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Tier

Wachsverfälschungen – Bedrohung und Chance

Verfälschtes Bienenwachs kann Bienenvölker in ihrer Existenz bedrohen und Imkerinnen und Imker erheblichen finanziellen Schaden zufügen. Die aktuelle Debatte bietet aber auch Chancen für einen verantwortungsbewussteren, wertschätzenderen Umgang mit dem Bienenprodukt Wachs.

Arbeiterinnen auf einer Brutwabe

So soll es sein: ein geschlossenes Brutnest auf einer ausgebauten Mittelwand. Quelle: ExQuisine - stock.adobe.com

Betrug "mit Tradition"

Bienenwachs ist nicht nur für die Bienen selbst ein ganz besonderer Stoff, auch der Mensch schätzt die von den Baubienen über spezielle Wachsdrüsen ausgeschwitzte Substanz. Neben der Herstellung von Kerzen kommt Bienenwachs in der Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie zum Einsatz – beispielsweise zur Herstellung von Salben, Cremes und Lippenstiften sowie als Trennmittel für Gummibärchen und andere Süßigkeiten. Während früher das meiste Wachs in die Kerzenproduktion floss, dient heute der Großteil der Erzeugung von Mittelwänden, einer noch relativen jungen Erfindung. Die ersten Mittelwände wurden im Jahr 1857 von Johannes Mehring gegossen und 1858 am Markt eingeführt und sie beeinflussten die Bienenhaltung nachhaltig – ebenso wie den Marktwert des Bienenwachses, dieses wurde durch die steigende Nachfrage deutlich teurer.

Versuche, Bienenwachs zu fälschen oder zumindest zu verfälschen, gab und gibt es aufgrund des hohen Marktpreises immer wieder. Aus imkerlicher Sicht stellten dabei lange Zeit die Betrugsabsicht selbst sowie die Verzerrung der Marktpreise für Bienenwachs das Hauptproblem dar. Als bienengefährdend war hingegen eher die zunehmende Belastung von Mittelwänden mit relevanten Pestiziden inklusive Varroaziden einzustufen – was die Nachfrage nach Bio-Wachs steigerte und wiederum entsprechende Betrugsversuche nach sich zog.

Neue Situation seit 2016

Im Vergleich mit früheren Wachsverfälschungen hat sich die Situation seit dem Jahr 2016 deutlich verschärft, als erstmals in größerem Umfang massiv verfälschte Mittelwände auffällig wurden. Mittelwände aus leicht verfälschtem Wachs beeinträchtigen zumindest die Entwicklung der Bienenvölker nicht wesentlich. Der Erwerb des derzeit vertriebenen stark verfälschten Materials hingegen kann sich im schlimmsten Fall existenzbedrohend auswirken – für die Bienenvölker wortwörtlich, für Erwerbsimkerinnen und -imker wirtschaftlich. Wie groß der angerichtete Schaden ist, hängt von mehreren Punkten ab:

  • Welche Art/en von Paraffin oder Stearin wurden beigemischt?
  • Wie hoch ist der Anteil der beigemischten Substanz/en?
  • Sind die Chargen möglicherweise zusätzlich auch noch mit Pestiziden und/oder Varroaziden belastet?
  • Wie ist es generell um die Fitness der betroffenen Bienenvölker bestellt?

Mittelwände aus verfälschtem Wachs – mögliche Folgen:

Brutwabe mit äußerst lückenhaftem Brutnest

Mögliche Folgen von Wachsverfälschungen: Das Brutnest ist extrem lückenhaft. Quelle: Dr. F. Neumann / STUA Aulendorf-Diagnostikzentrum

  • Mittelwände werden nicht angenommen bzw. nicht komplett ausgebaut; einzelne Zellen werden ausgefressen
  • lückige Brutnester: Brut stirbt ab
  • Waben verformen sich oder sacken in sich zusammen, weil der Schmelzpunkt des verfälschten Wachses unter den für naturbelassenes Bienenwachs üblichen Bereich von 61-65 Grad Celsius sinkt
  • Jungbienen verenden in den Zellen, da sie den extrem festen, gummiartigen Wachsdeckel nicht vollständig durchbrechen können

Was ist "reines Bienenwachs"? Eine eindeutige Definition fehlt

Wer seine Mittelwände oder das Wachs zur Mittelwandherstellung zu ungewöhnlich günstigen Preisen bezieht, womöglich noch anonym übers Internet, erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit verfälschtes Bienenwachs. Schlagworte wie "unbelastetes Bienenwachs" oder "reines Bienenwachs" bieten keinerlei Handhabe – es wird schließlich nicht angegeben, wovon genau das Wachs "rein" oder "unbelastet" ist.

Selbst der Hinweis auf tatsächlich existierende Qualitätsrichtlinien für Bienenwachs hilft aus imkerlicher Sicht kaum weiter: Diese Standards wurden für andere Branchen definiert (siehe Kasten) und unterscheiden sich schon untereinander teils deutlich. Sie beinhalten zwar chemische Tests zu bestimmten Qualitätskriterien, lassen im Hinblick auf die Nutzung als Mittelwand aber immer noch zu viel Spielraum für Wachsverfälschungen.

Aufklärung durch chemische Analysen

Sicherheit im Hinblick auf Wachsverfälschungen lässt sich nur erlangen, indem eine Gaschromatografie durchgeführt und der Gesamtgehalt an Kohlenwasserstoffen bestimmt wird. Die Gaschromatografie gibt Aufschluss über die Art der Verunreinigungen, die Bestimmung der Gesamtkohlenwasserstoffe deckt den quantitativen Anteil auf – naturbelassenes Bienenwachs enthält je nach Bienenart zwischen 11,5 und 14,4 Prozent Kohlenwasserstoffe. Leider sind diese Laboruntersuchungen mit insgesamt 150-200 Euro je Probe insbesondere für Hobbyimkerinnen und -imker sehr teuer.

Verbindliche Richtlinien – unterschiedliche Definitionen

Definitionen Kerzenhersteller

  • RAL-GZ 041 (Gütesiegel für Bienenwachskerzen)
  • Gesamtkohlenwasserstoffgehalt: max. 18 Prozent → naturbelassenes Bienenwachs enthält je nach Bienenart nur zwischen 11,5 und 14,4 Prozent!

Pharmaindustrie

  • reguliert durch das Europäische Arzneibuch (Pharmacopoea Europaea, Ph. Eur.), das Arzneibuch der Vereinigten Staaten von Amerika (United States Pharmacopeia, USP) und weitere länderspezifische Pendants
  • die verpflichtenden Untersuchungen lassen Spielraum für Verfälschungen; wurde geschickt gemischt, bestätigen die in den Untersuchungen erzielten Kennzahlen eine ausreichende Reinheit, selbst wenn größere Mengen Paraffin enthalten sind

Lebensmittelindustrie

  • EU-Verordnung 231/2012 für Zusatzstoff E 901 (Bienenwachs) in Lebensmitteln
  • die verpflichtenden Untersuchungen lassen Spielraum für Verfälschungen; wurde geschickt gemischt, bestätigen die in den Untersuchungen erzielten Kennzahlen eine ausreichende Reinheit, selbst wenn größere Mengen Paraffin enthalten sind

Selbsttests: sehr begrenzte Aussagekraft

Geruch, Aussehen, Haptik, Geschmack – Bienenwachs ist ein Naturprodukt und kann schon deshalb starke Unterschiede aufweisen. Auch Knet-, Brech- oder Ritzproben sind unzuverlässig, nicht zuletzt aufgrund der Gerissenheit mancher Fälscher. Der einzig sichere Weg, Wachsverfälschungen zu erkennen, ist die beschriebene chemische Analyse.

Ausnahme: Verfälschungen mit Stearin lassen sich mit hoher Wahrscheinlich tatsächlich durch einen simplen Test nachweisen. Nach 48 Stunden im Wasserbad und einer anschließenden 48-stündigen Trocknungszeit überziehen sich stearinhaltige Mittelwände mit einer festen weißen Schicht, die auch durch erneutes Abspülen oder durch Erwärmen mit einem Fön nicht wieder verschwindet. Erste Untersuchungen am Staatlichen Tierärztlichen Untersuchungsamt (STUA) Aulendorf zur Aussagekraft dieses einfachen Tests waren vielversprechend, umfangreichere Versuchsreihen zur statistischen Absicherung sind in Arbeit.

Nachteil: Der Test kann nur Verfälschungen mit Stearin aufdecken – die bislang deutlich seltener sind als solche mit Paraffin. Zudem lässt sich die Quantität der Beimischungen nicht exakt bestimmen. Sicherheit bringt daher wiederum nur die chemische Analyse.

Preiswerter Schnelltest

Seit dem 03.04.2018 können Imkerinnen und Imker Wachsproben am Länderinstitut für Bienenkunde einem preiswerten Schnelltest unterziehen lassen. Mittels Infrarotspektroskopie (IR) können dort Verfälschungen mit Stearin, Paraffin und Rindertalg ab einer Beimischung von etwa 2,5 Prozent ermittelt werden. Bestätigt der Test den Verdacht, können dann immer noch eine Gaschromatografie sowie die Bestimmung der Gesamtkohlenwasserstoffe erfolgen. Dank finanzieller Unterstützung durch den Deutschen Imkerbund zahlen Hobbyimkerinnen und -imker für die IR nur 20 Euro je Probe, Fachhändler 30 Euro je Probe. Genauere Informationen finden Sie beim Länderinstitut für Bienenkunde.

Orientierungshilfen beim Einkauf

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Im Zuge der aktuellen Wachsverfälschungen lassen mittlerweile viele wachsverarbeitenden Betriebe die einzelnen Wachs-Chargen analysieren. Außerdem nehmen sie Rückstellproben, die im etwaigen Schadensfall zum Abgleich dienen. Die wachsverarbeitenden Betriebe geben die Analyseberichte in der Regel auch an die einkaufenden Zwischenhändler weiter. Wer Wachs oder Mittelwände kauft, sollte Produkte mit einem aktuellen Analysebericht eines europäischen Labors bevorzugen – und diesen Bericht vor dem Kauf auch lesen. Es wird darin in der Regel klar benannt, ob Verfälschungen nachgewiesen wurden, und falls ja, in welcher Höhe. Dann muss jeder selbst entscheiden, ob eine geringe Verunreinigung in Kauf genommen werden soll oder ob die Entscheidung auf eine vollkommen unbelastete Ware fällt.

Sicher und nachhaltig: Der eigene Wachskreislauf

Imker beim Entdeckeln einer Honigwabe

Das beim Entdeckeln gewonnene Bienenwachs ist garantiert unverfälscht und damit besonders wertvoll. Quelle: mirkograul - stock.adobe.com

Etwas Gutes immerhin hat die Debatte um die Wachsverfälschungen bewirkt: Sie hat den Blickwinkel vieler Imkerinnen und Imker auf das Bienenwachs deutlich verändert. Sie betrachten Bienenwachs nicht mehr nur als ein Betriebsmittel, sondern sehen es wieder als das wertvolle Bienenprodukt, das es tatsächlich ist – oder mehr noch, als Teil des Biens. Viele Imkervereine oder einzelne Gruppen von Imkerinnen und Imkern gehen mittlerweile dazu über, ihren eigenen, offenen Wachskreislauf zu etablieren und gießen aus dem gewonnenen Wachs oftmals sogar ihre eigenen Mittelwände. Wie die Eigenwachsumarbeitung beim Fachbetrieb setzt auch die Wachsgewinnung und -verarbeitung in der Gruppe Vertrauen, feste Regeln und Transparenz voraus. Ist das gegeben, kann sie aber zu einem erfüllenden Teil der Vereinsarbeit beziehungsweise der imkerlichen Tätigkeit werden.

Der eigene Wachskreislauf – das gilt es zu beachten

Wer ohnehin ausschließlich auf Naturwabenbau setzt, muss sich über die Qualität des Waches keine Gedanken machen. Für alle anderen sollte ein offener Wachskreislauf das angestrebte Ziel sein. Offen bedeutet:

  • Jungfernwachs wird separat gesammelt und eingeschmolzen. Es stammt aus den Baurahmen (ohne Anfangsstreifen), wird beim Entdeckeln gewonnen und ist eventuell auch durch Wildbau angefallen. Es dient der Produktion von Mittelwänden – beim Wachsverarbeiter des Vertrauens (an Rückstellprobe denken!) oder durch Selbergießen.
  • Altwaben werden separat gesammelt und eingeschmolzen. Im Idealfall wird das daraus gewonnene Wachs nur noch zur Kerzenproduktion eingesetzt und so dem Wachskreislauf dauerhaft entzogen.