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Tier

Welche Mehrkosten entstehen Schweinehaltern durch das staatliche Tierwohlkennzeichen?

Schweine laufen bzw. liegen in einem Auslauf, der mit Stroh eingestreut ist

Viele Schweinehalterinnen und -halter sind bereit, ihren Stall und das Management an das neue Tierwohlkennzeichen anzupassen. Quelle. landpixel.eu

Ein Team rund um Agrarökonom Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer NRW hat für die Publikation "DLG-Kompakt - Schweinehaltung in Deutschland" berechnet, welche Mehrkosten auf Schweinehaltungsbetriebe zukommen, wenn sie zukünftig nach einer der drei Stufen des staatlichen Tierwohlkennzeichens produzieren. Stefan Leuer erläutert in praxis-agrar.de, wie sich diese Kosten im Detail zusammensetzen.

Im Februar 2019 stellte Agrarministerin Julia Klöckner die Kriterien des neuen staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine vor, das ab 2020 eingeführt wird. Mit dem Label dürfen zukünftig alle Schweinehalterinnen und Schweinehalter werben, die überprüfbar die geforderten Tierschutzanforderungen erfüllen.

Mehr Tierwohl in drei Stufen

Infografik "Wie viel Platz hat ein Schwein im Stall?"

Infografik "Wie viel Platz hat ein Schwein im Stall?"

Das neue Tierwohlkennzeichen umfasst drei Stufen, die qualitativ aufeinander aufbauen. Mit jeder Stufe werden die Anforderungen strenger. So wird zum Beispiel das Platzangebot in der ersten Stufe um 20 Prozent erhöht. Für die zweite Stufe müssen 47 Prozent und für die dritte Stufe 91 Prozent mehr Platz zur Verfügung gestellt werden. Die Buchtenstrukturierung in Ruhe-, Aktivitäts-, Fress- und Kotbereich muss bereits ab der ersten Stufe verbessert werden.

Weitere Anforderungen:

  • Tierhalterinnen und Tierhalter müssen für organisches Beschäftigungsmaterial und Raufutter im Stall sorgen.
  • Das Kupieren der Schwänze, das grundsätzlich zwar auch heute schon verboten, per Ausnahmegenehmigung aber gängige Praxis ist, wird ab Stufe 2 komplett verboten sein.
  • Für Betriebe der Stufe 1 wird weiterhin die Möglichkeit bestehen, eine Ausnahmegenehmigung für das Schwanzkupieren zu erwirken. Sie müssen jedoch durch konsequente Minimierung der Stressfaktoren dafür sorgen, dass ein Kupieren der Schwänze gar nicht erst nötig wird.
  • Die betäubungslose Ferkelkastration wird mit Einstieg in eine der Stufen 1 bis 3 bereits ab 2020 verboten sein. Für Betriebe, die nach gesetzlichen Standard produzieren, gilt das Verbot ab 2021.
  • Die Säugephase beträgt im gesetzlichen Standard nach wie vor mindestens 28 Tage. Die in der Praxis übliche Verkürzung der Säugephase darf in der ersten Stufe künftig aber nur noch auf 25 Tage (statt wie in der Praxis üblich 21 Tage) erfolgen. In der zweiten Stufe muss die Säugephase dann (ohne Ausnahme) mindestens 28 Tage betragen und in der dritten Stufe 35 Tage.

Die Kriterien des staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine im Überblick. Quelle: BMEL

Die neuen staatlichen Tierwohlanforderungen beschränken sich jedoch nicht allein auf die Schweinehaltung. Auch für Transport und Schlachtung gibt es Regeln: So dürfen die Tiere zum Beispiel nur noch maximal acht Stunden transportiert werden, ab vier Stunden müssen Einstreu und Tränken angeboten werden. Bei der Schlachtung verlangt das Label unter anderem höhere Tierschutzvorrichtungen im Wartebereich und bei den Betäubungsmöglichkeiten.

Detaillierte Informationen zum neuen Tierwohlkennzeichen gibt es in einem PDF-Dokument des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Das staatliche Tierwohlkennzeichen für Schweine: Alle Kriterien im Überblick (PDF)

Welche Mehrkosten kommen auf die Schweinehaltungsbetriebe zu?

DLG-Faktenblatt „Schweinehaltung in Deutschland“

Kosten verschiedener Haltungsverfahren in Anlehnung an das staatliche Tierwohlkennzeichen, aus DLG-Faktenblatt „Schweinehaltung in Deutschland“ (Stand März 2019).

Viele Schweinehalterinnen und -halter in Deutschland sind bereit, ihren Stall und das Management an das neue Tierwohlkennzeichen anzupassen, fragen sich aber, was es kosten wird, die unterschiedlichen Tierwohlstandards in den Ställen umzusetzen.

Eine Antwort auf diese Frage findet sich in einer im Februar 2019 erschienen Publikation der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft: DLG-Faktenblatt.Kompakt "Schweinehaltung in Deutschland". Darin hat eine Expertengruppe rund um den Agrarökonom Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen anhand der wichtigsten Investitionsblöcke – Lohnkosten, Gebäudekosten, Direktkosten und Sonstigen Kosten – kalkuliert, welche Kosten pro Kilogramm Schweinefleisch für jede der drei neuen Stufen, im Vergleich zum gesetzlichen Standard, entstehen. Aus dem Faktenblatt geht hervor, dass die Kosten mit jeder Stufe steigen. Demnach liegen die Gesamtkosten pro Kilogramm in Stufe 1 mit 1,91 Euro um etwa 9 Prozent und in Stufe 2 mit 2,16 Euro um rund 23 Prozent über dem gesetzlichen Standard. Wer zukünftig in Stufe 3 produzieren will, muss nach DLG-Kalkulationen mit Kosten von 2,38 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht rechnen – das ist ein Plus von 36 Prozent, verglichen mit dem gesetzlichen Standard.

Wie erklären sich die Mehrkosten?

Stefan Leuer, Experte für Betriebswirtschaft in der Schweineproduktion, erläutert für praxis-agrar.de, wie sich die im DLG-Faktenblatt angegebenen Mehrkosten in Einzelnen zusammensetzen. Dazu werden im Folgenden die verschiedenen Kostenblöcke (Gebäudekosten, Lohnkosten, Direktkosten und Sonstige Kosten) für jede Tierwohl-Stufe genauer erläutert.

Gebäudekosten

Für An- und Umbauten stehen den Schweinehaltungsbetrieben durch die neuen Tierwohlanforderungen die höchsten Kostenzuwächse ins Haus. Laut DLG-Faktenblatt kommt es bei den Gebäudekosten zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 zu einem Anstieg von 111 Prozent.

ab Stufe 1: Die höheren Gebäudekosten ab Stufe 1 entstehen vor allem durch den zusätzlichen Platzbedarf für die Tiere sowie die bauliche Strukturierung der Buchten in Ruhe-, Aktivitäts-, Fress- und Kotbereich, samt Installation entsprechender Technik für Fütterung und Wasser. Notwendig wird zudem neue Technik für die Einbringung und Dosierung von organischem Beschäftigungsmaterial.

ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, kommen hier noch Mehrkosten bei der Buchtenstrukturierung hinzu. Denn in Stufe 2 ist zusätzlich noch eine geschlossene, weiche oder leicht eingestreute Liegefläche sowie ein Außenklimareiz (bzw. Buchten mit unterschiedlichen Klimareizen) vorgeschrieben. Außerdem fallen zusätzliche Kosten durch die Erweiterung des Abferkelbereiches an, der aufgrund der verlängerten Säugezeit vergrößert werden muss.

ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch ein Auslauf gefordert.

Hinweise zur Gebäudekostenkalkulation

Das Expertenteam ist bei der Gebäudekostenkalkulation davon ausgegangen, dass die schweinehaltenden Betriebe einen An- bzw. Umbau der Ställe in Betracht ziehen, um das höhere Platzangebot und die sonstigen Tierwohlanforderungen gewährleisten zu können. Vorausgesetzt wurde dabei, dass die erforderlichen Baumaßnahmen aus baurechtlicher und betrieblicher Sicht umsetzbar sind. Mehr Platz könnte prinzipiell auch durch eine Reduzierung der Tierbestände erreicht werden. Eine solche Abstockung der Bestände ist im DLG-Faktenblatt jedoch nicht berücksichtigt worden. Aus folgendem Grund: Durch die Abstockung entstehen zusätzliche Deckungsbeitragskosten je Mastplatz, die dazu führen, dass diese Methode wirtschaftlich ungünstiger wäre als ein Um- oder Anbau.

Eine weitere Annahme, die bei der Kalkulation im DLG-Faktenblatt getroffen wurde, ist, dass die bestehenden Güllesysteme mit dem vermehrten Angebot an organischem Material zur Einstreu und Beschäftigung fertig werden, sodass nicht in neue Entmistungssysteme investiert werden muss.

Lohnkosten

Auch hinsichtlich der Lohnkosten kommt einiges auf die Betriebe zu. Zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 kommt es laut Berechnung des Expertenteams zu einem Lohnkostenanstieg von etwa 79 Prozent.

ab Stufe 1: Die höheren Lohnkosten ab Stufe 1 entstehen vor allem durch die Bereitstellung von Raufutter und organischem Beschäftigungsmaterial. Außerdem durch den höheren Aufwand für die dokumentierte Eigenkontrolle und die jährlichen Fortbildungen (u. a. zu Tierschutzthemen). In der Ferkelerzeugung entsteht ab Stufe 1 zusätzlich noch Mehraufwand durch die aufwändigere Ferkelkastration (Narkose oder Impfung), die ab 2021 allerdings auch im gesetzlichen Standard vorgeschrieben ist. Diesen Kostenunterschied zwischen den drei Stufen des Tierwohlkennzeichens und dem gesetzlichen Standard, wie im DLG-Faktenblatt kalkuliert, wird es dadurch ab 2021 nicht mehr geben. Zusätzlich entstehen den Ferkelerzeugungsbetrieben außerdem noch Kosten durch die Bereitstellung und Entsorgung von Nestbaumaterial und die verlängerte Säugephase (Minimum 25 Tage statt wie bisher üblich 21 Tage).

ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, entsteht in Stufe 2 noch zusätzlicher Arbeitsaufwand durch das Bereitstellen und Entfernen von Stroh für die Liegeflächen. Außerdem muss für die erhöhte Tierkontrolle wegen der unkupierten Tiere (Kupierverbot ab Stufe 2) und in der Ferkelerzeugung für die verlängerte Säugephase (Minimum 28 Tage) mehr Zeit einkalkuliert werden.

ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch zusätzliche Arbeitszeit für die Bereitstellung und Entfernung von Stroh in der Außenbucht anzusetzen. In der Ferkelerzeugung entsteht außerdem Mehraufwand durch die verlängerte Säugephase (Minimum 35 Tage).

Direktkosten

Schweine inspizieren eine Strohraufe

Die Direktkosten steigen vor allem durch zusätzliches Raufutter. Quelle: landpixel.eu

Die Zunahmen bei den Direktkosten halten sich im Vergleich zu den Gebäude- und Lohnkosten im Rahmen. Zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 kommt es laut DLG zu einer Zunahme der Direktkosten von 23 Prozent.

ab Stufe 1: Die Mehrkosten entstehen vor allem durch das (zusätzliche) Raufutter und das organische Beschäftigungsmaterial. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für Klima- und Tränkewasserchecks, sowie Heizkosten. Denn mit abnehmender Belegdichte produzieren die Tiere weniger Eigenwärme, was gerade bei kleinen Tieren eine höhere Heizleistung erfordert. In der Ferkelerzeugung schlagen außerdem die zusätzlichen Kosten für das Nestbaumaterial und die Ferkelkastration (Narkose oder Impfung) zu Buche. Auch hier sei erwähnt, dass die erhöhten Kosten für die Ferkelkastration ab 2021 auch für Betriebe anfallen, die nach gesetzlichem Standard produzieren.

ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, kommt noch Stroh zum Einstreuen der Liegeflächen hinzu. In der Ferkelerzeugung entstehen zusätzliche Kosten bzw. Verluste durch die verlängerte Säugephase (Minimum 28 Tage).

ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch zusätzlich Stroh zum Einstreuen des Auslaufs nötig. In der Ferkelerzeugung entstehen zusätzliche Kosten bzw. Verluste durch die verlängerte Säugephase (Minimum 35 Tage).

Sonstige Kosten

Unter die "sonstigen Kosten" im DLG-Faktenblatt haben die Experten Kosten für Buchführung, Versicherungen usw. gefasst. In diesem Kostenbereich kommt es durch die Tierwohlumstellungen jedoch in keiner der drei Stufen zu einer Kostensteigerung.

Welche Erzeugerbereiche sind am stärksten betroffen?

Die verschiedenen Erzeugerbereiche Ferkelerzeugung, Ferkelaufzucht und Mast sind unterschiedlich stark von den Kostensteigerungen betroffen. Leuer hat auch dazu Berechnungen angestellt, die im DLG-Faktenblatt allerdings nicht enthalten sind. Danach sind die Kostensteigerungen in der Ferkelerzeugung und Ferkelaufzucht höher als in der Schweinemast, da hier umfänglichere An- und Umbauten stattfinden müssen und ein höherer Arbeitseinsatz erforderlich ist. Wie stark sich die Kosten in den einzelnen Stufen und Erzeugerbereichen erhöhen, gibt die folgenden Tabelle wieder:

Mehrkosten im Vergleich zum gesetzlichen Standard
Stufe 1Stufe 2Stufe 3
Ferkelerzeugung111 %117 %159 %
Ferkelaufzucht111 %128 %131 %
Schweinemast108 %124 %129 %

Quelle: Stefan Leuer, Landwirtschaftskammer NRW

Fragen an den Experten für Betriebswirtschaft in der Schweineproduktion, Stefan Leuer

praxis-agrar.de: Herr Leuer, Sie haben am DLG-Kompakt "Schweinehaltung in Deutschland" federführend mitgewirkt. Wie, schätzen Sie, werden sich die neuen Tierwohlstufen am Markt durchsetzen?

Stefan Leuer: Die Stufe 1 kann aus meiner Sicht eine Marktdurchdringung ähnlich wie bei der ITW (Anm. d. Red.: Initiative Tierwohl) erreichen. Viele Kriterien, die heute schon in der ITW umgesetzt werden, sind auch in der Stufe 1 gefordert. Die Stufen 2 und 3 werden dagegen nur in einem kleinen Marktsegment realisiert werden können. Hier könnten heutige Markenfleischprogramme wie zum Beispiel Hofglück von EDEKA oder FairFarm von Aldi integriert werden, die aber nur kleine Käuferschichten erreichen. Ich schätze, dass sich Ende 2020 insgesamt 25 bis 30 Prozent der heutigen Fleischproduktion in den drei Stufen wiederfinden können – zwei Drittel davon in Stufe 1, ein Drittel in Stufe 2 und 3.

praxis-agrar.de: Vor allem die Um- oder Neubaumaßnahmen können sehr teuer für die Betriebe werden. Für wie risikofreudig halten Sie die deutschen Schweinehalter in dieser Beziehung?

Stefan Leuer: Für die Landwirte sind verlässliche Rahmenbedingungen wichtig. Da die Investitionen einen längeren Abschreibungszeitraum erfordern, werden Landwirte nur in die Programme bzw. Stufen einsteigen, wenn von der Politik und vom Markt langfristig verlässliche Zusagen kommen. Förderprogramme können da sehr gut genutzt werden, um die Investitionen zu puffern. Diese müssen dann aber auch allen Landwirten, das heißt kleinen und großen Betriebe zur Verfügung stehen.

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