Springe zur Hauptnavigation Springe zu den wichtigen Themen Springe zum Inhalt
Suche schließen

Tier

Ebermast als Alternative zur herkömmlichen Ferkelmast

Weil die Kastration von Ferkeln am 1. Januar 2021 endgültig verboten sein wird, gibt es derzeit eine intensive Diskussion um Alternativen. Eine davon ist die Mast von Jungebern.

Ab 2020 dürfen männliche Ferkel nicht mehr kastriert werden, daher sammeln schon jetzt einige Mäster Erfahrung mit der Haltung und Fütterung von Jungebern. Quelle: landpixel.eu

Spätestens seit Mitte des Jahres 2013 müssen sich Landwirte mit Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration auseinandersetzen. Denn seit der Änderung des Tierschutzgesetzes vom 4. Juli 2013 ist der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration beschlossene Sache. Ursprünglich sollte das Verbot zum 1. Januar 2019 in Kraft treten. Doch die Regierungsfraktionen sprachen sich im Herbst 2018 dafür aus, die Übergangsfristen bis zum vollständigen Verbot des betäubungslosen Ferkelkastrierens um zwei Jahre zu verlängern. Alternative Lösungen müssen bis Ende 2020 so weiterentwickelt werden, dass sie sowohl dem Tierschutz als auch den praktischen und wirtschaftlichen Belangen der Schweinemäster gerecht werden. Als gleichberechtigte Alternativen werden die Kastration unter Narkose, die Immunokastration und die Ebermast angesehen.

Letztere macht in Deutschland bereits heute einen Anteil von circa 10 Prozent aller gemästeten männlichen Schweine aus. Ganz durchsetzen konnte sich diese Variante der Schweinemast beim Lebensmitteleinzelhandel bislang jedoch noch nicht, da sich Eberfleisch häufig schlecht vermarkten lässt. Ein Grund dafür liegt in den auffälligen Geruchs- und Geschmacksabweichungen, die bei circa 10 Prozent aller gekochten Eber-Fleischprodukte auftreten. Dieser Ebergeruch ist vor allem durch das Geschlechtspheromon Androstenon und durch das im Dickdarm der Eber gebildete Skatol bedingt. Beide Stoffe werden in das Fettgewebe der Eber eingelagert und verursachen bei der Zubereitung, insbesondere beim Erwärmen des Fleisches, einen urin- oder fäkalartigen Geruch und Geschmack. Ein weiterer Grund für die schlechtere Vermarktbarkeit von Eberfleisch liegt in seiner Fettqualität: Eberfett weist einen höheren Anteil an ungesättigten Fettsäuren auf. Das erschwert die Verarbeitung der Rohmaterialien zu Wurstprodukten, denn durch den hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind die Produkte weicher in ihrer Konsistenz und sie verfügen – bedingt durch die geringere Oxidationsstabilität des Fettes – über eine kürzere Haltbarkeit als Produkte anderer Mastschweine. 1,2

Vor- und Nachteile der Ebermast

Dennoch hat die Ebermast einige Vorteile aufzuweisen, zumal sie unter den Alternativen der betäubungslosen Ferkelkastration die einzige Methode ist, die keinen chirurgischen Eingriff erfordert. Das Tier bleibt körperlich unversehrt, es erleidet keinen Stress durch eine eventuelle Behandlung. Außerdem entfallen die Risiken eines chirurgischen Eingriffs. Daneben ist die Ebermast auch aus wirtschaftlicher Sicht interessant, denn Eber haben eine um 10 bis 18 Prozent bessere Futterverwertung und sie verbrauchen - bei vergleichbaren Tageszunahmen – circa 0,3 bis 0,4 Kilogramm weniger Futter pro Kilogramm Zuwachs als Kastraten. Darüber hinaus verfügen Eber über ein höheres Proteinansatzvermögen, eine geringere Fettbildung und einen um circa 3 bis 5 Prozent erhöhten Muskelfleischanteil als Börge.1,2,10

Allerdings bringt die Ebermast – neben dem Ebergeruch - naturgemäß einige weitere Probleme mit sich: Spätestens mit Eintritt der Geschlechtsreife nehmen soziale Auseinandersetzungen, Rangordnungskämpfe und gegenseitiges Aufspringen zu. Gehäuft treten diese Verhaltensweisen beim Umgruppieren im Stall und beim Transport der Tiere zum Schlachthof auf. Vor allem rangniedere Tiere leiden dann vermehrt unter Stress und an den ihnen zugefügten Verletzungen (zum Beispiel an Gliedmaßen, Haut und Penissen).1,2,9,10

Tabelle. Vor- und Nachteile der Ebermast
Vorteile der EbermastNachteile der Ebermast
- kein chirurgischer Eingriff nötig, keine Kastrationswunde- höhere Gefahr von Verletzungen aufgrund des ebertypischen Aktivitätsverhaltens
- im Ferkel erzeugenden Betrieb wird durch das Wegfallen des Arbeitsganges "Kastration" Arbeitszeit eingespart- höhere Anforderungen an das Haltungsmanagement aufgrund des ebertypischen Aktivitätsverhaltens
- Eber verwerten ihr Futter besser als Kastraten- höhere Anforderungen an die Futtermischung (in Bezug auf den Aminosäuren-Gehalt, den Energiegehalt und die Zusammensetzung des Fettes in der Ration)
- höhere Muskelfleischanteile am Schlachtkörper (bedingt durch das höhere Proteinansatzvermögen der Eber und ihre geringere Neigung zur Fettbildung) - gemischtgeschlechtliche Aufstallung problematisch (mögliche Trächtigkeiten)

 

- geringeres Schlachtalter und Schlachtgewicht (nötig zur Vermeidung des Ebergeruchs)                  

Quelle: 2, 3

Eber stellen aufgrund ihrer Eigenschaften und ihres natürlichen Verhaltens relativ hohe Anforderungen an das Haltungsmanagement. Durch ihr erhöhtes Proteinansatzvermögen sind sie anspruchsvoll in der Fütterung und reagieren auf Fütterungsfehler empfindlicher als andere Mastschweine. Weil auch ihr Futteraufnahmevermögen geringer ist, sollte die Fütterung technisch so ausgelegt sein, dass die Tiere ständig und uneingeschränkt Zugang zu Futter haben.3  Eine ausreichende Anzahl an Fressplätzen vermeidet Konkurrenzsituationen. Um soziale Auseinandersetzungen und Rangordnungskämpfe zu minimieren, sollten die Gruppen zudem möglichst stabil gehalten werden. Eine gemischtgeschlechtliche Aufstallung ist aufgrund möglicher Trächtigkeiten bei den weiblichen Mastschweinen problematisch.  1,2,10

Vermeidung von Ebergeruch – Strategien der Zucht, Fütterung und Haltung

Wie aber bekommt man den Ebergeruch in den Griff? Hier existieren sowohl züchterische Strategien als auch Maßnahmen der Fütterung und Haltung, mit denen das Auftreten des Ebergeruchs vermieden werden kann:

1.    Strategien in der Zucht

Es ist mittlerweile erwiesen, dass sich der Anteil geruchsbelasteter Schlachtkörper mit Hilfe entsprechender Zuchtprogramme reduzieren lässt, zum Beispiel durch die Wahl von Rassen und Zuchtlinien, in denen geringe Geruchsabweichungen vererbt werden. Insbesondere die Selektion in den Vaterlinien scheint hier ein erfolgversprechender Weg zu sein, denn sowohl Androstenon als auch Skatol weisen einen hohen Erblichkeitsgrad auf. Für Androstenon beträgt der Wert 0,6, für Skatol 0,4. Zuchteber, bei denen der Ebergeruch im Zuchtprogramm berücksichtigt wird, sind bereits am Markt erhältlich. 1,3,4,5

2.    Fütterungsmaßnahmen

Neben den züchterischen Möglichkeiten werden auch Fütterungsstrategien zur Vermeidung von Ebergeruch diskutiert. Insbesondere die Konzentration von Skatol scheint sich durch geeignete Fütterungsmaßnahmen, wie zum Beispiel durch den Einsatz von Inulin, von roher Kartoffelstärke oder von blauen Lupinen, reduzieren zu lassen, ohne dass dies negative Auswirkungen auf die Mastleistung beziehungsweise auf die Schlachtkörper- und Fleischqualität hätte.1,6,7

3. Geruchsvermeidung durch geeignetes Management

Quelle: Christian Mühlhausen - landpixel.eu
Auch Stress, zum Beispiel beim Transport zum Schlachthof, hat Auswirkungen auf die Geruchsbelastung von Eberschlachtkörpern.

Auch das richtige Management der Tiere spielt eine Rolle, wenn es um die Vermeidung von Ebergeruch geht. Wichtig ist eine Buchtengestaltung, die dem ebertypischen Verhalten gerecht wird: Die Buchten sollten ausreichend groß sein, denn Eber brauchen Platz, damit sie einander bei Rangordnungskämpfen ausweichen können.2 So können Verletzungen vermieden werden, die bei den betroffenen Tieren Stress verursachen und zu hohen Skatol-Konzentrationen führen.

Als gesichert gilt, dass lange Transportzeiten einen Anstieg der Androstenon-Konzentration bewirken. Der Gehalt an Skatol wiederum wird maßgeblich von der Dauer der Wartezeit vor der Schlachtung beeinflusst. Deshalb ist sowohl beim Transport der Eber zum Schlachthof als auch im Wartebereich des Schlachthofs eine erhöhte Aufmerksamkeit und ein feinfühliger Umgang mit den Tieren erforderlich.

Nicht zu vernachlässigen ist schließlich das Schlachtalter der Eber: Da der unangenehme Geruch erst mit Eintritt der Tiere in die Geschlechtsreife entsteht und mit dem Alter der Tiere zunimmt, erscheint es sinnvoll, die Tiere vor der Geschlechtsreife zu schlachten. 1

Die Situation in Europa

Genau das wird in denjenigen Staaten praktiziert, in denen die Ebermast seit Jahren etabliert ist: In Großbritannien beispielsweise, einem Land mit traditioneller Ebermast (99 Prozent), werden die Eber mit einem Gewicht von unter 80 Kilogramm geschlachtet. Auch Spanien und Portugal (80 Prozent Ebermast) praktizieren das Schlachten mit einem niedrigeren Lebendgewicht.

In den anderen europäischen Staaten stellt sich die Situation folgendermaßen dar: In den Niederlanden werden 60 bis 70 Prozent der männlichen Schweine als Eber gemästet. In Dänemark gibt es lediglich 5 Prozent Ebermast. In Frankreich wird die Ebermast zwar getestet, ihr Anteil liegt jedoch bei weniger als 10 bis 20 Prozent. In Belgien mästen 20 Prozent der Betriebe Jungeber. Schwedens Betriebe mästen – trotz Verbot der betäubungslosen Kastration - nur ein bis zwei Prozent ihrer Schweine als Eber. In osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Slowakei, Estland, Litauen, Slowenien, Ungarn und Polen werden die Tiere vergleichsweise schwer geschlachtet – die Ferkel werden dort ohne Betäubung oder Schmerzmittelgabe kastriert und die Mast von Jungebern spielt keine Rolle.

In der Schweiz ist die betäubungslose Ferkelkastration seit 2010 verboten. Flächendeckendes Verfahren ist hier die Inhalationsnarkose mit Isofluran. Die Ebermast spielt keine Rolle. In Norwegen ist die Kastration ohne Betäubung bereits seit 2002 verboten und es wird, ähnlich wie in Schweden, unter örtlicher Betäubung kastriert. Der Anteil von gemästeten Jungebern und immunokastrierten Ferkeln wird auf unter 2 Prozent geschätzt. 3,8

Fazit

Unter Berücksichtigung entsprechender Strategien in Züchtung, Fütterung und Haltung erscheint die Mast unkastrierter männlicher Ferkel eine praktikable Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration zu sein, die es weiter zu entwickeln gilt. Eckpunkte hierbei sind das Reduzieren des Auftretens von Ebergeruch und eine sichere, automatische Identifizierung von Schlachtkörpern mit Geruchsabweichungen am Schlachtband, und zwar mit ausreichender Genauigkeit und Geschwindigkeit. ³

Verschiedene Projekte, die zum Teil von der Bundesregierung gefördert werden, widmen sich dem Thema Ebermast, darunter ein Projekt der Europäischen Innovationspartnerschaft landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit (EIP Agri), dass sich um die Einführung und Etablierung der Ebermast in die Wertschöpfungskette Schweinefleisch dreht.

Quellennachweis

(1) Bauer, A., Bader-Mielke, C. und Schiller, S. (2016) DLG-Expertenwissen 8/2016, Eberfleisch Teil 1: Basiswissen, Hintergrundinformationen für die Lebensmittelbranche.

(2) Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg, Landeszentrum für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume Schwäbisch Gmünd (2016): Stellungnahme zu den möglichen Auswirkungen des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019.

(3) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Regierungsbericht Ferkelkastration (2016): Bericht der Bundesregierung über den Stand der Entwicklung alternativer Verfahren und Methoden zur betäubungslosen Ferkelkastration gemäß § 21 des Tierschutzgesetzes

(4) Frieden L. (2013) Züchterische Möglichkeiten zur Reduktion von geschlechtsbedingten Geruchsabweichungen am Schlachtkörper von männlichen, unkastrierten Mastschweinen. Dissertation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

(5) Höinghaus K., Bussemas R., Renger A., Weißmann F. (2017) Einfluss von Genotyp und Fütterung in der ökologischen Mast intakter männlicher Schweine : II: Mast- und Schlachtleistung. In: Wolfrum S, Heuwinkel H, Reents HJ, Hülsbergen KJ (eds) Ökologischen Landbau weiterdenken - Verantwortung übernehmen, Vertrauen stärken: Beiträge zur 14. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Freising-Weihenstephan, 7. bis 10. März 2017. Berlin: Köster, S. 760-764

(6) Höinghaus K., Bussemas R., Renger A., Meier-Dinkel L., Mörlein D. und Weißmann F (2017). Einfluss von Genotyp und Fütterung in der ökologischen Mast intakter männlicher Schweine. I: Ebergeruch. Poster at: 14. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Campus Weihenstephan, Freising-Weihenstephan, 7. bis 10. März 2017.

(7) Höinghaus K., Bussemas R., Renger A., Weißmann F. (2015) Erste Ergebnisse zur Mastleistung, Schlachtkörper- und Fleischqualität aus einem Versuch zur ökologischen Ebermast. In: Häring AM, Hörning B, Hoffmann-Bahnsen R, Luley H (eds) Beiträge zur 13. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau "Am Mut hängt der Erfolg: Rückblicke und Ausblicke auf die ökologische Landbewirtschaftung". S. 520-523,

(8) ISN Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V.: Ebermast – Situation in der EU

(9) Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (2016): Stellungnahme der Stabsstelle der Landestierschutzbeauftragten (SLT) zu den Alternativen für die herkömmliche Kastration der männlichen unter acht Tage alten Ferkel und den erforderlichen Optimierungsschritten.

(10) QS Qualität und Sicherheit GmbH (2016): Situationsanalyse, Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration in Deutschland zum 01.01.2019

Narkotisieren durch Inhalation von Isofluran

Da die betäubungslose Ferkelkastration ab 1. Januar 2021 verboten ist, wird intensiv über Alternativen diskutiert. Der Einsatz von Isofluran rückt dabei vermehrt ins Blickfeld. 

zum Artikel

Ferkelkastration: Ist der vierte Weg eine Alternative?

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion steht die Kastration mit Lokalanästhesie, der so genannte "skandinavische oder vierte Weg". Doch ist das eine praktikable Lösung?

zum Artikel

Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration: Immunokastration ist am wirtschaftlichsten

Das Thünen-Institut hat die Wirtschaftlichkeit der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration berechnet. Die Ergebnisse im Überblick.

zum Artikel

Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration

Da das Verbot der betäubungslosen Kastration von Ferkeln Ende 2020 in Kraft treten soll, wird akut nach geeigneten Alternativen geforscht.

zum Artikel