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Interview mit Dr. Susanne Klages zu den Nachbesserungen bei der Düngeverordnung

Die EU fordert von Deutschland Nachbesserungen bei der Düngeverordnung. Zwar hatte die Bundesregierung 2017 bereits das Düngerecht verschärft. Der EU ging diese Novelle jedoch nicht weit genug, um den Anforderungen beim Gewässerschutz gerecht zu werden.

Dr. Susanne Klages

Dr. Susanne Klages. Quelle: S. Klages

Daher legte das Bundeslandwirtschaftsministerium der EU Anfang des Jahres einen mit dem Bundesumweltministerium abgestimmten, überarbeiteten Maßnahmenkatalog vor.  Während die Wasserwirtschafts- und Umweltverbände die Entwicklungen begrüßen, üben Landwirte und Bauernverbände scharfe Kritik an den erneuten Änderungen.

Praxis-agrar.de sprach mit Frau Dr. Susanne Klages über die aktuellen Entwicklungen im Düngerecht. Die Wissenschaftlerin, die mit agri.kultur freiberuflich tätig ist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Düngung und Düngerecht in der Landwirtschaft. 2017 und 2018 war sie als federführende Autorin an der Erstellung der BZL-Broschüren "Die neue Düngeverordnung" und "Effizient düngen – Anwendungsbeispiele zur Düngeverordnung" beteiligt.

Frau Dr. Klages, die EU-Kommission kritisiert Deutschland, dass die 2017 novellierte Düngeverordnung nicht ausreiche, um die EU-Anforderungen in puncto Gewässerschutz zu erfüllen, und fordert von der Bundesregierung daher zusätzliche Anstrengungen. Sind die Beweggründe der EU für die Nachforderungen an Deutschland nachvollziehbar?

Dr. Susanne Klages: Sie sind nachvollziehbar, da sich die Grundwasserbelastung durch Nitrat auch nach dem letzten Nitratbericht aus 2016 nicht ausreichend vermindert hat. Das EU-Nitratmessnetz wurde im Vorfeld des letzten Berichts angepasst, um die verschiedenen Landnutzungen besser zu repräsentieren. Im neuen Messnetz liegen 28 Prozent der Brunnen, die sich im Einzugsgebiet von Acker, Grünland und Sonderkulturen befinden, über dem Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter, und es zeichnet sich anhand der Messstellen-Daten keine Trendumkehr ab. Das heißt, auch 25 Jahre nach Inkrafttreten der Nitratrichtlinie zeigt sich keine flächendeckende Wirkung der in der Vergangenheit beschlossenen Maßnahmen zum Gewässerschutz*.

Nun bezog sich das Vertragsverletzungsverfahren der EU aber auf die Vorversion der jetzt geltenden Düngeverordnung aus dem Jahr 2017. Die aktuell geltende Fassung wurde damals schon in vielen Punkten verschärft. Da jedoch in vielen Gebieten Deutschlands die Verweilzeit des Grundwassers bis zu seiner Entnahme als Rohwasser zur Trinkwassergewinnung extrem lang ist, können die beschlossenen Maßnahmen erst mittel- bis langfristig direkt im entnommenen Wasser gemessen werden.

Allerdings ist die Stickstoffeffizienz bei der Düngung relativ gering: Mehr als die Hälfte des mit organischen Düngern und Mineraldüngern aufgebrachten Stickstoffs gelangt nicht in die Verkaufsprodukte der Landwirtschaft, sondern wird als Ammoniak und Lachgas emittiert und es kommt zu erhöhten Nitratauswaschungen ins Grundwasser. Nur ein Teil des nicht von der Pflanze aufgenommenen Stickstoffs wird im Boden als Bestandteil der organischen Substanz gespeichert.

Zur Umsetzung der Nitratrichtlinie dient die Düngeverordnung also in erster Linie dem Gewässerschutz. Die Begrenzung des sogenannten reaktiven Stickstoffs dient darüber hinaus dem Klimaschutz, der Luftreinhaltung und der Biodiversität.  

Können den landwirtschaftlichen Betrieben diese zusätzlichen Anforderungen aus Ihrer Sicht zugemutet werden?

Dr. Susanne Klages: Verschiedene Maßnahmen befinden sich derzeit in der Diskussion. Genannt werden die generelle Abschaffung der Herbstdüngung, eine zwingende Begrünung vor der Sommerung, eine schlagbezogene Begrenzung der organischen Düngung auf 170 Kilogramm pro Hektar anstelle des Bezugs auf Betriebsebene und für die sogenannten roten Gebiete eine Verminderung der anzusetzenden Sollwerte pauschal um 20 Prozent. Außerdem soll der Nährstoffvergleich als Bilanzierung der Nährstoffzu- und abfuhren von der Betriebsfläche abgeschafft werden.

Einachs-Güllefass

Die EU droht mit Strafen, wenn Deutschland seine Nitratwerte nicht senkt. Weniger Dünger soll auf die Felder – zur Diskussion steht z.B. ein Verbot der Herbstdüngung. Quelle: landpixel.eu

Der Düngebedarf im Herbst ist häufig nicht gegeben. Schon die 60 Kilogramm Stickstoff pro Hektar zu Raps, Wintergerste, Feldfutter und Zwischenfrüchten sind ein Kompromiss, der ein Fenster für die Wirtschaftsdüngeraufbringung offen gelassen hat und in Fachkreisen kritisiert wurde. Insbesondere in den Fällen, in denen die aufgebrachten Stickstoffmengen für den Düngebedarf der angebauten Kultur, und damit für den Nährstoffvergleich, nicht berücksichtigt werden, kann diese Regelung hinterfragt werden. Der Klimawandel bringt es zudem mit sich, dass die Mineralisierung von Bodenstickstoff bis in den Spätherbst hinein erfolgen kann, wodurch eine gezielte Herbstdüngung erst recht vermeidbar wird.

Der zwingende Anbau einer Zwischenfrucht im Herbst ist prinzipiell eine gute Sache, insbesondere dann, wenn die Herbstsaison sich aufgrund des Klimawandels verlängert. Allerdings kann sich, wie im letzten Jahr, bei Herbsttrockenheit der Aufgang der Zwischenfrucht verzögern.

Es wird argumentiert, dass die schlagbezogene Anwendung der 170 Kilogramm-Obergrenze eine Härte darstellen würde. In jedem Fall ist jedoch die schlagbezogene Düngeplanung zur Steigerung der Stickstoffeffizienz vorteilhaft. Eine Überschreitung von 170 Kilogramm Stickstoff je Hektar aus organischen Düngern ist aus Gründen der Bestandssteuerung nur für den Maisanbau und im Grünland von Relevanz. Einen Sonderfall stellt die Kompostanwendung dar, bei der in der Regel höhere Aufwandmengen ausgebracht wurden. In der geltenden Düngeverordnung wurde dafür durch eine Begrenzung der Zufuhr über drei Jahre eine gute Lösung gefunden.

Die Abschaffung des Nährstoffvergleichs halte ich prinzipiell für nicht zielführend, da gerade bei der Aufbringung von höheren Mengen an organischen Düngern (z. B. Gülle oder Festmist) und Bodenhilfsstoffen (z. B. Kompost) mit dem Nährstoffvergleich ein Kontrollmechanismus, ein "Nadelöhr", geschaffen wurde, mit dem einer Überdüngung entgegengewirkt werden kann. Je höher der Anteil an organischen Düngern am gesamten Düngeaufwand, umso höher der potentiell "unproduktive" Anteil, der in andere Umweltkompartimente gelangen kann.

Sollte es zu den geplanten Änderungen kommen, werden die Landwirtschaftsbetriebe in den nitratbelasteten Gebieten (rote Gebiete) besonders stark betroffen sein. Vertreter von Bauernverbänden befürchten, dass die geplanten Veränderungen den Strukturwandel beschleunigen werden. Wie sehen Sie das?

Dr. Susanne Klages: Auch bislang ist es zu einem erheblichen Strukturwandel gekommen, obwohl in der Düngegesetzgebung immer ein Kompromiss zwischen Umweltschutz und sozioökonomischen Erfordernissen angestrebt wurde. Kompromisse zum scheinbaren Wohle der Landwirte haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass bei den Düngeregeln kontinuierlich nachgebessert werden musste. Dies hat dann die Landwirte – verständlicherweise – verärgert. Einschränkungen bei der Düngungshöhe können dadurch aufgefangen werden, dass der in diesem Fall noch zulässige Stickstoff effizienter eingesetzt wird: Hierzu haben wir in der BZL-Praxisbroschüre Effizient düngen – Anwendungsbeispiele zur Düngeverordnung Hinweise erarbeitet.


BZL-Broschüre "Effizient düngen - Anwendungsbeispiele zur Düngeverordnung"

Wie können Landwirte Stickstoff und Phosphor effizienter düngen? Die Broschüre stellt verschiedene Maßnahmen vor und veranschaulicht das Thema anhand von Beispielbetrieben.

Zur Broschüre


Wie kann man die Probleme in den betreffenden Gebieten in den Griff bekommen? Wird dies nur über eine Abstockung der Tierbestände möglich sein?

Dr. Susanne Klages: Die Gründe für die Eingruppierung als rote Gebiete sind so vielfältig wie die Agrarstruktur, die Klima- und Standortbedingungen. So kann es auch bei geringem Tierbesatz in trockenen Regionen zu erhöhten Nitratwerten kommen, und bei hohem Tierbesatz und hohen Jahresniederschlägen werden die Grenzwerte unterschritten. Gegebenenfalls ist die Abstockung der Tierbestände in einzelnen Regionen eine Maßnahme, deren Auswirkungen durch flankierende Maßnahmen, wie die Anwendung eines Tierwohllabels oder die Änderung der Wirtschaftsweise, abgemildert werden kann. Aber auch hier kann durch die effizientere Gestaltung von Nährstoffflüssen – z. B. durch die bedarfsgerechte Futterzusammensetzung – der betriebliche Stickstoffüberhang vermindert werden.

Seitens der landwirtschaftlichen Interessensverbände steht besonders die pauschale Absenkung des errechneten Düngebedarfs um 20 Prozent in den roten Gebieten in der Kritik. Wie kritisch sehen Sie diese Regelung für den Ackerbau in den betreffenden Gebieten?

Dr. Susanne Klages: Prinzipiell gilt das Gesetz des abnehmenden Ertragszuwachses, das heißt eine Verminderung der Düngungshöhe um 20 Prozent, führt nicht zu einem um 20 Prozent geringeren Ertrag. Die Nährstofflücke kann – zumindest teilweise – dadurch geschlossen werden, dass vermehrt effizienzsteigernde Maßnahmen eingesetzt werden, nach dem Motto "Der Pflanze ins Maul düngen". Allerdings kann es bei bestimmten Kulturen – auch in Abhängigkeit von der angebauten Sorte – zu Qualitätseinbußen kommen, z. B. bei Brotweizen und Gemüse.

In Ackerbauregionen kann z. B. durch die vorsichtige Anwendung von organischen Düngern, bei denen ja nur ein Teil des Stickstoffs im Anwendungsjahr angerechnet werden muss, im Boden ein Nährstoffdepot angelegt werden.

Durch welche "flankierenden Maßnahmen" kann der Staat die Landwirte unterstützen?

Dr. Susanne Klages: Eine Förderung jeglicher Maßnahmen, welche der präziseren Anwendung von Düngemitteln dienen, ist wünschenswert. Dies betrifft Investitionen in Lagerkapazitäten, über die allgemein geltenden sechs Monaten hinaus, die Förderung der bodennahen Aus- oder Einbringung und die genauere Ermittlung des Stickstoffs im wirtschaftseigenen Dünger (z. B. Förderung von überbetrieblichen Ausbringgeräten, die mit NIRS-Technik ausgestattet sind). Von Bedeutung ist außerdem die stärkere Implementierung von Maßnahmen zur Stickstoff-Bedarfsprognose der Bestände, über Satellit, Drohne oder schleppergestützt. Damit in Zusammenhang steht eine Prognose der Bodenwassergehalte, wie sie vom Deutschen Wetterdienst geplant ist.

Gibt es Informationen (Auswertungen, Messwerte) darüber, wie sich die 2017 vorgenommenen Änderungen der Düngeverordnung auf die Nitratbelastung der deutschen Gewässer ausgewirkt hat?

Dr. Susanne Klages: Ich glaube nicht, dass Boden-Nitratmessungen aus dem Jahr 2018 irgendeinen Beleg für die Wirkung der Maßnahmen der Düngeverordnung liefern können. Aufgrund der außergewöhnlichen Dürre wurden flächendeckend Mindererträge erwirtschaftet. Dies führte häufig zu hohen Herbst-Nmin-Gehalten im Boden. Teilweise wurde dieser Stickstoff – bei entsprechenden Niederschlägen – ausgewaschen, teilweise steht er aktuell den Pflanzenbeständen noch zur Verfügung. Die Landwirte haben jedenfalls reagiert: Der Absatz an Stickstoff-Mineraldünger ist laut Industrieverband Agrar im ersten Quartal 2019 um 20 Prozent eingebrochen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

*) Osterburg, B., Wolter, R. (2017): Das neue Nitratmessnetz für Deutschland: Ergebnisse richtig interpretieren. DLG-Mitteilungen 4/2017

EU fordert von Deutschland Nachbesserung bei der Düngeverordnung

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