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Tier

Basisartikel: Ferkelkastration unter Inhalationsnarkose mit Isofluran

Ferkelkastration unter Inhalationsnarkose mit Isofluran

Da die betäubungslose Ferkelkastration ab 1. Januar 2021 verboten ist, wird intensiv über Alternativen diskutiert. Der Einsatz von Isofluran rückt dabei vermehrt ins Blickfeld.

Ab dem 1. Januar 2021 wird das betäubungslose Kastrieren von Saugferkeln endgültig verboten sein. Die Abkehr von dieser Methode ist bereits seit der Änderung des Tierschutzgesetzes vom 4. Juli 2013 beschlossene Sache. Sie sollte ursprünglich bereits zum 1. Januar 2019 vollzogen sein. Doch nachdem die Regierungsparteien im Herbst 2018 die Übergangszeit verlängerten, bleiben nun zwei Jahre, um alternative Lösungsansätze so weiterzuentwickeln, dass sie sowohl dem Tierschutz als auch den praktischen und wirtschaftlichen Belangen der Ferkelerzeuger und Schweinemäster gerecht werden.

Als Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration werden die Mast von Jungebern, die Immunokastration und die Kastration unter Injektionsnarkose sowie unter Narkose mit Isofluran angesehen. Die letztgenannte Methode ist in anderen Ländern, wie zum Beispiel in der Schweiz, bereits eingeführt. Auch deutsche Biobetriebe praktizieren das Verfahren und bei alternativen Haltungslabeln wird es ebenfalls genutzt. Der breiten Anwendung der Narkose mit Isofluran werden in deutschen Schweinebetrieben jedoch durch die rechtlichen Rahmenbedingungen Grenzen gesetzt: Bis November 2018 war das Arzneimittel für Schweine nicht zugelassen und musste vor seiner Anwendung durch den Tierarzt umgewidmet werden. Darüber hinaus durfte das Mittel auch nur vom Tierarzt eingesetzt werden, was bei den landwirtschaftlichen Betrieben zu hohen Mehrkosten führte.

Broschüre: Broschüre: Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration
Dokumenttyp: PDF Dokumentgröße: 2 MB

BroschĂĽre Beschreibung:

Schweinehaltende Betriebe müssen ab dem 1. Januar 2021 eine der vier zur Verfügung stehenden Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration anwenden. Die 40-seitige Broschüre informiert über Vor- und Nachteile der Alternativmethoden, erläutert die betrieblichen Voraussetzungen und bewertet sie ökonomisch.

Inzwischen hat sich die Situation jedoch geändert, denn im Herbst 2018 wurde Isofluran vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für Schweine zugelassen und kann nun ohne Umwidmung angewendet werden. Darüber hinaus beschloss die Bundesregierung im Mai 2019 die "Verordnung zur Durchführung der Betäubung mit Isofluran bei der Ferkelkastration durch sachkundige Personen" (FerkBetSachkV), die es Landwirten und anderen sachkundigen Personen künftig ermöglicht, die Vollnarkose mit Isofluran selbst durchzuführen. Die Verordnung ist am 17. Januar 2020 in Kraft getreten.³

Vollnarkose mit Isofluran

Isofluran wird der Gruppe der so genannten halogenierten Narkosegase zugeordnet. Es ist unter Normalbedingungen flüssig, nicht brennbar und zeichnet sich durch einen beißenden Geruch aus. Um es als Narkosemittel einzusetzen, muss der Stoff mit Hilfe spezieller Verdampfer vom flüssigen in den gasförmigen Zustand überführt werden. Die Narkose erfolgt in automatischen Geräten, bei denen die zu kastrierenden Ferkel das Gas über Atemmasken einatmen. Die Geräte sind meist so ausgelegt, dass mehrere Ferkel gleichzeitig behandelt werden können.

Das Narkosegas Isofluran wirkt schnell und fĂĽhrt bei den Tieren rasch zur Bewusstlosigkeit und zum Verlust der Wahrnehmung von Schmerzen. Erst nach Abklingen der Narkose werden Schmerzen (zum Beispiel Wundschmerz oder postoperative Schmerzen) wieder empfunden. Zur Linderung wird den Ferkeln etwa 20 Minuten vor dem Eingriff ein Schmerzmittel verabreicht, dass beim Wiedererlangen des Bewusstseins bereits wirksam ist. 2,4,5,6,7,8

Erfahrungen - unter anderem aus der Schweiz - zeigen, dass die auf dem Markt verfügbaren Narkosegeräte bei ordnungsgemäßer Anwendung grundsätzlich eine ausreichende Narkosetiefe mit chirurgischer Toleranz gewährleisten. Aktuelle Untersuchungen und praktische Erprobungen zielen darauf ab, den Prozess der Narkotisierung mit Isofluran weiter zu optimieren.

Von Bedeutung ist es in jedem Fall, nur gut sitzende Atemmasken zu verwenden. Andernfalls kann es zum unerwĂĽnschten Einatmen von Raumluft, zur Ă„nderung des Isoflurangehaltes im Inhalationsgemisch oder zur unkontrollierten Freisetzung des Narkosegases in die Umgebung kommen.4,6,7

Vor- und Nachteile von Isofluran

Ein großer Vorteil der Isoflurannarkose ist ihre schnelle und sichere Einleitung sowie die kurze und problemlose Aufwachphase nach der Betäubung. Innerhalb weniger Minuten können die Ferkel wieder stehen und sich fortbewegen. Wichtig ist, dass die Tiere während der Behandlung nicht auskühlen und nach dem Eingriff schnellstmöglich zur Muttersau zurückgesetzt werden. Nach der Kastration sollten die Ferkel darüber hinaus ausreichend lange beobachtet werden, damit eventuelle Komplikationen (zum Beispiel Nachblutungen) frühzeitig erkannt werden.

Positiv für den Landwirt ist, dass er bei der Verwendung von Isofluran sein gewohntes Betriebsmanagement beibehalten kann. Denn im Anschluss an die Kastration sind keine Änderungen in den betrieblichen Abläufen notwendig – weder bei der Aufzucht und Mast noch bei der Schlachtung, der Verarbeitung oder der Vermarktung.1,2,4,6

Ökonomisch nachteilig sind die hohen Anschaffungskosten für ein Narkosegerät. Sie liegen nach Einschätzung des Bundeslandwirtschaftsministeriums zwischen 3.000 und 10.000 Euro. Dazu kommen Kosten für die Wartung der Geräte und Mehrkosten für die Medikamente (Narkose- und Schmerzmittel). Das Bundeslandwirtschaftsministerium fördert aber die Anschaffung von Technik für die Betäubung mit Isofluran. Interessierte Ferkelerzeugerbetriebe, die für die Ferkelkastration in ein Narkosegerät investieren wollen, können bis zum 1. Juli 2020 bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) einen Förderantrag stellen. Die Anschaffung solcher Geräte wird mit bis zu 60 Prozent der Gerätekosten, beziehungsweise maximal mit bis zu 5.000 Euro je Unternehmen gefördert.

Tabelle Vor- und Nachteile der Inhalationsnarkose mit Isofluran

 
Vorteile von Isofluran Nachteile von Isofluran
- Erzeugung von am freien Markt in der Regel gut verkäuflichen männlichen Ferkeln - großer apparativer Aufwand
- schnelle und sichere Narkoseeinleitung - hohe Anschaffungs- und Unterhaltskosten für das Narkosegerät
- kurze und problemlose Aufwachphase - Mehrkosten durch den Einsatz des Medikaments (Isofluran und Schmerzmittel)
- äußerst geringe Verlustquote - geschultes Personal notwendig
- keine Änderungen im Betriebsmanagement erforderlich. - bei entweichendem Isofluran sind Belastungen für die Umwelt und gesundheitliche Schäden beim Anwender möglich

Isofluran-Anwendung nur mit Sachkundenachweis

Weil bei entweichendem Isofluran sowohl Belastungen für die Umwelt (Isofluran hat ein höheres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid) als auch gesundheitliche Schäden beim Anwender möglich sind, darf die Narkotisierung der Ferkel mit Isofluran nur von geschultem Personal vorgenommen werden. Dies ist ein weiterer Kostenfaktor, den Landwirte vor der Anwendung von Isofluran einplanen müssten. Denn die Bundesregierung hat in der "Verordnung zur Durchführung der Betäubung mit Isofluran bei der Ferkelkastration durch sachkundige Personen" festgelegt, dass das Erlangen eines Sachkundenachweises als Voraussetzung für das selbständige Durchführen der Vollnarkose mit Isofluran gilt. Landwirte oder Personen mit einschlägiger Berufsausbildung beziehungsweise -erfahrung müssen hierzu einen theoretischen Lehrgang und eine Praxisphase absolvieren und ihre Kenntnisse in einer praktischen und theoretischen Prüfung nachweisen. Die hierbei anfallenden Gebühren tragen die Landwirte selbst. 3,5,7

Insgesamt zeichnet sich ab, dass die chirurgische Kastration unter Narkose mit Isofluran durch die aktuellen Entwicklungen in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen könnte. Expertenschätzungen gehen sogar von einem Anteil von bis zu 50 Prozent aus - mit regionalen Unterschieden. Für Süddeutschland wird ein höherer Anteil angenommen, da die vielen kleinen und mittelständischen Schlachtbetriebe und Metzgereien möglicherweise nicht auf die Kastration verzichten wollen. In Norddeutschland hingegen vermutet man einen etwas geringeren Anteil dieser Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration. 1,4,5

BroschĂĽre: Poster: Inhalationsnarkose mit Isofluran
Dokumenttyp: PDF Dokumentgröße: 841 KB

BroschĂĽre Beschreibung:

Das Poster gibt einen Ăśberblick ĂĽber die wichtigsten Schritte zur erfolgreichen Umsetzung der chirurgischer Kastration unter Inhalationsnarkose mit Isofluran.

Quellennachweis:

(1) Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg, Landeszentrum für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume Schwäbisch Gmünd (2016): Stellungnahme zu den möglichen Auswirkungen des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019.

(2) Bundesamt fĂĽr Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2016): Isofluran-Narkose bei Ferkelkastration.

(3) Ferkelbetäubungssachkundeverordnung vom 8. Januar 2020 (BGBl. I S. 96)

(4) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Regierungsbericht Ferkelkastration (2016): Bericht der Bundesregierung über den Stand der Entwicklung alternativer Verfahren und Methoden zur betäubungslosen Ferkelkastration gemäß § 21 des Tierschutzgesetzes.

(5) Deutscher Bundestag (2019): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP. Drucksache 19/9348, DurchfĂĽhrung der Narkose mit Isofluran bei der Kastration von Ferkeln.

(6) Potschka H. und S. Zöls (2016): Chirurgische Ferkelkastration mit Betäubung Stellungnahme der Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS).

(7) QS Qualität und Sicherheit GmbH (2016): Situationsanalyse, Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration in Deutschland zum 01.01.2019.

(8) Schwennen,C. (2015): Untersuchungen zur Anwendbarkeit der Isoflurannarkose bei der Ferkelkastration sowie deren Auswirkung auf Produktionsparameter in der Ferkelerzeugung unter konventionellen Bedingungen.

Seiten-Titel: Wirtschaftlichkeit Isofluran

Seiten-Beschreibung:

Die Inhalationsnarkose mit Isofluran führt zu deutlichen Mehrkosten je männlichem Ferkel.

Seiten-Titel: Isofluran – Blick ins Ausland

Seiten-Beschreibung:

In Europa gibt es derzeit nur ein Land, das die Inhalationsnarkose mit Isofluran bei der Ferkelkastration großflächig praktiziert – die Schweiz.

Seiten-Titel: Betriebsreportage Isofluran

Seiten-Beschreibung:

Es regnet und stürmt, die Temperaturen im einstelligen Bereich - und trotzdem steht die Schweinestalltür groß offen auf dem Hof von Familie Jostmann in Schröttinghausen bei Bielefeld. Denn heute ist „Kastriertag“ - und dafür wird ein gut belüfteter Raum benötigt.