächst einen dreistündigen Theoriekurs absolvieren, im Anschluss daran wurden sie auf ihrem Betrieb instruiert, und zwar sowohl vom Gerätehersteller als auch vom Bestandstierarzt. Die erlangten praktischen Fähigkeiten der Landwirte wurden schließlich auch vom kantonalen Veterinäramt überprüft. Nur bei vorhandenem Sachkundenachweis durfte Isofluran an die Landwirte abgegeben werden.

Anwendung von Isofluran – eine erste Bilanz

Nach mehreren Jahren Praxis zieht der Schweizerische Schweinezucht- und Schweineproduzentenverband SuissePorcs eine positive Bilanz zum Einsatz von Isofluran. Die Methode sei mittlerweile anerkannt und habe sich in der Schweizer Praxis bewährt. Die Isoflurannarkose werde heute fast flächendeckend angewandt. "Wir produzieren nach wie vor ein sehr gutes Schweinefleisch und das Risiko, seine Qualität und sein Image durch Geruchsauffälligkeiten zu gefährden, ist sehr gering", fasst Dr. Felix Grob, Geschäftsführer von Suisseporcs die Situation zusammen. Darüber hinaus sei die Isofluran-Methode sehr gut zu kommunizieren; das Thema Kastration sei seit 2010 praktisch vollständig aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Auch die Entscheidung, nur eine Methode zuzulassen, sei richtig gewesen. "Damit haben wir eine Spaltung des Schlachtschweinemarktes verhindern können. Das wäre für den kleinen Markt Schweiz verheerend gewesen." 3

Die auf dem Markt verfügbaren Narkosegeräte gewährleisten bei ordnungsgemäßer Anwendung grundsätzlich eine ausreichende Narkosetiefe mit chirurgischer Toleranz, zeigen die praktischen Erfahrungen aus der Schweiz. Nach einer Umfrage von Wissenschaftlern der Universität Zürich schätzen Tierhalterinnen und Tierhalter, dass die Inhalationsnarkose gut kontrollierbar ist und die Kastration durch die Gabe von Medikamenten gegen den Schmerz nach der Kastration (Abgabe nur durch den Tierarzt) für die Tiere schmerzfrei verläuft. Als nachteilig werden vor allem der vermehrte Zeitaufwand bei der Kastration, die hohen laufenden Kosten beim Betrieb der Narkosegeräte sowie der Stress für die Ferkel bei der Narkoseeinleitung empfunden. Einige wenige Landwirte klagen über Kopfschmerzen oder Unwohlsein bei der Anwendung des Narkosemittels. Der Grund hierfür liegt nach Einschätzung der Universität Zürich in einer ungenügenden Belüftung des Ortes, an dem die Kastration durchgeführt wird. 4

Keine Alternative zu Isofluran

In Zukunft muss der Wartung der Inhalationsgeräte (Einhaltung der Serviceintervalle, Gerätehygiene) noch stärker Beachtung geschenkt werden, so die Züricher Wissenschaftler, da nur einwandfrei gewartete Geräte eine gute Anästhesie und die Einhaltung der Arbeitsplatzsicherheit garantieren. Die regelmäßigen Kontrollbesuche des Schweinegesundheitsdienstes auf den landwirtschaftlichen Betrieben seien jedoch ein gutes Instrument hierzu.

In der Schweiz hat man sich dafür entschieden, die Kastration unter Inhalationsnarkose mit Isofluran und unter Einsatz eines Schmerzmittels bis auf weiteres flächendeckend einzusetzen. Nach Meinung des Suisseporcs-Geschäftsführers Dr. Felix Grob "gibt es für den Markt in der Schweiz zurzeit schlichtweg keine Alternative."

Letzte Aktualisierung 28.05.2020

 

Quellennachweis

(1) Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft (BLW): Agrarbericht 2019 (https://www.agrarbericht.ch/de/betrieb/strukturen/tiere)

(2) Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Höchstbestandesverordnung. (https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/nachhaltige-produktion/tierische-produktion/hoechstbestandesverordnung.html). Aufgerufen am 23. Januar 2020.

(3) Dick, G., GDC Finance Consulting GmbH (2019): Persönliche Mitteilung.

(4) Enz, A., Schüpbach-Regula, G., Bettschart, R., Fuschini, E., Bürgi, E. und Sidler, X. (2013) in Schweizer Archiv für Tierheilkunde: Erfahrungen zur Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration in der Schweiz, Teil 1: Inhalationsanästhesie. Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern.

(5) Grob, F., Suisseporcs Schweizerischer Schweinezucht-und Schweineproduzentenverband (2015): Kastration unter Inhalationsnarkose – eine Bilanz.

(6) ISN Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. Marktticker. (https://www.schweine.net/marktticker-infos-de.html). Aufgerufen am 23. Januar 2020.

(7) Schweizer Bauer. Aktuelle Marktpreise (https://www.schweizerbauer.ch/files/88955_0.pdf). Aufgerufen am 23. Januar 2020.

 

Seiten-Titel: Basisartikel Inhalationsnarkose

Seiten-Beschreibung:

Da die betäubungslose Ferkelkastration ab 1. Januar 2021 verboten ist, wird intensiv über Alternativen diskutiert. Der Einsatz von Isofluran rückt dabei vermehrt ins Blickfeld. 

Seiten-Titel: Betriebsreportage Isofluran

Seiten-Beschreibung:

Es regnet und stürmt, die Temperaturen im einstelligen Bereich - und trotzdem steht die Schweinestalltür groß offen auf dem Hof von Familie Jostmann in Schröttinghausen bei Bielefeld. Denn heute ist „Kastriertag“ - und dafür wird ein gut belüfteter Raum benötigt.

Seiten-Titel: Umfrage bei den Schlachtunternehmen

Seiten-Beschreibung:

Für Eber und Immunokastraten gibt es derzeit nur einen begrenzten Markt. Die Schlachtunternehmen setzen überwiegend auf die chirurgische Kastration, nur ein Unternehmen bevorzugt Immunokastraten.