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Was wären die Folgen eines Brexits für die deutsche Landwirtschaft?

Erntemaschinen auf einem Feld aus der Vogelperspektive

Quelle: David-stock.adobe.de

Ende März will das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland aus der Europäischen Union (EU) austreten. Bislang ist noch unklar, ob sich die Briten auf das mit der EU ausgehandelte Abkommen, den sogenannten weichen Brexit, einlässt, oder ob es zu einem ungeordneten Austritt – dem harten Brexit – kommt.

Welche Folgen ein Brexit für die deutsche Landwirtschaft hätte, darüber sprachen wir mit Dr. Florian Freund vom Thünen-Institut für Marktanalyse in Braunschweig. Freund beschäftigt sich zusammen mit PD Dr. Martin Banse seit einigen Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts mit den möglichen Brexit-Szenarien und ihren Folgen für die deutsche Landwirtschaft.

Herr Freund, wie wichtig ist das Vereinigte Königreich als Agrarhandelspartner für Deutschland und wie stark würde ein Ausstieg der Briten aus der EU die Handelsbeziehungen zwischen den Ländern belasten?

Dr. Florian Freund ist Wissenschaftler am Thünen-Institut für Marktanalyse. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der volkswirtschaftlichen Analyse diverser agrar- und handelspolitischer Maßnahmen. Quelle: Thünen-Institut

Dr. Florian Freund: Das Vereinigte Königreich ist ein sehr bedeutender Handelspartner für Deutschland. 2016 exportierte Deutschland Güter der Land-und Ernährungswirtschaft im Wert von rund 4,7 Milliarden Euro dorthin. Umgekehrt wurden Agrargüter im Wert von etwa 1,6 Milliarden Euro aus dem Vereinigten Königreich importiert. Das heißt, die Ausfuhren an Agrargütern überstiegen die Einfuhren um nahezu das Dreifache.

Einen solch großen Agrarhandelsüberschuss hat Deutschland mit keinem anderen Handelspartner. Im Gegenteil: Bei fast allen anderen Handelspartnern importiert Deutschland mehr Agrargüter als es exportiert. Daher hat der Brexit, wenn er kommt, in jedem Fall spürbare Auswirkungen auf die Agrarhandelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Deutschland.

Zurzeit ist von zwei möglichen Brexit-Szenarien die Rede: Dem harten und dem weichen Brexit. Was heißt "hart" und "weich" in Bezug auf den Agrarhandel?

Dr. Florian Freund: Die Begriffe "hart" und "weich" beziehen sich auf die Art und Weise, wie sich die politischen und regulatorischen Gegebenheiten nach einem Austritt zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verändern werden. Je härter der Brexit ausfällt, desto stärker werden die Veränderungen sein, an die sich die Akteure anpassen müssen.

Für den Agrarbereich würde ein harter Brexit insbesondere höhere Zölle und ein stärkeres regulatorisches Auseinanderdriften bedeuten. So könnte das Vereinigte Königreich zum Beispiel von der EU abweichende Standards in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit einführen. Kommt es etwa bei einem EU-Austritt zu abweichenden phytosanitären Anforderungen in beiden Regionen, würde das den Handel von Obst und Gemüse zusätzlich erschweren.

Was wären die möglichen Folgen eines harten und eines weichen Brexits für die deutsche Agrarwirtschaft?

Dr. Florian Freund: Unsere Berechnungen zeigen, dass in beiden Fällen der Agrarhandelsüberschuss Deutschlands mit dem Vereinigten Königreich deutlich abnehmen würde. Das liegt daran, dass die Exporte jeweils stärker zurückgehen als die Importe. Bei einem "weichen" Brexit würde sich der Agrarhandelsüberschuss um etwa ein Fünftel verringern. Bei einem "harten" Brexit käme es sogar zu einer Halbierung.

Ein Teil dieser Rückgänge kann jedoch durch eine Handelsumlenkung hin zu anderen Handelspartnern kompensiert werden. Dies sind hauptsächlich Handelspartner innerhalb der EU, aber auch in Ländern außerhalb der EU. Unterm Strich dürfte der infolge des Brexits verringerte Handel also nur zu leichten Veränderungen der Produktion von Agrargütern und verarbeiteten Lebensmitteln in Deutschland führen.

Welche Bereiche der deutschen Landwirtschaft wären vom Brexit besonders betroffen, welche weniger?

Infografik "Änderung der deutschen Agrarproduktion bei einem harten und weichen Brexit"

Infografik "Änderung der deutschen Agrarproduktion bei einem harten und weichen Brexit"

Dr. Florian Freund: In beiden Szenarien wäre voraussichtlich die deutsche Schweine- und Geflügelfleischindustrie am stärksten von einem Brexit betroffen. Ursächlich hierfür ist vor allem die mengenmäßig hohe Nachfrage nach "Bacon", den die Briten aktuell überwiegend aus Dänemark und Deutschland beziehen.

Durch den Brexit würden sich die Importe für die Inselbewohner verteuern, was die Nachfrage nach deutschem Schweine- und Geflügelfleisch verringert und somit die heimische Produktion reduzieren würde. Die anderen deutschen Agrarsektoren sind mit Produktionsänderungen von weniger als einem Prozent nicht sonderlich stark von einem Brexit betroffen.

Gibt es Bemühungen seitens der deutschen Agrarbranche, sich auf den Brexit vorzubereiten?

Dr. Florian Freund: Die gibt es gewiss. Einige Branchen bemühen sich schon seit längerem um neue Abnehmer beziehungsweise versuchen, den Handel mit bestehenden Partnern zu intensivieren, um mögliche Einbußen aus dem Geschäft mit dem Vereinigten Königreich zu kompensieren.

Was bedeutet der Brexit für die britische Landwirtschaft? Bringt er ihr Vor- oder Nachteile?

Dr. Florian Freund: Aufgrund der Handelsbarrieren wird wohl ein Teil der Importrückgänge durch eine vermehrte heimische Agrarproduktion ersetzt werden. Dies führt zu einer höheren Wertschöpfung innerhalb der britischen Landwirtschaft. Das Ganze geht allerdings zu Lasten der dortigen Verbraucher. Denn aufgrund der gestiegenen Preise – ausgelöst vor allem durch Zölle – können diese weniger konsumieren. In der Summe – da ist sich die Wissenschaft einig – birgt ein Brexit für das Vereinigte Königreich erhebliche volkswirtschaftliche Nachteile.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.