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Pflanze

Bodenmüdigkeit - Suche nach Bekämpfungsmöglichkeiten läuft auf Hochtouren

Wachstumsdepressionen, schlecht ausgebildete, teils verbräunte Wurzeln und verzweifelte Baumschuler, denen die Absatzmärkte wegbrechen: Im schleswig-holsteinischen Pinneberg und anderen Hauptanbaugebieten gehört die Bodenmüdigkeit seit Jahren zu den dringlichsten Pflanzenschutzthemen.

Rote Rosen

Quelle: larshenko - stock.adobe.com

Vor allem Rosengewächse (Rosaceae) sind von dem sogenannten Ursachenkomplex betroffen, der einen Nachbau von Arten dieser Familie auf denselben Flächen sogar nach zehn Jahren mit Zwischenfruchtanbau noch nahezu unmöglich macht.

Ursachen sind unklar

Bis heute konnten die Ursachen der Bodenmüdigkeit noch nicht eindeutig geklärt, sondern nur Teilaspekte ausgeschlossen werden –  wie zum Beispiel Nematoden, die längst als eigenständiges Schadbild erfasst sind und entsprechend bekämpft werden können.

In puncto Bodenmüdigkeit stehen seit einigen Jahren zwei Hypothesen im Mittelpunkt der Ursachenanalyse. Die Toxin-Theorie besagt, dass sich die Pflanzen durch Ausscheidungen der eigenen, aktiven Pflanzenwurzeln vergiften. Die Mikroorganismen-Theorie geht davon aus, dass Mikroorganismen, die sich auf den Ab- und Umbau von Wurzelresten im Boden spezialisiert haben, für das Nachbauproblem verantwortlich sind.

Letzteres zeichnet sich als wahrscheinlichere Hypothese ab: Durch Zugabe zerkleinerter Rosenwurzeln konnten selbst in "jungfräulichen" Böden Bodenmüdigkeitssymptome an darin wachsenden Pflanzen hervorgerufen werden. Außerdem würde diese Theorie erklären, weshalb die Schadsymptome selbst nach 10-15 Jahren mit Zwischenfruchtanbau noch auftreten können: Im Gegensatz zu Pflanzensekreten, die nach dieser Zeitspanne längst abgebaut sein müssten, können viele Mikroorganismen ohne Weiteres jahrelang im Boden überdauern. Mit der Pflanzung neuer Rosengewächse werden sie dann wieder aktiv.

Erste Ansätze zur Bekämpfung der Bodenmüdigkeit

Zwei Ansätze zur Bekämpfung der Bodenmüdigkeit erwiesen sich bislang als vielversprechend, sind aber wirtschaftlich (noch) nicht praktikabel.

1. Bodendämpfung

Böden und Substrate können durch eingeleiteten heißen Wasserdampf wirkungsvoll sterilisiert werden – die richtiger Bodenfeuchte und eine ausreichende Einwirkzeit vorausgesetzt. Auch die Nachbaukrankheit lässt sich auf diese Weise nachweislich bekämpfen. Finanziell ist das Verfahren allerdings für die wenigsten Betriebe tragbar – die Anschaffungskosten für die Spezialgeräte betragen etwa 80-100.000 Euro und pro behandeltem Hektar muss mit einem Verbrauch von 7.500 Litern Heizöl und mehr als einer Woche Arbeitszeit gerechnet werden. Hinzu kommt eine denkbar schlechte CO2-Bilanz.

2. Biofumigation

Der Wirkstoff von Basamid Granulat kann auch auf natürliche Art und Weise in den Boden gelangen: Sarepta-Senf (Brassica juncea, insbesondere die Sorte 'Terra Plus') und Öl-Rettich (Raphanus sativus, insbesondere 'Defender') sind besonders reich an Glucosinolaten, die im Boden zu Isothiocyanaten umgebaut werden. Diese Isothiocyanate zeigten in ersten Versuchsreihen eine heilende Wirkung, wenn sie in ausreichend hoher Konzentration in den Boden eingebracht werden. Eben die erforderliche hohe Konzentration ist derzeit aber noch die entscheidende Hürde: Das in den Versuchen verwendete Mehl aus Sarepta-Senfsamen schlägt mit etwa 3 Euro je Kilogramm zu Buche, bei benötigten fünf Tonnen Mehl je Hektar laufen somit Kosten von bis zu 15.000 Euro auf.

Hoffnungen ruhen auf der Forschung

Baumschulen brauchen also schlichtweg Geduld und Zeit, bis es auch ökonomisch tragfähige Wege zur Bekämpfung der Bodenmüdigkeit gibt. Und auch wenn sie genau diese Zeit nicht haben, gibt es zumindest Hoffnung in Form aktueller Forschungsprojekte. Anhand der Analyse von Mikroorganismen beziehungsweise Mikrobengemeinschaften, die gebietsübergreifend in von Bodenmüdigkeit betroffenen Böden vorkommen, sollen sie die dringend benötigten Erkenntnisse liefern.

Langzeitprojekt erforscht Ursachen und Lösungsansätze

Große Hoffnungen ruhen dabei auf dem Projekt "ORDIAmur – Overcoming Replant Disease by an Integrated Approach" (Überwindung der Nachbaukrankheit mithilfe eines integrierten Ansatzes). Das Forschungsverbundvorhaben ist Teil der Forschungsinitiative BonaRes - Boden als nachhaltige Ressource des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und kann sich dem Thema dank einer Förderdauer von bis zu neun Jahren bemerkenswert lange und intensiv widmen. Seit Ende 2015 erforschen insgesamt elf Kooperationspartner aus Wissenschaft und Praxis in enger Zusammenarbeit mit gartenbaulichen Betrieben sowohl die Ursachen der Bodenmüdigkeit als auch potenzielle Bekämpfungsstrategien.

Schwierige Lage für Baumschulen

Und neue Bekämpfungsstrategien tun bitter Not. Bereits in früheren Jahren war die Pflanzenschutzsituation im Hinblick auf Bodenmüdigkeit angespannt. Bis Ende 2013 gab es immer wieder Notfallzulassungen für Basamid Granulat, das letzte, bis 2004 zugelassene wirksame chemische Bodenentseuchungsmittel. Doch auch die Notfallzulassung wurde schließlich nicht mehr ausgesprochen. Mit fatalen Folgen für viele Baumschulbetriebe: Ausweichflächen sind insbesondere in den Hauptanbaugebieten rar und verteuern sich durch den zunehmenden Siedlungsdruck sowie die Konkurrenz mit dem Maisanbau für Biogasanlagen zudem drastisch. Und da es allen EU-Harmonisierungsregeln zum Trotz beim Pflanzenschutz immer noch länderspezifische Unterschiede gibt, gerieten die Baumschuler mit einem Mal auch innerhalb der EU ins Hintertreffen. In mehreren EU-Ländern ist Basamid Granulat nämlich nach wie vor zugelassen, sodass diese nun zu bevorzugten Lieferanten für die entsprechenden Gehölze werden.