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Tierwohl erfassen und bewerten

Tierwohl erfassen und bewerten

Das Tierwohl im eigenen Bestand zu überprüfen ist eine bedeutende Aufgabe für Tierhalter. Wir stellen Ihnen nützliche Tools vor, die Sie dabei unterstützen, das Wohlergehen Ihrer Tiere anhand von belastbaren Indikatoren zu erfassen und zu bewerten.

Lange Zeit orientierte man sich bei der Beurteilung des Wohlergehens von Nutztieren fast ausschließlich an baulich-technischen Vorgaben wie Platzangebot, Troglänge oder Stallklima. Waren die Anforderungen erfüllt, galten die Haltungen als tiergerecht. Heute weiß man, dass neben baulich-technischen Anforderungen (ressourcenbezogenen Indikatoren) vor allem auch das jeweilige betriebliche Management (managementbezogene Indikatoren) einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen der Tiere hat. Tierbezogene Indikatoren betrachten den Gesundheitszustand und das Verhalten der Tiere und werden direkt am Tier gemessen.

Die Begriffe Tierschutz, Tierwohl und Tiergerechtheit werden teilweise als Synonyme verwendet, weisen jedoch Unterschiede auf:

Tierwohl bzw. Tiergerechtheit stellt die Perspektive des Tiers ins Zentrum.
„Die Begriffe Tierwohl und Tiergerechtheit verbinden die Bereiche Tiergesundheit, Tierverhalten und Emotionen. Wenn Tiere gesund sind, ihr Normalverhalten ausführen können und negative Emotionen vermieden werden (z. B. Angst und Schmerz) kann von einer guten Tierwohl-Situation, bzw. einer tiergerechten Haltung ausgegangen werden." (Nutztierstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, 2019)
Das Farm Animal Welfare Council definierte Tierwohl (engl. animal welfare) 1979 als fünf Freiheiten, die einem Tier gewährt werden sollen: Freiheit von Hunger und Durst, von haltungsbedingten Beschwerden, von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, von Angst und Stress sowie die Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster.
Der Begriff Tierwohl ist rechtlich nicht definiert.

Tierschutz bezieht sich auf Aktivitäten des Menschen zum Schutz von Tieren.
Tierschutz ist als Staatsziel im Grundgesetz verankert und im Tierschutzgesetz grundsätzlich geregelt. Nach § 1 des Tierschutzgesetzes trägt der Mensch die Verantwortung für den Schutz von Leben und Wohlbefinden des Tiers als Mitgeschöpf. „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ (§1 TierSchG)

Eigenkontrolle per Tierschutzgesetz vorgeschrieben

Seit 2014 sind Nutztierhalter im Rahmen der „Betrieblichen Eigenkontrolle" dazu verpflichtet, „geeignete tierbezogene Merkmale (Tierschutzindikatoren)" zu erheben und zu bewerten. Genauere Vorgaben zu Umfang und Häufigkeit sind im Gesetzestext jedoch nicht zu finden. Um den Tierhaltern eine objektive Bewertung des Tierwohls zu ermöglichen, hat daher ein Expertenteam des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) gemeinsam mit Fachleuten aus Wissenschaft, Beratung, Tierschutz und Praxis für alle relevanten Tiergruppen belastbare tierbezogene Kriterien – sogenannte Tierschutzindikatoren – erarbeitet.

Tierbezogene Indikatoren für alle Tierarten

Das Expertenteam legte für jede Tierart ein Set an Indikatoren fest, mit denen in der Praxis häufig auftretende Tierschutzprobleme einfach und zuverlässig überprüft werden können. Alle Indikatoren wurden dabei so ausgewählt, dass die Tierhalter die benötigten Daten eindeutig und mit vertretbarem Aufwand erheben können.

Beschrieben sind die Indikatoren in drei Leitfäden für die Produktionsrichtungen Rind, Schwein und Geflügel. Die Leitfäden aus dem Jahr 2016 wurden umfassend aktualisiert und können ab Herbst 2020 als Neuauflage über die KTBL-Website bezogen werden. Informationen zu den betreffenden Indikatoren-Sets gibt es auf der Themenseite des KTBL.

Jeder Leitfaden besteht aus einem Ablaufschema, das beschreibt, wann und wo die jeweiligen Indikatoren erhoben werden. Zu jedem Indikator gibt es Steckbriefe, die neben einer kurzen Erläuterung jeweils eine Foto-Klassifikationstabelle bzw. Rechenformel sowie Hinweise zur Erhebung enthalten.

Ein Teil der geforderten Indikator-Daten liegt den Betrieben in der Regel bereits vor. Sie müssen nur den entsprechenden Dokumenten entnommen werden. Hierzu zählen zum Beispiel der Milchzellgehalt von Milchkühen, der sich aus den monatlichen Milchkontrolluntersuchen ergibt oder verschiedene Daten aus den Schlachtbefunden. Andere Indikatoren müssen dagegen vom Tierhalter an den Tieren selbst erhoben werden, so zum Beispiel der Anteil lahmer oder verschmutzter Tiere im Bestand.

Um den Tierhaltern die Erhebung zu vereinfachen, stellt das KTBL eine kostenlose Excel-Anwendung zur Verfügung. Diese Anwendung orientiert sich an den zuvor beschriebenen Leitfäden und ist somit nur im Zusammenhang mit diesen Leitfäden nutzbar.

Projekt belegt Praxistauglichkeit der Indikatoren

Ob die in den KTBL-Leitfäden beschriebenen Tierschutzindikatoren für die betriebliche Eigenkontrolle auch tatsächlich praktikabel sind, wird derzeit im Projekt „Eigenkontrolle Tiergerechtheit" (EiKoTiGer) geprüft. EiKoTiGer wird im Rahmen der Innovationsförderung durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert. An dem Projekt sind das KTBL, das Friedrich-Loeffler-Institut, das Thünen-Institut und die Universität Kassel beteiligt. Die Überprüfung läuft noch bis Ende 2020, erste Ergebnisse geben aber bereits ein positives Bild: Die zehn bis 15 Indikatoren je Produktionsrichtung sind gut geeignet, damit sich Tierhalter einen Überblick verschaffen können, ob häufig in der Praxis auftretende Tierschutzprobleme auch auf dem eigenen Betrieb eine Rolle spielen. Einzelne Indikatoren, die sich unter Praxisbedingungen als wenig praktikabel erwiesen haben, werden in der Neuauflage der KTBL-Leitfäden nicht mehr, oder nur modifiziert aufgenommen.

Mit der Neuauflage der KTBL-Leitfäden wird es auch eine entsprechende Anpassung der Excel-Anwendung geben. Dann wird auch eine App für Android-Mobilgeräte zur Verfügung stehen, die die Erhebung in der Praxis zusätzlich erleichtern soll. Darüber hinaus arbeitet man gerade an entsprechendem Schulungsmaterial.

Wie lässt sich Tierwohl auf nationaler Ebene erheben und darstellen?

In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob es Nutztieren gut oder schlecht bzw. besser oder schlechter geht als in der Vergangenheit. Das Thema Tierschutz wird in Deutschland daher kontrovers diskutiert.

Bislang fehlt es an einer fundierten und objektiven Berichterstattung über den Status quo und die Entwicklung des Tierwohls in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung. Zwar werden bereits regelmäßig Daten zu einzelnen Aspekten des Tierwohls erhoben. Diese ergeben aber kein vollständiges Bild, weil nur bestimmte Tierarten und Produktionsrichtungen erfasst werden oder keine Auswertung bezüglich des Tierwohls erfolgt.

Nach einer Lösung für dieses Problem suchen die Akteure des Projekts „Nationales Tierwohl-Monitoring“ (NaTiMon). Im Projekt werden Methoden entwickelt, wie Tierwohl flächendeckend gemessen, beurteilt und in geeigneter Weise in Form eines regelmäßigen, indikatorgestützten Monitorings auf nationaler Ebene dargestellt werden kann, sodass ein objektiver Überblick zur Tierwohlsituation zur Verfügung steht und Veränderungen über die Zeit festgestellt werden können. Für die Bereiche Haltung, Transport und Schlachtung werden geeignete tier-, management- und ressourcenbezogene Indikatoren für die wichtigsten Nutztiere Rinder, Schweine, Geflügel sowie Forellen und Karpfen aus Aquakultur ausgewählt und erprobt.

Tierschutzindikatoren für das betriebliche Management nutzen

Kontrolle, Dokumentation und Auswertung der Indikatoren sind zwar mit einem gewissen Aufwand verbunden, rechnen sich aber meist für die Betriebe. Denn mithilfe dieser systematischen Datenerhebung kann eine betriebliche Schwachstellenanalyse durchgeführt werden. Sie hilft dem Tierhalter, Tierwohlprobleme frühzeitig zu erkennen und entsprechend nachzubessern.

Um die gesammelten Daten besser einordnen und interpretieren zu können, entwickelte man im Projekt „EikoTiGer“ Ziel- und Alarmwerte. Damit lässt sich für jeden Indikator einschätzen, ob sich die Situation im ꞌgrünen Bereichꞌ befindet oder ob kurz- bzw. mittelfristig Handlungsbedarf besteht. Die Ziel- und Alarmwerte für die Tiergruppe Rinder (PDF-Downloads: Milchkühe, Mastrinder, Aufzuchtkälber) liegen bereits vor. Entsprechende Werte für die Tiergruppen Geflügel und Schweine sind in Arbeit und werden voraussichtlich Ende 2020 erscheinen.

Spezielle Tools für Milchviehbetriebe

Für den Bereich Milchviehhaltung steht noch eine Reihe weiterer nützlicher Tools für die betriebliche Eigenkontrolle zur Verfügung. Diese bauen zum Teil auf den Indikatoren-Sets des KTBL auf.

Mit dem über das Innovationsprogramm des BMEL geförderten Q-Check – Tierwohl in der Milchviehhaltung zum Beispiel steht Milchviehbetrieben seit kurzem ein hilfreiches Tool für die Erfassung und Bewertung der betrieblichen Tierwohlsituation zur Verfügung.

Der Milchviehsektor hat den Vorteil, dass er mit der Milchkontrolle, der HIT-Datenbank, der Milchgüteprüfung und dem QM-Milch-System seit vielen Jahren über bewährte Erfassungs- und Analysesysteme verfügt, die kontinuierlich und deutschlandweit einheitlich erhobene Daten verarbeiten. Dies ermöglicht den teilnehmenden Betrieben die Erfassung und Bewertung tierbezogener Daten ohne großen Aufwand, denn die Daten können automatisch aus den entsprechenden Systemen eingelesen werden.

Noch einen Schritt weiter geht die Anwendung „Tierwohl-Check SH“, die von verschiedenen Akteuren des Landes Schleswig-Holstein entwickelt wurde und voraussichtlich Anfang 2021 als App für mobile Endgeräte zur Verfügung stehen wird. Wie im Q-Check werden hier Daten aus der Milchkontrolle und HIT-Datenbank  automatisch eingelesen. Zusätzlich hilft die App Praktikern mit geeigneten Mitteln, die Tierwohlsituation im Betrieb – direkt am Tier – zu erheben und zu bewerten. Dafür stellt die App bebilderte Anwendungen für jeden Indikator bereit, die auf dem KTBL-Leitfaden basieren, und lässt diese Ergebnisse in eine Gesamtbewertung einfließen. Mithilfe eines qualifizierten Bewertungsrahmens lassen sich abschließend die Ergebnisse gut einordnen und mit den Ergebnissen anderer Milchviehbetriebe vergleichen.

Die App „Tierwohl-Check SH“ wird vorerst nur Milchviehhaltern in Schleswig-Holstein zur Verfügung stehen. Zukünftig soll der Einsatz aber auch in anderen Bundesländern möglich gemacht werden. Hierzu gibt es bereits Gespräche mit anderen Landeskontrollverbänden.

Einen ähnlichen, wenn auch nicht so weitreichenden Ansatz, bietet die seit Ende 2019 existierende App „Q-Wohl“ des Landes Baden-Württemberg.

MTool: Eine Managementhilfe für die Legehennenaufzucht und -haltung

Für die Produktionsrichtung Legehennenaufzucht und -haltung gibt es mit dem „ManagementTool“ – kurz MTool – ein nützliches Tool zur Erfassung von Schwachstellen im Betrieb. Das Tool wurde im Rahmen der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz entwickelt. Es hilft, den Zustand der Tiere schnell und einfach zu erfassen und mögliche Problemstellen in Haltung und Management aufzuspüren. Das Management-Werkzeug gibt darüber hinaus Hinweise auf Maßnahmen, die zu einer Verbesserung führen. MTool besteht aus mehreren Bausteinen, die der Tierhalter kombinieren kann: Ein Fotobuch, verschiedene Beurteilungskarten, Excel-Tabellen und eine Android-App. Alle Materialien können kostenlos über die MTool-Projektseite bestellt oder direkt heruntergeladen werden.

Das MTool als explizites Managementtool ist etwas aufwändiger in der Durchführung als die KTBL-Anwendung, verwendet aber ähnliche Indikatoren.

Web-Anwendung „Haltungsbewertung Schweinemast – Tierwohl und Emissionen“

Ausgehend von 12 ausführlich beschriebenen Standardlösungen können sich die Nutzer Ställe kostenfrei bewerten lassen und diese mit anderen Ställen direkt vergleichen. Zur Bewertung der Haltungsverfahren werden auch Angaben zum Produktionsverfahren herangezogen. Das Ergebnis veranschaulicht Stärken und Schwächen der gewählten baulichen und technischen Lösung. Dabei wird auf die Emissionen Ammoniak, Geruch und Staub eingegangen. Die Wirkungen des Haltungsverfahrens auf das Tierverhalten werden an 17 ausgewählten Indikatoren analysiert. Außerdem gibt es Hinweise darauf, ob Anforderungen für besondere Vermarktungsmöglichkeiten erfüllt sind, z. B. die Teilnahme an einem Label oder die Bewirtschaftung nach ökologischem Standard.

Die Web-Anwendung bietet investitionswilligen Landwirten eine Übersicht über verschiedenste Haltungsmöglichkeiten. Den Beteiligten an Genehmigungsverfahren bietet sie Hintergrundinformationen zur Schweinemast. Für Schule und Studium veranschaulicht die Anwendung die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Tierverhalten.

KTBL: Haltungsbewertung Schweinemast – Tierwohl und Emissionen

Letzte Aktualisierung 26.08.2020

Seiten-Titel: Mehrkosten des staatlichen Tierwohlkennzeichens

Seiten-Beschreibung:

Agrarökonom Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer NRW erläutert, welche Mehrkosten auf schweinehaltende Betriebe zukommen und wie sich diese im Detail zusammensetzen.

Seiten-Titel: Tierwohl - Was heißt das eigentlich?

Seiten-Beschreibung:

Das Thema Tierwohl ist seit einigen Jahren in aller Munde. Doch was heißt eigentlich Tierwohl? 

Seiten-Titel: Tierschutzinitiativen und -programme

Seiten-Beschreibung:

Viele Landwirtschaftsbetriebe sind bereit, sich für mehr Tierschutz auf ihren Betrieben einzusetzen. Die Menge an Programmen und Initiativen samt der dazugehörigen Labels macht es aber schwer, den Überblick zu behalten.